Empfingen · Wirtschaft

„Beschäftigte sind bestürzt“

Das Unternehmen Ceratizit plant wohl, den Standort Empfingen auf 200 Beschäftigte herunterzufahren. Das führt zu massivem Stellenabbau.

19.11.2020

Von Michael Stock

Hiobsbotschaft für den Standort Empfingen: Die Firma Ceratizit hat angekündigt, Stellen zu streichen.Bild: Karl-Heinz Kuball

Immer stärker wird deutlich, wie sehr die Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt durchschlägt. Jetzt trifft es auch Beschäftigte der Ceratizit-Gruppe am Standort Empfingen. Das Unternehmen hat – wie dieser Tage viele andere Unternehmen auch – Stellenstreichungen angekündigt. Für Georg Faigle, den 2. Bevollmächtigten der Geschäftsstelle bei der IG Metall Freudenstadt, kommt der geplante Stellenabbau nicht unbedingt überraschend, die Dimension allerdings verwundert ihn dann doch.

Er selber sei zwar nicht bei der Belegschaftsversammlung am Dienstagmittag dabei gewesen, „aber ich kann die Zahl bestätigen, dass Ceratizit plant, den Betrieb auf insgesamt 200 Beschäftigte herunterzufahren“. Bei einer Gesamtbeschäftigtenzahl von rund 325 Mitarbeitern bedeute dies, dass wohl 125 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, also mehr als ein Drittel. Vergangenen Juli war noch von 40 Stellen die Rede. In einer Pressemitteilung vom Dienstag teilte Ceratizit mit, mit dem Stellenabbau auf den durch die Corona-Krise weiter gestiegenen Kostendruck zu reagieren.

„Wir haben damit gerechnet, dass ein Stellenabbau kommen würde, aber dieses Ausmaß ist schon überraschend“, sagte Faigle gestern gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Vor allem die Beschäftigten seien „geschockt und bestürzt“ gewesen. Dass es sich um so viele Stellen handeln würde, „diese Dimension ist auch mir neu“, ergänzt Faigle. Betroffen seien mehrere Bereiche, welche genau, konnte er am Mittwoch aber noch nicht sagen. Man habe zwar gewusst, dass Maßnahmen von Seiten des Arbeitgebers begonnen worden seien „und wir wussten, dass es eine Vorstandsentscheidung geben würde. Das hier ist aber schon eine harte Nummer“, so Faigle.

Was den IG Metall-Vertreter stört, ist, dass sich der Arbeitgeber sehr stark auf Corona beziehe, „auch deswegen ist es jetzt unsere Aufgabe und die des Betriebsrats, nachzuschauen wie die Situation aktuell genau ist. Wir werden eine wirtschaftliche Analyse machen lassen, einen betriebswirtschaftlichen Sachverstand hinzuziehen. Das ganze Konzept des Arbeitgebers muss durchleuchtet werden. Ganz sicher sind noch viele Fragen offen“, sagt Faigle.

In der Pressemitteilung von Seiten Ceratizits hieß es auch, dass die Umsetzung der geplanten Restrukturierung für die betroffenen Mitarbeiter so sozialverträglich wie möglich erfolgen soll. Faigle dazu: „Wir wollen natürlich, dass überhaupt keine Plätze abgebaut werden. Deswegen kämpfen wir auch mit dem Betriebsrat zusammen.“ Für mögliche Lösungen sei es aber noch zu früh. „Was unter sozialverträglich zu verstehen ist, wissen wir nicht, da müssen wir die Analyse abwarten. Wie lange das dauert, bis wann die Zahlen da sind, weiß man nicht. Aber die schauen wir uns dann an und beraten das weitere Vorgehen“.

Entgangen ist Faigle nicht, dass es im gesamten Konzern zu Veränderungen kommt. Dabei verweist er unter anderem auf die Mitteilung des Unternehmens, das auf seiner Homepage vermeldet hat, dass der Standort Hitzacker geschlossen werden soll.

Dass Unternehmen Corona als Begründung für Stellenstreichungen ins Feld führen, ist für Faigle zu kurz gedacht. Er wisse schon, dass es bei Ceratizit einen Umsatzrückgang gebe, aber deswegen gleich Arbeitsplätze abzubauen, sieht er mindestens kritisch. Auch hier sei es Aufgabe des Betriebsrats, zu prüfen, wie es denn tatsächlich aussieht, „gibt es etwa andere Möglichkeiten? Nach Corona wird das Geschäft ja auch wieder anziehen. Was man dieses Jahr verloren hat, kann man nächstes Jahr aufholen, auch wenn man nicht ganz an die vorangegangenen Umsätze rankommt. Sie können wieder nach oben gehen, wenn sich die Krise verflüchtigt hat“, meint er.

Wettbewerbsfähig bleiben

Und in dieser Hinsicht ist er vorsichtig optimistisch, als Beispiel nennt er einen womöglich bald verfügbaren Impfstoff. „In den USA, der EU und China sind sie zuversichtlich, dass es wieder nach oben geht. Dann muss Ceratizit gut aufgestellt sein, um Zuwächse für sich zu gewinnen und nicht der Konkurrenz zu überlassen. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Faigle. Dazu bräuchte es den Standort Empfingen, denn „gerade die Qualität und das Engagement der Beschäftigten in Empfingen macht diesen Standort aus. Dort versteht man was vom Geschäft“, so Faigle abschließend.

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Erstellt:
19. November 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2020, 01:00 Uhr

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