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Lieber Sitten als Gebräuche

Besuch beim Tübinger Autor Joachim Zelter

Der Autor wohnt Jottwedee. Die Kliniken sind nahe und die Schwesternwohnheime. Und ein Spielplatz hinterm Haus. „Hält jung“, kommentiert Joachim Zelter trocken. How do you do, Mr. Angst?

10.02.2010
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Eine Art gebremster Stadtlandflussneurotiker ist er, der 47-Jährige. Kein hibbeliger Zeitgenosse, im Gegenteil. Joachim Zelter, der distinguiert zurückzucken kann wie kein zweiter, wirkt wie einer, dem fortwährend Ungeheuerliches widerfährt oder zumindest begegnet: Das Unglück, oder auch das Unrecht; all diese wenig genehmen Dinge, aus denen der kreative Sinn des Lebens gezogen werden kann. Das ist der Stoff, aus dem seine Geschichten sind. Auch deshalb heißt sein Lieblingsthema: „Was macht ein Mensch, der völlig überfordert ist?“

Joachim Zelter, warum sollte er das leugnen, schreibt somit auch über sich selbst. Natürlich nicht eins zu eins: Sein komisch scheiternder Uni-Dozent (aus seinem Roman „How do you do, Mr. Angst?“) hat zwar mit Zelters eigenen staunenden Augen hinter die maroden Mauern der alma mater geschaut, doch ein gefallener Akademiker ist der Autor deshalb noch lange nicht. Eher einer, der sich aus freien Stücken zum Ausstieg aus dem Lehrbetrieb entschlossen hat; der lieber als Literat von des Kopfes Arbeit leben möchte (und anfangs schwer zu kämpfen hatte).

Ein existenzieller Schreiber. „Es geht um Leben und Tod“, sagt er während des Gesprächs und blinzelt dabei so unschuldig, als hätte er darum gebeten, noch eine Tasse Tee zu nehmen. „Was ich mit meinem eigenen Blut erlitten habe“, heißt es dann später zu seinem Schreib-Antrieb, in ähnlich sanftem Ton, das Pathos kämpft kurz mit der Ironie (keine Frage, wer dann gewinnt).

Ein Morgenmuffel ist der Dichter in seiner Klause nicht. „Mit dem Licht erwacht die Kreativität“, nutzt Zelter die morgendliche Dämmerung. Und er versucht, wenn früh um fünf oder sechs Uhr die Sonne hinein lugt ins Appartement, „alles niederzuschreiben, was im Kopf ist“. Da sei er wie „der Segler, der den Wind nutzt, bevor die Flaute kommt.“ Oft bis zwölf Uhr mittags, High Noon. Der Nachmittag gehört den Korrespondenzen, dem Redigieren. Im Winter schreibt er weniger. Träume fließen trotz zeitiger Morgenstund zwar weniger ein, aber „müde bin ich manchmal besser.“

Der produktive Autor im Stress – oder mit der Furcht: „Wenn man das nicht niederschreibt, ist es verloren“. Auf der Suche nach dem mot juste, und immer mit der „existenziellen Angst, das alles nichts werden kann – man kann am jedem Wort scheitern.“ Ihn interessieren die „Dinge, die einen selbst betreffen“, weniger der „Bergarbeiteraufstand in Rumänien.“

Zelter geht vom radikalen Erfahrungsbegriff Nietzsches aus. Seine Prosatexte sind wiederum „hingeschrieben auf die Performance auf der Bühne“: Der Autor ist für seine situationskomischen Lesungen bekannt. Er sei „abhängig von Autorenlesungen“, sagt er doppeldeutig, und er wolle sie „zum eigenen Kunstwerk machen“; mitunter mit kabarettistischen Elementen. „Ich bin kein logozentrischer, sondern ein phonozentrischer Schriftsteller.“

Seit einigen Jahren hat Zelter, der zehn Jahre studentisches Anglo-Irish Theatre mitgestaltet hat, auch auf der Bühne Tritt gefasst. Mit seinem umgearbeiteten Roman „Die Schule der Arbeitslosen“ ebenso wie vor einigen Sommern kooperierend mit dem Zimmertheater-Auftragswerk „Tod in Tübingen“. Nun hatte das Zimmertheater gleich zwei Stücke bei ihm bestellt: Mit-Intendant Christian Schäfer will auf den Recklinghäuser Ruhrfestspielen Zelters Stalking-Geschichte „Die Lieb-Haberin“ in einen romantischen Kontext stellen, und nächste Woche kommt in Tübingen als Uraufführung Zelters „Professor Lear“ heraus.

„Ich bin nicht romantisch, weder privat noch in meinem Werk“, wehrt Zelter ab: Die 80-minütige Bühnenfassung der „Lieb-Haberin“ ist somit eher als „dezidierter Todesstoß gegen die Romantik“ zu werten. Im double pack mit George F. Walkers Shelley-Scharteke „Zastrozzi“, dem anderen Teil des Zimmertheater-Abends „Romantic is dead“.

Doch erst einmal steht am Donnerstag, 18. Februar die Premiere von „Professor Lear“ an. Mit Shakespeares letztem großen Drama hat sich Anglist Zelter schon an der Uni befasst, nun wollte er „etwas Shakespeareanisches machen“. Keine Lear-Adaption, vielmehr die Geschichte eines berühmten Professors, der zwischen Eitelkeit und Egozentrik hinüberdämmert in eine andere Welt.

Moment, fällt einem dazu nicht das tragische Schicksal des Tübinger Rhetors Walter Jens ein? Nein, sein Professor Eiger, so der Held des Stückes, sei keineswegs eine real existierende Person, betont Zelter. Zuviel Parallelen soll man also nicht suchen. „Es würde dem Stück helfen, es als reines Kunstwerk zu sehen, nicht als Schlüssel- oder Referenzwerk!“ Shakespeares „Lear“ beginnt dabei im Stück immer mehr durchzuschimmern.

Zelter zitiert Henry Fielding herbei: „I describe not men, but manners; not an individual, but a species.“ Also: Nicht Menschen, sondern Sitten, nicht Einzelne, sondern eine Spezies.

Zelters Sittengemälde weist dabei einen leichten Thomas-Bernhard-Unterton auf. Kein Wunder, er liest ihn derzeit viel: „Thomas Bernhard ist für mich ein deutscher Oscar Wilde.“ Und letzterer ist Zelters Säulenheiliger. „Professor Lear“, darauf legt Zelter Wert, sei aber eben auch „ein Stück über mich selbst.“

Und sonst? Im Auftrag von Lisa Politts Hamburger „Polittbüro“ schreibt er ein Musiktheaterstück über aktuelle hanseatische „Todsünden“, das im Juni oder Juli Premiere hat. Der nächste Roman folgt dann im Herbst: Eine Art „Heimatroman“ über einen Ministerpräsidenten mit Schuldproblematik. Aber da fällt einem doch sofort Thüringens Dieter Althaus. . . Halt, ruft Zelter: „Das Schuld- und Sühne-Thema interessiert mich nicht!“

Was macht ein Mensch, der völlig überfordert ist?“

„Professor Lear“ und „Die Lieb-Haberin“

Joachim Zelters neues Stück „Professor Lear“ kommt am Donnerstag, 18. Februar im Tübinger Zimmertheater heraus, es folgen Vorstellungen am 20., 26. und 27. Februar sowie am 5., 6., 13. und 18. März.

„Die Lieb-Haberin“ ist (als Teil des Doppelabends „Romantic is dead“) in Recklinghausen am 30. Mai zu sehen, danach am 31. Mai und 1. Juni. Im September wird damit die Tübinger Spielzeit eröffnet.

Besuch beim Tübinger Autor Joachim Zelter
Der Dichter und sein Zimmer geben sich aufgeräumt: Joachim Zelter in seinem Appartement, in dem Arbeits- und Schlafplatz nah beieinander sind. Bild: Metz

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10.02.2010, 12:00 Uhr

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