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Brandbeschleuniger fürs Lagerfeuer

Bernhard Lassahn sprach über die Anfangsjahre des Club Voltaire

Vor 40 Jahren lebte man nicht nur in einem anderen Jahrhundert, sondern in einer anderen Welt. Auch im Club Voltaire. Das Gründerzeit-Mitglied Bernhard Lassahn erinnerte sich.

08.12.2012
  • WOLFGANG ALBERS

Tübingen. Seine Haare waren lang, die Grünen gab es noch nicht, die kommunistischen Gruppen zofften sich in der Tübinger Studentenschaft. Und Bernhard Lassahn hatte Schwierigkeiten, sich zu orientieren, als er Anfang 1974 von Marburg an die hiesige Universität wechselte.

Marburg war DKP beherrscht, aber in Tübingen hasste die Linke die DKP: „Die waren die Außenseiter und galten als peinlich und geschmacksverwirrt.“ Aber es gab eine Ausnahme: In der Altstadt gab es ein kleines, altes, baufälliges Haus, in dem es einen Club gab. Manchmal riefen deshalb nachts Männer an und fragten nach Filmen. Die gab es tatsächlich, aber andere als sich das die Männer dachten. Es lief zum Beispiel die Serie: DDR heute.

Denn dieser Club Voltaire war eine Insel der DKP, und als Bernhard Lassahn dort in eine Wohnung zog, musste er jeden Montag den Ofen anheizen, wenn die DKP zur Versammlung kam. In den Club war Lassahn mal eines Abends hereingestolpert, hatte ein bisschen mit seinen Musikfähigkeiten angeben (er experimentierte wie viele damals als Liedermacher) und ging als Vorstandsmitglied nach Hause: „Meine Karriere hatte die Geschwindigkeit einer Quoten-Frau.“

Als Zeitzeuge ist er nun wiedergekommen, zu einer der Veranstaltungen, mit der der Club Voltaire seine 40 Jahre des Bestehens feiert. Die Haare sind noch etwas wuschelig, aber deutlich kürzer und weißer. Bernhard Lassahn ist nun Schriftsteller mit einer beeindruckend produktiven Veröffentlichungsliste, als Kinderautor ein Experte für Käpt’n Blaubär, und er lebt in Berlin.

Sein Markenzeichen ist eine kaum zu bändigende Ironie, und mit der blickte er auf seine Tübinger Jahre zurück. „Der Club Voltaire war nicht die Topadresse der Studentenbewegung“, beugte er gleich allzu verklärenden Gründungs-Mythen vor. Sondern eher isoliert im Altstadteck. Was schon an seiner Konstruktion lag: „Das als Club und Verein aufzuziehen war ein Doppelfehler – was konnte Studenten peinlicher sein. Es war die Zeit der Initiativen, in Tübingen gaben die Spontis und Anarchos den Ton an. Die wollten keinesfalls Mitgliedsbeiträge zahlen.“

So sei der Club Voltaire dagestanden „wie ein hässliches Entlein“, fast ohne Kontakt zur Stadt, der Uni, den Tübingern. „Und dann war Eckard Holler nicht mal ein richtiger Schwabe.“ Eckard Holler, der Gründungsvater: „Eigentlich war der Club Voltaire ein Club Holler.“ Als Eckard Holler Bernhard Lassahn für den Vorstand anheuerte, um den überhaupt voll zu bekommen, lockte er mit dem Argument: „Du musst nichts machen, ich erledige alles.“ So war es: „Eckard Holler war sehr affin zu Protokollen, Verträgen, dem ganzen Papierkram.“

Was für Bernhard Lassahn bedeutete: Mit einem Freund hatte er Spielraum, den Club zur Musikkneipe umzufunktionieren: „Durch mich haben sich die ersten Liedermacher eingeschleust.“ Spätestens, als Wolf Biermann kam, war auch Schluss mit der DKP-Ausrichtung. Aber sei sowieso nur Tünche gewesen. Eigentlich hatten Pfadfinder den ehemaligen Tanztreff zum Club umgebaut, und Eckard Holler sei das sein Leben lang geblieben (heute publiziert er, auch in Berlin lebend, viel zur bündischen Jugend): „Der hatte immer Brandbeschleuniger dabei - aber nicht zum Bombenbasteln, sondern fürs Lagerfeuer.“

Damals ist, wie Bernhard Lassahn so schön sagt, „der Zeitgeist notgelandet.“ Die großen Festivals begannen: „Es herrschte eine Atmosphäre von Sanftheit und Freundlichkeit, man hatte ein Bedürfnis nach Händchenhalten und umarmte sich mit Anlauf, man trug offene Felljacken, die Frauen kamen in langen wallenden Kleidern voller Erdfarben.“

Der Club war plötzlich Gesprächspartner der Blochs und der Jens‘ – späte Anerkennung. Aber am liebsten erinnert sich Lassahn an dieses: „Wir waren so herrlich dilettantisch und unbedarft, das gab es später nicht mehr.“ Weshalb er zufrieden ist in der Rückschau: „Wir sind nicht reich geworden, aber glücklich.“

Bernhard Lassahn sprach über die Anfangsjahre des Club Voltaire
„Nicht reich, aber glücklich“: Bernhard Lassahn. Archivbild: Metz

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08.12.2012, 12:00 Uhr

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