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Warme Sachen für Rumänien

Bestrickend (6): Die „Lichtstube“ im Ofeloch ist der älteste Strickkreis in Mössingen

Rund ein Dutzend Frauen treffen sich während der Wintermonate in Sibylle Gaebeles Mössinger „Ofeloch“ zur wöchentlichen „Lichtstube“. Bei lebhaften Debatten über Gott und die Welt entstehen dort massenweise mollige Wollsachen für Fritz Hirnings Rumänienhilfe.

02.01.2015
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Nur die moderne Heizung verrät, dass die gemütliche Stube mit den gestickten Bauernvorhängen, dem volkstümlichen Zierrat und den Schutzengel- und Heilandsbildern an den Wänden in die Gegenwart gehört. Wie in der so genannten guten alten Zeit sitzen Frauen in trauter Runde über ihre verschiedenen Handarbeiten gebeugt. Das Licht allerdings ist wesentlich besser als im 19. Jahrhundert und die Stimmung vermutlich auch. Was die Mössinger Strickerinnen bei Tee und Weihnachtsbrötle zusammentreibt, ist nicht – wie früher – die Sparsamkeit und der Arbeitsdruck, sondern eine Mischung aus Freizeitvergnügen und Freigebigkeit. Die meisten der fertigen Handarbeiten gehen als Spenden nach Rumänien.

Manche der Frauen – wie Rose Hauser und Magda Kärcher-Reinhard aus Bodelshausen – kommen seit gut zehn Jahren allwinterlich jede Woche zum Stricken, Vorlesen und Diskutieren in Sibylle Gaebeles „Lichtstube“ zusammen. Andere wie Traudel Pregizer und Angelika Klett aus Belsen – haben erst vor ein paar Jahren von diesem unterhaltsamen Ort der Wolle gehört und einige - wie Antoinette von Egidy aus Sickingen - sind erst kürzlich dazu gestoßen. In der Schule habe sie den Handarbeitsunterricht gehasst, erzählt sie. Erst in der „Lichtstube“ gewann sie wieder Freude am Stricken.

Die Kammer nebenan ist bis fast unter die Decke mit Schachteln voller Garn gefüllt. Wollvorräte für Jahrzehnte, möchte man meinen. Doch der Eindruck trügt, denn die Lichtstuben-Frauen haben flinke Finger. Elsbeth Hartrampf aus Dettingen etwa ist so schnell, dass sie – selbstverständlich als Beifahrerin – auf der Strecke von Mössingen bis Konstanz fast eine ganze Socke fertigkriegt.

Als Sibylle Gaebele 2007 im Mössinger Amtsblatt einen Aufruf veröffentlichte, zugunsten der Rumänienhilfe doch mal „Frühjahrsputz im Wollekorb“ zu machen, brachte das den Frauen säckeweise Material ein. Das ist längst weggenadelt. Seit drei Jahren ist es Fritz Hirning, früher Öschinger Pfarrer, der das Basislager der Strickerinnen nachfüllt.

Der inzwischen fast 88-Jährige gründete 1989 die Mössinger Rumänienhilfe. Mittlerweile zählt Hirnings Freundeskreis über 600 Familien, die mit Geld- und Sachspenden in der Bukowina und Moldava elementare Hilfe leisten. Über die Kirchengemeinden und die Bürgermeisterämter hat Hirning ein dichtes Netz der Unterstützung geknüpft. „Er fährt bis an die russische Grenze, wo die EU nicht hinreicht“, beschreibt Gaebele den unermüdlichen Einsatz des Geistlichen. Noch immer reist er mindestens drei Mal im Jahr selbst nach Rumänien. „Die Not hat in den vergangenen 25 Jahren nicht abgenommen“, sagt er. 2014 schickte der Freundeskreis sieben Sattelschlepper voller Hilfsgüter in Richtung Siebenbürgen, beladen „mit allem, was arme Leute bitter nötig haben“. Unter den unzähligen Bananenkisten waren auch die mit den Wollwerken aus dem Strickkreis.

Wie gut Fritz Hirning unbenutzte Wollbestände brauchen kann, weiß man nicht nur im Mössinger Freundeskreis der Rumänienhilfe. Sein Haus in Belsen ist richtige Adresse für alle, die sich von ihren übrig gebliebenen Knäueln trennen wollen.

Die Wollberge, die Hirning auf diese Weise „vererbt“ bekommt, gibt er an die „Lichtstube“ weiter. Dort werden die angefangenen Pullover vollendet und das Garn gleich kiloweise weggearbeitet. „Je nachdem, wozu die geschenkte Wolle reicht, entstehen Westen, Mützen, Schals, Socken und Wolldecken“, erzählt Elsbeth Hartrampf. „Man strickt gute Gedanken mit hinein, wenn man weiß, dass in Rumänien ein Kind die warmen Socken bekommt oder eine Oma die mollige Decke brauchen kann“, erklärt die 75-Jährige.

Brigitte Schneider aus Öschingen hat dagegen eine rein kunsthandwerkliche Handarbeitsbeziehung zu Rumänien. Bei ihren Altenbesuchen brachte ihr eine Patientin aus Siebenbürgen das rumänische Häkeln bei. Diese diffizile und sehr filigrane Makramee-Technik lasse sie seitdem nicht mehr los erzählt sie. Ihre selbstentworfene Spitzendecke aus Blüten, Weintrauben und Schmetterlingen löst im Strickkreis Ausrufe der Bewunderung aus. Ein ganzes Jahr lang hat sie daran gearbeitet.

In der „Lichtstuben“-Runde geht es gesellig zu. Vieles lässt sich beim Stricken ganz nebenbei gut bereden. Wenn die Neuigkeiten über Kinder und Enkel, Küche und Garten ausgetauscht sind, „diskutieren wir auch über Religion und Politik“, erzählt Gaebele fröhlich. Fast immer gehe es dabei friedlich zu, „aber manchmal fliegen auch die Fetzen“, erinnert sich Ingrid Beck aus Dettingen ebenso gut gelaunt an aufregende Debatten.

Bestrickend (6): Die „Lichtstube“ im Ofeloch ist der älteste Strickkreis in Mössingen
Genug Licht, genug Stube – und fertig ist die Lichtstube: Stricken im Mössinger „Ofeloch“. Bild: Rippmann

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02.01.2015, 12:00 Uhr

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