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„Er war wie ein Vater“

Beschäftigte der insolventen Neth-Firmen sind noch immer überrascht

Kein Kommentar! Viele Arbeiter, die gegen 16 Uhr gestern die Neth’sche Maschinenfabrik verlassen, sind nicht besonders gesprächig. Von einigen ist immerhin so viel zu erfahren: Ja, „es ist schlimm“. Ihre Fabrik steht vor der Insolvenz. „Und wenn man weiß, dass der Betrieb überhaupt nichts dafür kann – das ist das Schlimmste!“

18.10.2012
  • Ernst Bauer, Eike Freese

Mössingen. Rund 70 Jobs in der Region sind vom Schuldenberg im Nachlass des Mössinger Fabrikanten Wilhelm Neth bedroht. Die meisten davon in der Maschinenfabrik in der Ofterdinger Straße: 51 Menschen arbeiten hier. Und fast alle waren restlos überrascht, als Ende vergangener Woche die ersten Zeichen für das laufende Insolvenzverfahren erkennbar wurden.

„Dem Betrieb schien es immer gut zu gehen, größere Entlassungen gab es nie“, sagte gestern ein Ex-Werker dem TAGBLATT am Telefon. Wie viele andere möchte er derzeit seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – „obwohl ich ja eigentlich nur Positives sagen kann“. Der jahrzehntelange Mitarbeiter berichtet zwar von Kurzarbeit im Krisenjahr, aber auch von Überstunden in jüngerer Zeit. „Mein Geld habe ich seit den Siebzigern immer bekommen.“ Sein Eindruck: gesundes und bedachtes Wachstum der Firma, gutes Betriebsklima und immer genug Arbeit. „Noch letzten Dienstag haben wir uns zu sechst mit Kollegen und Rentnern getroffen. Die Stimmung war gut. Keiner hat etwas gewusst.“ Auch eine Ahnung von den Unternehmens-Verlusten der vergangenen drei Jahre hatte er nie. Wilhelm Neth hatte seine Fabrik als Personengesellschaft geführt.

Unter dem riesigen Dach an der Ofterdinger Straße entstehen Großteile für renommierte Werkzeugmaschinenbauer. Derzeit gehen die Beschäftigten wie üblich zur Arbeit. „Für uns Ältere ist es nicht so schlimm“, meint einer, der draußen in sein Auto steigt. Zeichen für nahtlose Übergänge in den Ruhestand. Aber: „Für unsere Jungen ist das schwierig“ – zumindest, falls sich die Werkstore tatsächlich für immer schließen sollten.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, lächelt ein Mechaniker, Einpendler aus Bisingen. „Das trifft einen schon hart, wenn man 59 ist.“ Sollte er seine Stelle bei Neth verlieren, rechnet er mit massiven Schwierigkeiten, wieder eine Beschäftigung zu finden. Der vorläufige Insolvenzverwalter, Anwalt Gerhard Walter, berichtet dem TAGBLATT von einem vergleichsweise hohen Altersschnitt der Belegschaft. Und auch ein Mössinger Werker sagt am Telefon: „Die meisten von uns sind 20, 30, 40 Jahre dabei.“ Die Beschäftigten bekommen ihr Geld als Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit – rückwirkend für September und noch bis Ende November.

Derweil hält sich die Existenzangst oben, im großen Handels- und Dienstleistungshaus „Delicasa“ in Grenzen. Die Schulden, die auf der Immobilie lasten – und damit auch die Maschinenfabrik in die Miesen reißen –, haben mit den meisten Firmen im Innern nichts zu tun. „Der Betrieb läuft ganz normal weiter“, sagt etwa Alfred Jagersberger, Chef und Wirt des Restaurants im Gebäude. Es seien genug Reservierungen da. „Wir sind ja nur Mieter.“ Jagersberger beschäftigt 28 Leute und hat damit den größten Gastronomiebetrieb in Mössingen.

Wie andere Unternehmen im Delicasa läuft das Restaurant – doch die Gesamtauslastung des Baus war über die Jahre nie so, dass sie die Kosten deckte. „Natürlich haben wir über das große Gebäude in der Belegschaft diskutiert“, sagt ein 61-jähriger früherer Arbeiter. „Auch darüber, woher das Geld für den Bau kommt. Aber Wilhelm Neth hat immer wieder Dinge gekauft. Das war für uns auch ein Zeichen seines Erfolgs.“

Überhaupt war der Firmenpatriarch offenbar bei vielen Arbeitern angesehen. „Sonst hätten es viele gar nicht so lange bei ihm ausgehalten“, sagt einer. In den einzelnen Firmen beschäftigte Neth Verwalter – zeigte aber vor allem in der Maschinenfabrik Präsenz. „Ich fand ihn einen guten Chef“, sagt ein Ex-Werker. „Als ich nach der Lehre bei ihm angefangen habe, war er gerade zu uns Jüngeren wie ein Vater.“

Beschäftigte der insolventen Neth-Firmen sind noch immer überrascht
Der Blick geht nach vorn: Noch im Dezember 2003, wenige Monate vor der Verwirklichung des „Delicasa“-Traums, strahlten Alexandra Neth und ihr Vater Wilhelm Neth beim Richtfest im Mössinger Gebiet Schlattwiesen. Alexandra Neth verstarb im Mai, Wilhelm Neth im Juli dieses Jahres. Der Nachlass des Seniors ist hoch verschuldet – vor allem aufgrund des für Mössinger Verhältnisse sehr groß dimensionierten Gewerbezentrums.Archivbild: Franke

Oberbürgermeister Michael Bulander zeigt sich besorgt um den möglichen Verlust von 70 Arbeitsplätzen. „Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt“, sagte Bulander gestern dem TAGBLATT. „Es macht mich betroffen, was jetzt auch auf die Familie zukommt.“ Solche Schicksalsschläge, wie sie die Familie Neth träfen, müsse man erstmal verkraften. Die Kritik an der städtischen Ansiedlungspolitik, die keine zentrenrelevanten Sortimente im Delicasa erlaubt, verfängt seiner Ansicht nach nicht: „Die Vorgaben im Regionalverband sind ganz klar, dass wir solche Sortimente am Rand nicht zulassen dürfen. Wir müssen die Innenstadt stärken.“

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18.10.2012, 12:00 Uhr

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