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„Besser als vorausgesagt wurde“
Gundula Roßbach: „Mehr als 97 Prozent benötigen keine Leistungen der Grundsicherung.“ Foto: Bildquelle
Rentenversicherung

„Besser als vorausgesagt wurde“

Präsidentin Gundula Roßbach über die aktuelle Lage, die übertriebene Furcht vor der Altersarmut und warum sich das System der Vorsorge bewährt hat.

13.01.2018
  • DIETER KELLER UND ANDRE BOCHOW

Berlin. Bescheiden geht es zu bei der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin. Das Gebäude der Geschäftsführung atmet den Charme der 50er Jahre. Gundula Roßbach bringt frischen Wind herein: Mit der 53-Jährigen sitzt erstmals eine Frau auf dem Präsidentenstuhl. Sie hat derzeit jede Menge zu tun.

Frau Roßbach, Union und SPD wollen laut Sondierungsergebnis das Rentenniveau auf dem heutigen Stand von 48 Prozent bis 2025 einfrieren. Ist das aus Beitragsmitteln zu stemmen, oder müssen dann die Beiträge steigen?

Gundula Roßbach: Die Rentenversicherung begrüßt, dass die Vereinbarungen zwischen Union und SPD auf lange Sicht eine doppelte Haltelinie für Beiträge und Rentenniveau vorsehen. Die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis 2025 ist ein Schritt, um das Vertrauen der Bürger in die Stabilität und Solidität der gesetzlichen Rentenversicherung zu stärken. Die Höhe der Mehrkosten hängt von den weiteren Reformmaßnahmen und ihrer Finanzierung ab.

Für Mütter soll es ab dem dritten Kind, das vor 1992 geboren wurde, mehr Mütterrente geben. Ist das aus Beitragsmitteln zu finanzieren?

Dies kostet bis zu vier Milliarden Euro jährlich. Bei der Verbesserung der Kindererziehungszeiten handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie muss in vollem Umfang aus Steuermitteln finanziert werden.

Die Grundrente von 10 Prozent über dem Grundsicherungsbedarf soll für Versicherte kommen, die mindestens 35 Beitragsjahre haben. Ist das eine Lösung gegen die Altersarmut?

Die Rentenversicherung fordert, dass die Grundrente aus Steuermitteln finanziert wird. Die Bedürftigkeitsprüfung muss weiter vor Ort durch die Grundsicherungsämter erfolgen. Leistungen nach Bedürftigkeit sind der Rentenversicherung fremd, dafür haben wir nicht die Verwaltungskapazitäten.

Jeder zweite Bundesbürger befürchtet, dass Rente und Ersparnis für den Ruhestand nicht ausreichen. Versagt die Rentenversicherung?

Bislang funktioniert das Alterssicherungssystem in Deutschland gut. Mehr als 97 Prozent derjenigen, die jetzt in Rente sind, benötigen keine Grundsicherungsleistungen. Das ist der Istzustand. Und der ist besser als der, der vor zehn Jahren vorausgesagt wurde. Jetzt geht es um die Zukunft. Wir haben uns in Deutschland dafür entschieden, nicht mehr nur auf die gesetzliche Rente zu setzen, sondern auch auf die Betriebsrenten und auf die private Vorsorge – also auf das sogenannte Drei-Säulen-Modell. Das muss man als Gesamtpaket betrachten.

Aber ein Gefühl für die Situation werden Sie doch haben. Sorgen sich viele Menschen denn zu Unrecht wegen des finanziellen Auskommens im Alter?

Erst einmal muss jeder selbst auf seine eigene Altersvorsorge schauen. Es macht mir Sorge, dass viele junge Leute das nicht im Blick haben. Wir bieten hier als Rentenversicherung neutrale und objektive Informationen an. Beispielsweise ist die Riester-Rente für Frauen mit Kindern ein Angebot, bei dem es so viele staatliche Zuschüsse gibt wie nirgendwo.

Gerade die Riester-Rente ist in Verruf geraten. Unter anderem weil sie auf die Grundsicherung im Alter angerechnet wird.

Ja, aber da gab es wichtige gesetzliche Änderungen. Seit Beginn dieses Jahres sind bis zu 100 Euro anrechnungsfrei. Liegt die Riester-Rente über 100 Euro, werden 30 Prozent des Betrages, der über den 100 Euro liegt, nicht angerechnet. Bei 160 Euro Riester-Rente zum Beispiel bleiben 118 Euro, die zur Grundsicherung hinzukommen.

Gerade bei Start-ups und in der digitalen Welt arbeiten viele als Selbstständige, ohne fürs Alter vorzusorgen. Ist bei ihnen Altersarmut programmiert?

Wir stellen fest, dass schon jetzt doppelt so viele Selbstständige Grundsicherung im Alter beantragen müssen wie in anderen Berufsgruppen. Zudem sind viele nicht immer selbstständig. Es gibt einiges Hin und Her zwischen abhängiger Beschäftigung und Selbstständigkeit. Daher begrüßen wir eine verpflichtende Altersvorsorge für Selbständige.

Und das sollte die gesetzliche Rentenversicherung übernehmen, oder sollte es auch die Möglichkeit geben, eine private Versicherer zu wählen?

Die vorgeschlagene „Opt-out-Lösung“, bei der die Rentenversicherung Priorität hat, ist eine Möglichkeit, auf diese Situation zu reagieren. Wir haben auf jeden Fall ein gutes Angebot, beispielsweise die Reha-Leistungen oder eine Absicherung bei Erwerbsminderung. Bei privaten Angeboten sollte zumindest abgedeckt werden, was die Rentenversicherung an Leistungen anbietet.

Bisher ist festgelegt, dass das Rentenalter bis 2032 auf 67 Jahre steigt. Ist das das Ende der Fahnenstange?

Da müssen wir uns sicherlich erst die weitere Entwicklung anschauen: Was passiert auf dem Arbeitsmarkt und wie geht es etwa mit der Zuwanderung weiter. Das ist auch eine Frage der Prognosen. Im Moment steigt das reale Rentenzugangsalter stetig. Wir sind jetzt bei knapp über 64 Jahren.

Trotz der Rente mit 63?

Ja. Es gibt also noch Luft nach oben bis 67. Wir müssen das erst einmal erreichen. Wenn sich beispielsweise die Erwerbsbeteiligung verändert, wirkt sich das auf die Basis aus. Vor zehn Jahren dachten wir noch, dass der Beitragssatz steigt und das Rentenniveau stärker sinkt. Die aktuellen Zahlen zeigen eine günstigere Entwicklung.

Frauen sind in Spitzenpositionen immer noch selten. Ist es in der Verwaltung besonders schwer, nach oben zu kommen? Wie haben Sie es als erste auf den Präsidentenstuhl geschafft?

In der Verwaltung gibt es sogar mehr Frauen als in anderen Bereichen. Über 70 Prozent der Beschäftigten der Rentenversicherung sind Frauen. Für mich waren Führungspositionen nie eine Frage des Geschlechts, sondern wie man sich einbringt, sein Netzwerk knüpft und seine Leistung präsentiert. Dann hängt es wie immer im Berufsleben von vielen glücklichen Zufällen ab, dass man auch die Möglichkeit bekommt, bestimmte Positionen einzunehmen. So sind wir jetzt gleich zwei Frauen im dreiköpfigen Direktorium. Im Haus wurde viel für Frauenförderung getan und die Möglichkeit geboten, auch nach der Kindererziehungszeit Karriereschritte zu unternehmen.

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13.01.2018, 06:00 Uhr

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