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"Stoff für tausende Romane"

Bestsellerautorin Val McDermid über die "Anatomie des Verbrechens"

Val Mc Dermids Krimis sind Bestseller - und Fiktion. Jetzt hat sich die schottische Schriftstellerin echter Verbrechen angenommen und singt das Hohe Lied auf die forensische Wissenschaft.

13.04.2016
  • GÜNTER KEIL

Ihr neues Buch liest sich wie eine Liebeserklärung an die forensische Wissenschaft. Was haben Sie ihr zu verdanken?

VAL MCDERMID: Sehr viel! Die Geschichte der forensischen Kriminaltechnik bietet Stoff für tausende von Kriminalromanen. Um es ganz klar zu sagen: Nur weil es die Anwendung der Wissenschaft zur Aufklärung von Verbrechen überhaupt gibt, kann ich einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgehen.

Sind nicht vielmehr Ihre Fantasie und Kreativität der Hauptgrund für Ihren Erfolg?

MCDERMID: Nicht unbedingt. Wir Krimiautoren behaupten ja gern, unser Genre habe seine Wurzeln in den entlegensten Winkeln der Literaturgeschichte. Wir sehen Vorläufer in der Bibel: Betrug im Garten Eden, Brudermord von Kain verübt an Abel, Totschlag bei König David, der Urija ermorden ließ. Wir versuchen uns einzureden, dass Shakespeare einer der Unseren gewesen sei.

War er das denn nicht?

MCDERMID: Nein. In Wahrheit ist es so, dass die Kriminalliteratur erst mit einem Justizsystem beginnt, das sich auf Beweise stützt. Und das ist es, was die Pioniere dieser Wissenschaft und der Kriminaltechnik uns hinterließen. Ich möchte mit meinem neuen Buch zeigen, dass das Engagement der Forensiker erfinderisch, vorurteilslos und von akribischer Ehrlichkeit ist - und das im Interesse der Gerechtigkeit für uns alle. Die Recherche hat mir wieder zu Bewusstsein gebracht, was ich schon seit Langem wusste: Die Arbeit der Wissenschaftler ist immer wieder höchst faszinierend, und die Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, sind absolut fantastisch.

Wann war die Geburtsstunde der Forensik?

MCDERMID: Er war ein langer, fließender Prozess. Schon vor mehr als 750 Jahren wurde von einem chinesischen Beamten namens Song Ci ein Handbuch für Leichenbeschauer mit dem Titel "Aufzeichnungen zur Tilgung von Ungerechtigkeit" angefertigt. Es enthält das erste überlieferte Beispiel für forensische Entomologie - die Nutzung der Insektenkunde zur Aufklärung eines Verbrechens.

Welchen Einfluss hatte dieses Buch?

MCDERMID: Über 700 Jahre lang wurde es immer wieder aktualisiert und nachgedruckt. Noch im letzten Jahrhundert trugen chinesische Beamte es an Tatorten bei sich. Als im frühen 16. Jahrhundert die ersten portugiesischen Händler China erreichten, waren sie beeindruckt davon, wie zögerlich die Gerichte dort waren, einen Menschen ohne eingehende Untersuchung zum Tode zu verurteilen.

In welcher Phase hat sich die Forensik am intensivsten entwickelt?

MCDERMID: Das spärliche Rinnsal wissenschaftlicher Entdeckungen im 18. Jahrhundert wuchs mit dem 19. Jahrhundert zu einer regelrechten Flut heran, die bald weit über den Labortisch hinaus praktische Anwendung fand. Die Idee von so etwas wie polizeilicher Ermittlungsarbeit begann sich gerade erst durchzusetzen, weswegen so mancher der frühen Kriminalbeamten eifrig bemüht war, Beweise zu finden, die seine Theorien zu den aufzuklärenden Verbrechen stützten. Erst ganz allmählich ermöglichten es forensische Vorgehensweisen, in alle Richtungen zu ermitteln.

Bitte nennen Sie ein Beispiel für einen historischen Ermittlungserfolg.

MCDERMID: Im Jahr 1794 wurde Edward Culshaw durch einen Kopfschuss mit einer Pistole ermordet. Damals waren Pistolen Vorderladerwaffen, und ein Pfropfen aus zusammengeknülltem Papier wurde in den Lauf gestopft, um die Kugeln und das Schießpulver dort zu halten. Als der Chirurg die Leiche untersuchte, fand er diesen Pfropfen in der Kopfwunde. Er faltete ihn auseinander, und es zeigte sich, dass es die abgerissene Ecke eines Flugblatts war. Dieser Fall brachte erstmals die Pathologie mit dem zusammen, was wir heute Dokumentenprüfung nennen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Morde mit Arsen früher noch nicht aufgeklärt werden konnten, wenn die Giftspuren zu gering waren. Wann änderte sich das?

MCDERMID: Der britische Chemiker James Marsh war 1832 Gutachter für einem Mordprozess gegen einen Mann, der offenbar seinen Großvater mit Arsen im Kaffee vergiftet hatte. Marsh konnte beweisen, dass der Kaffee Arsen enthielt. Aber als er dies den Geschworenen vorführen wollte, war die Probe verdorben. Dieser Misserfolg spornte ihn noch mehr an, einen besseren Test zu entwickeln. Dieser war so leistungsfähig, dass man damit selbst eine winzige Spur von Arsen finden konnte, und auf ihn war es schließlich zurückzuführen, dass so mancher viktorianische Giftmörder am Galgen endete. Der Test wird auch heute noch verwendet.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten beeindruckt?

MCDERMID: Die Integrität, der Einfallsreichtum und die Großzügigkeit der Wissenschaftler. Sie beschäftigen sich tagtäglich mit den erschreckendsten Aspekten menschlichen Verhaltens. Wie Niamh Nic Daéid sind sie bereit, nach einem schweren Brand Stunden in durchnässten Trümmern zu verbringen. Wie Martin Hall sammeln sie Maden von einer halb verwesten Leiche, oder wie Caroline Wilkinson rekonstruieren sie das Gesicht eines verstümmelten Kindes. Sie bringen Opfer, damit wir in dem Wissen leben können, dass man die Täter zur Rechenschaft ziehen wird.

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13.04.2016, 06:00 Uhr

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