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Aphrodisierende Kochkunst

Bestsellerautor Martin Suter las im Audimax

Er sprang gleich auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wird von Mitte März an als neuer Fortsetzungsroman der Südwestpresse erscheinen: Martin Suters „Der Koch“. Am Freitag las er daraus im gut halbvollen Audimax.

15.02.2010
  • Peter Ertle

Tübingen. Er habe das Buch parallel zur Wirtschaftskrise geschrieben. Die Kochrezepte habe er einem befreundete Koch zum Gegenlesen gegeben. Und Tamilen gäbe es in der Schweiz halt nun mal so viele.

Wirtschaftskrise, Kochrezepte, Tamilen? Kommt alles vor in Martin Suters neuem Roman „Der Koch“, der sofort nach Erscheinen zum Bestseller wurde. Die Osiandersche Buchhandlung musste da schon ins Audimax zur Lesung laden, wo ein sichtlich Grippe-geschwächter Autor aus Passagen seines Romans las oder sich mit Moderatorin Bernadette Schoog unterhielt.

Das Hauptmotiv des Romans ist sattsam bekannt, wurde in Filmen wie „Eden“ oder „Bella Martha“ durchgespielt, Süßkinds „Das Parfüm“ exerziert es auf der Ebene des Geruchs durch: Liebe, die durch den Magen geht, Kochkunst als Erotik, Speisen, denen alle sofort erliegen. Der tamilische Koch Maravan versteht diese Kunst, er kocht die Aphrodisiaka sogar „molekular“, was so viel bedeutet wie: Geht ganz schnell ins Blut. Mit der bildhübschen Andrea hat er so einen neuen Geschäftszweig entdeckt: Sie besuchen und bekochen zahlungskräftige Paare, deren erotischer Kosmos im Laufe der Zeit erlahmt ist – und bringen so wieder Schwung ins eheliche Sexleben.

Das ist insofern sehr geschickt, weil der Autor über den Kontrast zwischen Maravans Heimat und den wohlhabenden Schweizer Kunden manches an Gesellschaftskritik loswerden kann. Suter kennt sich da aus, gehört er doch mit seinen Wohnsitzen in der Schweiz, in Ibiza und in Guatemala zweifelsohne selbst zur Schweizer Business Class, wenn auch dort zur Abteilung Literatur, wo man ja doch moralisch besser weil erbmäßig auf der Seite der Mahner und Künder steht.

Tatsächlich hat sich Suter in der Schweiz sehr gegen den Export von Waffen eingesetzt, auch in Sachen Bankgeheimnis und Steuersünder-CD ist ihm die Schweiz („wir lassen kein Fettnäpfchen aus“) etwas peinlich. Was das Minarett-Verbot angeht, erinnert er allerdings daran, dass dies das Ergebnis eines Volksentscheids gewesen sei. Und er sei sich nicht sicher, wie ein entsprechender Volksentscheid in Deutschland ausgehen würde.

So viel zur Gesellschaft, zur Politik, zur Schweiz. In erster Linie ist Suter aber Unterhaltungskünstler, und zwar ein geschickter. Wahrscheinlich liegt sein Erfolg darin, dass seine Bücher, ohne Krimis zu sein, sich doch wie Krimis lesen – und die haben ja eine horrende Leserzahl. Obwohl: Durch das Motiv Waffenhandel wird „Der Koch“ auch ein bisschen zum Wirtschaftskrimi. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka rückt in den Blickpunkt. Und die Schweiz selbst, wie man sie im Ausland eher weniger oder zumindest untypischer wahrnimmt: Der Tamile Maravan, die äthiopische Prostituierte Makeda, die Lesbe Andrea, durch Maravans Kunst betört. Ihnen gehört Suters Sympathie.

Der Rest ist Kochkunst. Hinten im Buch sind übrigens alle Rezepte der von Maravan gekochten Gerichte abgedruckt. Eine so ungewöhnliche wie nette Verquickung von Fiktion und Realität. Er wolle sich auch so einen Rotationsverdampfer kaufen wie Maravan einen in der Küche habe, dachte Suter beim Schreiben – wenn das Buch ein Erfolg werde. Also, Herr Suter: Es wird Zeit für den Rotationsverdampfer.

Bestsellerautor Martin Suter las im Audimax
Bernadette Schoog (links) lauscht, Martin Suter liest Episoden aus der Molekularküche des tamilischen Kochkünstlers Maravan. Bild: Ulmer

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15.02.2010, 12:00 Uhr

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