Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Leitartikel · Bundeswehr

Beschwerdedienst

„Als Zivilisten seid Ihr gekommen, als Menschen werdet Ihr gehen.“ Die Zeiten, in denen so das Selbstverständnis einer Armee als Schule der Nation definierte, sind seit 100 Jahren vorbei.

16.03.2018

Von CHRISTOPH FAISST

Daran, dass der Soldatenberuf kein Job ist wie jeder andere und dass sich das in der Ausbildung niederschlagen muss, hat sich nichts geändert. Mut, Belastbarkeit und Selbstüberwindung sind unverzichtbar. Die Klagen über tatsächliche oder angebliche Überforderung in der Bundeswehr zeigen, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen. Die Soldaten, die bei einem Lehrgang in Pfullendorf ausfielen, waren immerhin Offiziersanwärter.

Die Debatte über mögliche Missstände ist wichtig. Zu oft hat Korpsgeist Vorgänge unter der Decke gehalten, die einer Untersuchung bedürfen. Nicht jeder Drill ist Schinderei – doch wo liegt die Grenze? Die Antwort hat viel mit den geänderten Rahmenbedingungen zu tun: Die Bundeswehr soll mit weniger Personal mehr leisten; die Neigung, sich zu beschweren, steigt in allen Lebensbereichen; die Staufer-Kaserne in Pfullendorf steht wegen bizarrer Rituale in der Kritik – was aus dem Rahmen fällt, kann nur ein weiterer Skandal sein. Doch diese Sicht der Dinge greift zu kurz.

Dicke Soldaten („Deutsche Panzer rollen wieder“) gab es schon immer, sadistische Ausbilder („Meine Stimme gegen Eure Beine“) ebenso. Vor 30 Jahren schluckten das die meisten, wenn auch maulend. Von kaum einem Marsch kamen alle auf ihren eigenen zwei Beinen zurück. Deswegen die Zeitung anrufen? Undenkbar. Heute stehen deutsche Soldaten wieder in Gefechten und müssen sich vom Baltikum bis Afrika an alle Klimazonen gewöhnen. Sie erwarten zu Recht, korrekt behandelt zu werden.

Seit dem Ende der Wehrpflicht 2011 ist die Bundeswehr bemüht, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Doch es melden sich zu wenige Freiwillige. Das Anforderungsprofil sinkt. Mangelnde Fitness ist ein Dauerthema. Schon zu Zeit der Wehrpflicht erfüllten knapp 40 Prozent der Rekruten die sportlichen Minimalanforderungen nicht. Das Phänomen häuft sich im wichtiger werdenden oberen Bildungssegment. Ein Boulevard-Blatt lästert: „IT-Feldwebel darf übergewichtig sein.“ Der jüngste Bericht des Wehrbeauftragten befasst sich mit skurrilen Details wie der Frage, ob kleine Soldaten durch die Body-Mass-Berechnung diskriminiert werden. Parallel dazu wird bekannt, dass alle sechs deutschen U-Boote nicht einsatzfähig sind, weil während der Entspannung der vergangenen 20 Jahre keine Lieferverträge für Ersatzteile abgeschlossen wurden.

Wenn US-Präsident Donald Trump Deutschland vorwirft, zu wenig für die Verteidigung zu tun, lässt sich das nicht ganz von der Hand weisen. Das Umdenken hat begonnen, doch bis sich Resultate zeigen, wird viel Zeit vergehen. Die systematische Abrüstung lässt sich nicht kurzfristig rückgängig machen. Das gilt auch für die Personalgewinnung. Klasse statt Masse muss die Devise lauten. Wer nicht genügt, gehört ins Zivilleben – egal, ob überforderter Anwärter oder überfordernder Ausbilder.

leitartikel@swp.de

Zum Artikel

Erstellt:
16. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen