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Die Probleme von der Seele schreiben

Besonders Studierende nutzen das Online-Angebot der Beratungsstelle

Wenn Hans-Peter Frank am Montagmorgen seinen Computer hochfährt, hat er viel Mailpost zu beantworten. Die psychologische Beratungsstelle in der Brückenstraße bietet seit November 2009 eine Online-Beratung an.

09.10.2010
  • Christiane Hoyer

Kreis Tübingen. Vor allem nachts schreiben sich die Ratsuchenden ihre „Probleme von der Seele“, berichtet Frank. Bis zu vier bedruckte Din A4-Seiten füllen sie, Absender sind oft Erwachsene, die unter Depressionen leiden und in einer schwierigen Partnerbeziehung leben. In den elektronischen Briefen wird häufig die belastende Situation am Arbeitsplatz oder in der Ausbildung thematisiert. Besonders oft wenden sich Studierende und Frauen an die Online-Berater, berichtet der Psychotherapeut Frank.

Er hat sich zusammen mit drei anderen Kollegen auf das neue Online-Beratungsangebot spezialisiert. Es soll Menschen mit akuten Problemen quasi eine erste schnelle Hilfe anbieten – bis sie einen Termin fürs Erstgespräch in der Beratungsstelle bekommen. Bis zu vier Mail-Kontakte bieten die Online-Therapeuten an. Bei komplexen Schwierigkeiten „vermitteln wir auch an andere Hilfsstellen weiter“, sagt Frank.

Seit Anfang diesen Jahres haben 58 Frauen und Männer von der neuen Online-Beratung Gebrauch gemacht. Überhaupt nicht genutzt haben Jugendliche die Webmail-Beratung – Träger ist die katholische und evangelische Kirche. Leiter Ulrich Schlude-Nießen erklärt sich das unter anderem damit, dass es viele andere Hilfs-Angebote für Jugendliche im Netz gibt, die für sie leichter zugänglich sind – zum Beispiel „Sextra“ von Pro Familia oder auch „Youth Life Line“ vom Arbeitskreis Leben in Tübingen.

Neu für die Therapeuten ist, dass sie ihre Beratung nicht mehr im Vier-Augen-Gespräch vornehmen und dass ihr Dialog „schwarz auf weiß in gedruckter Form vorliegt. „Überrascht“ war Frank darüber, wie sehr sich die Ratsuchenden im anonymen Web mit ihren persönlichen Problemen öffneten und dies auch schriftlich zum Ausdruck bringen konnten. „Das Schreiben selbst ist schon eine Form der Seelenarbeit“, sagt Schlude-Nießen.

Ungefähr zehn Prozent der Ratsuchenden würden im Anschluss an den Online-Kontakt die Beratung in der Brückenstraße fortsetzen. Dort haben es die Mitarbeiter mehr denn je mit „auseinander brechenden Familien“ zu tun. 42,5 Prozent der Eltern, die 2009 die Brückenstraße wegen Erziehungs- und Familienproblemen aufsuchten, leben allein ohne Partner. „Die Fähigkeit der Menschen, Spannung auszuhalten, hat stark abgenommen“, sagt Schlude-Nießen. „Alles muss schnell gelöst werden“.

Mehr Zeit als formal vorgesehen benötigen die Mitarbeiter der Beratungsstelle auch für jene Fälle, die ihnen vom Jugendamt des Landkreises nach dem seit 2008 gültigen Kooperationsvertrag zugewiesen werden. Oft, so Schlude-Nießen, dauerte die Beratungsarbeit „mehrere Monate bis über ein Jahr“. In der Regel gehe es dabei weniger um auffällig gewordene Kinder und Jugendliche. Vielmehr müssten ihre Bezugspersonen „gestützt und in ihrer Selbstachtung aufgebaut werden“.

Besonders gelingen kann die Arbeit zwischen den Klienten des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) und der Beratungsstelle nach den Erfahrungen von Schlude-Nießen, wenn die betroffenen Eltern zur Mitarbeit bereit sind und der ASD-Kollege beim Erstgespräch dabei ist. Insgesamt lobt er die „gute Zusammenarbeit“ mit der psychologischen Beratung des Landkreises und den engeren Kontakt zum Jugendamt.

Nicht glücklich sind die Mitarbeiter der Brückenstraße allerdings darüber, dass ihr Klientel vor allem bei den Beratungsstunden in den Außenstellen Mössingen und Rottenburg glaubt, „dass wir vom Jugendamt sind“, so der Leiter. Es müsse aber für die Ratsuchenden „klar und durchschaubar bleiben, dass wir keine Verwaltungs- und Kontrollgemeinschaft des Jugendamts sind. Sonst haben wir keine Chance auf Vertraulichkeit“.

Besonders Studierende nutzen das Online-Angebot der Beratungsstelle
Schlude-Nießen

Besonders Studierende nutzen das Online-Angebot der Beratungsstelle
Frank

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09.10.2010, 12:00 Uhr

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