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Hausbesetzung in Tübingen: Ein Ort um Ideen auszutauschen

Besetzer wollen auf Wohnungsnot aufmerksam machen

Eine Gruppe junger Erwachsener besetzte am Wochenende das Gebäude Eisenbahnstraße 41 auf dem Gelände des Tübinger Güterbahnhofs. Bis das Haus im Zug der Neubebauung des Güterbahnhof-Geländes abgerissen wird, will es die Gruppe als kulturellen Treffpunkt nutzen.

04.12.2014
  • Michael Sturm

Tübingen. Auffällig war die Gruppe schon, die letzten Samstag die Eisenbahnstraße in östlicher Richtung entlang zog: Mindestens 250 Leute machten sich auf, um das Gebäude Eisenbahnstraße 41 in Beschlag zu nehmen. Abgesehen von der einen oder anderen zerborstenen Fensterscheibe fanden die Besetzer ein Gebäude vor, das innen gut in Schuss gehalten worden war und alles andere als abgewohnt wirkte. Die Wände sahen aus, als wären sie jüngst gestrichen und dann mit fröhlichen kleinen Figuren bemalt worden. Wasser und Strom liefen noch. Das Haus wäre bezugsfertig, würde es nicht auf dem Areal des Tübinger Güterbahnhofs liegen, das in absehbarer Zeit überbaut wird – das Gebäude wird dann abgerissen.

Besetzer wollen auf Wohnungsnot aufmerksam machen
Das am Wochenende besetzte Haus Eisenbahnstraße 41: Nach außen wirkt es verlassen. Die nahe des Schornsteins wehende Fahne signalisiert jedoch, dass dort im Moment einiges an Leben darin ist. Bild: Sommer

Die Initiatoren der Besetzung hatten herausgefunden, dass das Haus seit einiger Zeit leer steht. Letzter Nutzer war die TOS-Gemeinde, eine evangelische Freikirche. Sie bezog Ende April neue Räume in der Tübinger Innenstadt. Die Fläche vor dem Gebäude ist an die Firma Kemmler verpachtet, deren Firmengelände schräg gegenüber liegt. Die Firma nutzt den Platz hauptsächlich als Parkraum für ihre Mitarbeiter, teilweise auch als Abstellplatz für ihre Transportfahrzeuge. Das Gelände gehört zum ehemaligen Tübinger Güterbahnhof. Mit dessen Abwicklung ist die Gesellschaft Aurelis Real Estate, mit Sitz im hessischen Eschborn beauftragt worden.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

Bis zum Abriss möchte die Gruppe das Gebäude nutzen. Als „Raum für soziales Miteinander, zum Austausch für Informationen und Meinungen, mit Workshops, Konzerten und anderen kulturellen Events“, so der Wortlaut eines öffentlichen Briefs, den die Gruppe verfasste und der dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT vorliegt.

Besetzer wollen auf Wohnungsnot aufmerksam machen
Lagebesprechung und Dokumentation: Die Besetzer rekapitulierten am Montag das Geschehen vom Wochenende. Bild: Sturm

Die Gruppe möchte mit dieser Aktion auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum hinweisen. Sie beruft sich auf Zahlen des Marktforschungsunternehmens F+B mit Sitz in Göttingen: Demnach liegen die Mieten in der Stadt 28 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. Die Gruppe verweist darüber hinaus darauf, „dass immer mehr Altbauten abgerissen oder saniert werden, um Luxuswohnungen zu schaffen“, während anderswo bezugsfertige Gebäude leer stünden.

Niemandem soll Schaden entstehen

Ein Schaden, betonten die Sprecher der Gruppe, solle niemandem entstehen. Man wolle für die während der Besetzung entstehenden Kosten für Strom und Wasser über Spenden aufkommen. Zudem suche man die Kommunikation mit den Eigentümern und der Stadt: „Dieses Projekt ist ein praktischer, gewaltfreier und dialogorientierter Protest, um Aufmerksamkeit für die Wohnraumproblematik in Tübingen zu schaffen“, so das Kommuniqué der Gruppe.

„Bis Donnerstag letzter Woche gab es noch gar keine Gruppe“, sagte einer der Sprecher, der sich „Oli“ nennt. Geschlossenes Vorgehen sei nicht geplant. Man heiße vielmehr alle willkommen, die Ideen für die Nutzung einbringen möchten, wie einerseits das Gebäude in der Zeit bis zum Abriss, andererseits das Stadtleben insgesamt kreativ und sozial gestaltet werden könne.

Besetzer wollen auf Wohnungsnot aufmerksam machen
Eine schwarz-rote Fahne kennzeichnet den offiziellen Zugang. Bild: Sommer

Abgesehen von den Initiatoren kannten sich offenbar die wenigsten, die am Samstag über die Laderampe und eine Wendeltreppe an der Außenwand durch eine enge Luke ins Gebäude mitkamen. Dort war bereits eine Musikanlage aufgebaut, bereit eine Party zu untermalen. Insgesamt um die 500 Personen feierten. Sie hatten zuvor mündlich vom Termin, zunächst allerdings nicht den Ort erfahren.

Eine Polizeistreife, der die große Gruppe wohl aufgefallen war, habe sich erkundigt, so Mitglieder der Besetzer-Gruppe. Doch laut Sven Heinz, einem der Pressesprecher der Polizei, fiel den Kollegen nichts auf, was sie zum Eingreifen gezwungen hätte: „Es liegt kein Eintrag vor. Weder für Ruhestörung noch seitens des Besitzers.“

Wie kann man das Gebäude nutzen?

Nach der Party am Samstag überlegten sich einige der Teilnehmer, wie es weitergehen soll. Schon im Vorfeld hatten die Initiatoren Gedankenspiele angestellt, wie man das Gebäude in nächster Zeit nutzen könne. Allen sei klar gewesen, dass die Zeit, darüber zu verfügen, endlich sei und dass man sich nicht gegen eine Vertreibung wehren wolle. Am Montag fanden sich einige zu einem spontanen Plenum zusammen. Sie beschlossen, täglich zusammen zu kommen, um über Perspektiven zu beraten. Für die laufende Woche wurden kulturelle Programmpunkte beschlossen: Ein Puppentheater und verschiedene Workshops werden stattfinden. Zudem wurde andiskutiert, eine Zeitung zum Projekt erscheinen zu lassen.

Stadtplaner fühlt sich gut angesprochen

Das Amt von Baubürgermeister Cord Soehlke erfuhr erst gestern von der Aktion. Man erinnerte sich gleich an die Besetzung der Güterhalle – ebenfalls an der Eisenbahnstraße, aber weiter stadteinwärts – vor eineinhalb Jahren. Stadtplaner Tim von Winning reagierte positiv auf den Ton des offenen Briefs wie auf dessen Inhalt: „Da fühlt man sich gut angesprochen. Mit den Zielen der Gruppe kann ich mich auch gut identifizieren.“

Er kündigte an, dass man das Gespräch suchen werde. So habe man es bereits vor eineinhalb Jahren im Fall der besetzten Güterhalle praktiziert. Seinem Amt sei daran gelegen, Strategien zu entwickeln, die man zur Linderung der angespannten Situation im Tübinger Wohnungsmarkt anwenden könne. Das Gebäude als einen Ort für den Austausch von Ideen zu betrachten, sei ein ganz anderes Signal als das der „klassischen“ Hausbesetzung, die auf dauerhaften Beschlag ziele, so von Winning.

Ziele der Besetzer decken sich mit denen der Stadt

Sein Mitarbeiter Reinhard Vögele verwies darauf, dass man beim Projekt Güterbahnhof in Verhandlungen mit der Betreibergesellschaft Aurelis erreicht habe, dass 20 Prozent der Bruttogeschossflächen für sozialen Wohnungsbau genutzt werden: „Das ist mehr als in anderen Entwicklungsgebieten der Stadt und daher ein gutes Ergebnis für uns.“ Zudem habe man bewirkt, dass Baugruppen an der Erschließung mit 25 Prozent der Bruttogeschossflächen beteiligt werden: „Das war uns wichtig“, so Vögele. Allerdings, so die beiden Stadtplaner unisono, verhindere die Rechtslage, dass die Stadt eine temporäre Nutzung aussprechen dürfe.

Der Tübinger Baubürgermeister Cord Soehlke reagierte schnell: Er machte sich noch gestern Abend ein Bild von der Situation.


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