Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Themen-Gräber und Sarg-Trikots

Bestatter Werner über den Wandel auf dem Friedhof

Auf heimischen Friedhöfen bewegt sich etwas: Themengräber, Baumbestattungen, Gemeinschaftsgräber. Jochen Werner, 39, ist seit 1994 Bestattermeister und hat den jüngsten Wandel hautnah mitbekommen.

29.06.2012

TAGBLATT: Herr Werner, seit ein paar Jahren gibt es in Deutschland Baumbestattungen und Themengrabfelder, Gemeinschafts-Urnengrabfelder, Früh- und Fehlgeburtengrabstellen, Friedwälder und Rasengräber. Ist das noch Wandel einer gewachsenen Kultur – oder muss man schon von Produktvielfalt, Trends und Marketing sprechen?

Jochen Werner: Nein, das ist tatsächlich Wandel in der Gesellschaft. Es gibt veränderte Bedürfnisse bei vielen, vielen Menschen.

Welche sind das?

Ein Beispiel: Das, was derzeit fast alle Neuerungen beeinflusst, ist etwa das reale Bedürfnis nach einem pflegeleichten Grab.

Was ist denn ein pflegeleichtes Grab ?

Ein Rasengrab etwa, mit individuellem Grabstein und einem kleinen Platz, wo Blumen abgestellt werden können. Das ist ein Grab, wo man hingehen kann, aber nicht hingehen muss, um es zu pflegen.

Aha! Das Motiv ist also Bequemlichkeit.

Das ist zu einfach gedacht. Der Wunsch kommt auch von Menschen der Generation, die geht. Diese Leute sagen: „Ich möchte Euch, den Hinterbliebenen, die Mühe der jahrzehntelangen Pflege ersparen.“

Das klingt traurig. Meine Großeltern-Generation war oft noch jeden Tag am Grab ihrer Verwandten …

Nun, das Leben ändert sich, man sollte dafür offen bleiben. So wissen viele Menschen einfach nicht mehr, ob der eigene Arbeitsplatz in den nächsten zehn oder zwanzig Jahre noch in der Region ist. So etwas schafft neue, angemessene Angebote.

Und ein alle verbindendes Ritual, das vielen älteren Menschen etwas bedeutet hat, geht verloren: der regelmäßige Friedhofsbesuch.

Vielleicht ein Stück weit. Aber die Entwicklung kann auch erstmals dazu führen, dass sich die Menschen bewusst fragen: Welche Form der Grabstelle ist mir und meinen Angehörigen wirklich angemessen? Wie würden Sie empfinden, wenn Sie im Sommer dreimal in der Woche ans Grab eines Ihnen nahen Menschen gehen müssten, um es zu pflegen – und dann erst nach Hause?

Na, so wie eine Grabstelle gedacht ist, ist sie ja bleibender Ausdruck einer Beziehung. Und damit auch eine Frage von Nähe und Spielraum.

Sehen Sie! Wem die traditionelle Beziehung wichtig ist, kann auch weiterhin eine klassische Grabstelle wählen. Aber mehr Spielraum wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger.

Auch finanzieller Spielraum, nehme ich an.

Sicher. Kosten sind ein Teil, den es ganz offen zu bedenken gilt.

Schämen sich die Leute eigentlich, wenn sie gerade an einer Bestattung sparen müssen? Geben sie dann mehr Geld aus, als sie sich eigentlich leisten können?

Ich selbst achte bei einer Beratung darauf, ob ein konkreter Wunsch ein bewusster Wunsch ist – oder ob er von Angst oder Scham geprägt ist. Aber für mich geht es auch immer um Respekt: Wenn ein Mensch trauert, ist er deswegen ja nicht auch gleich unmündig.

Wo kommt denn beispielsweise das Bedürfnis nach einer Baumbestattung her? Warum nimmt man plötzlich Bäume statt Steine? Naturromantik?

Na, in Mössingen hat das 20 Jahre Geschichte – und einen praktischen Hintergrund. Anonyme Bestattungen wurden hier um einen Baum herum gruppiert. Als Anhaltspunkt.

Und was sollen plötzlich Themen-Grabfelder? „Fluss der Zeit“ oder „Rosengarten“ auf dem Tübinger Bergfriedhof?

Da werden bestimmte Themen einfach künstlerisch aufgenommen, für Gemeinschaftsanlagen ...

... die aber, mit Verlaub, reichlich individuell ausfallen können. Man könnte auch sagen: Geschmackssache.

Das ist es. Das Individuelle wird immer wichtiger. Nehmen Sie als extremes Beispiel den Altonaer Friedhof in Hamburg. Da gibt es seit 2008 ein HSV-Gemeinschaftsgrab, einem Stadion nachempfunden.

Muss das sein? So ein Friedhof ist doch ein öffentlicher Raum. In Mössinger würde sich sicher Widerspruch regen, wenn auf dem Stadtfriedhof ein SpVgg-Themengrab entstehen sollte ...

Immer wenn etwas individuell wird, polarisiert es. Deshalb ist es für Kommunen wichtig, Angebote angemessen in einen Ort zu integrieren, etwa in eigene Abteilungen. Große Friedhöfe wie in Hamburg sind dafür klar besser geeignet.

Sache der Gemeinde ist es auch, Raum für interkulturelle Bestattungen zu schaffen. In Mössingen könnte bald ein muslimisches Grabfeld entstehen ...

... für welches das Land in den vergangenen Jahren die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hat. Es ist möglich, im oben offenen Sarg zu bestatten. Der Sargzwang könnte, wie in anderen Bundesländern auch, demnächst weichen.

Auch die Dauer der Grabstellen müsste berücksichtigt werden und die Ausrichtung des Toten nach Mekka ...

Die jeweilige Friedhofssatzung müsste so etwas natürlich gewährleisten. Ein Friedhof ist ein öffentlich zugänglicher Bestattungsplatz, der jedem Bürger zusteht, erstmal unabhängig von Religion und kulturellem Hintergrund. Wenn Bedarf da ist, kann der Träger auf speziellere Bedürfnisse eingehen. Gedanken dazu machen sich ja derzeit viele öffentliche Gremien.

Inwiefern ist denn das, was im Sarg stattfindet, Privatsache? Kann ich als Fußballfan einfach meine Deutschland-Fahne und meine Vuvuzela beilegen?

Wenn Sie das möchten, ja. Die klassische Grabbeigabe ist sogar wieder mehr im Kommen. Es gibt Ferrari-Fans mit Schumacher-Shirt, oder Särge mit HSV-Decke. Der Grundsatz ist: Alles, was die Angehörigen mitgeben wollen, bleibt auch im Sarg. Fotos, Kleidungsstücke und Ähnliches. Es gibt allerdings Grenzen. Ein Handy-Akku muss nicht unbedingt mit in die Erde.

Die Fragen stellte Eike Freese.

Bestatter Werner über den Wandel auf dem Friedhof
Wandel in der Bestattungskultur: Wie Mössingen, Ofterdingen, Dußlingen, Bodelshausen und Gomaringen suchen oder bieten viele Friedhöfe der Region derzeit neue Bestattungsformen. Der Mössinger Bestattermeister Jochen Werner spricht von „ganz realen Bedürfnissen, für die die Gemeinschaft neue Angebote schaffen muss“. Der Baum, an dem er steht, könnte demnächst die Stätte von Baumbestattungen auf dem Mössinger Stadtfriedhof werden.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

29.06.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball