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Pfäffinger Kirchengemeinde feiert das 300-jährige Bestehen der Michaelskirche

Betteln für den Neubau

Die Ammer trieb die Kirche an den heutigen Platz in Pfäffingen. Dort wirkten oft eigenwillige Pfarrer, die auch ihren Anteil am württembergischen Geistesleben haben.

21.10.2011
  • Mario Beisswenger

Pfäffingen. Pfäffinger Kirchgänger hätten Gummistiefel brauchen können in der Zeit um 1700. Bei jedem größeren Regenwetter füllte sich die Kirche „ein, zwei, biß drei Schuch tieff mit Wasser und Schleim“, wie es in einem amtlichen Bericht heißt. Damals stand die Michaelskirche noch an der Ammer zwischen heutigem Kielweg und Langgass. Sie war nicht nur durchfeuchtet, sondern auch baufällig.

Eine neue Kirche sollte her, aber „die Baulast lag bei der Gemeinde. Das war ein Nachteil, weil die Gemeinde bettelarm war“, sagt Frieder Miller, früher Bürgermeister in Pfäffingen und ortshistorisch beschlagen. Die Pfäffinger bettelten sich das Geld regelrecht zusammen. Wenigstens bekam der damalige Pfarrer Lorenz Schweitzer ein Bettelpatent, das ihm erlaubte, in den Nachbarorten zu predigen und die Kollekte einzusammeln.

So kam ein guter Teil des Geldes zusammen für den Kirchenbau, der dann tatsächlich 1711 an heutiger Stelle äußerlich fertig war. Um die Inneneinrichtung zu finanzieren, verkaufte die Gemeinde das Schulhaus, sodass ab 1714 dort Gottesdienst gefeiert werden konnte. 1718 waren dann aber immer noch für 300 Gulden Handwerkerrechnungen offen. Der württembergische Herzog, sonst auch mal spendabel, was Kirchen anging, zeigte sich den Pfäffingern gegenüber eher zugeknöpft. Für den heutigen Pfarrer Martin Wolf hat das den Vorteil, „dass wir keinen Stiftungsstuhl für ihn freihalten mussten. Für einen Herzog, der ohnehin nie kam.“

Innenraum mit Apostelbildern

Wenn er denn gekommen wäre, hätte er eine eigenartige Kirche gesehen. Die Fenster waren gotisch, weil jeder brauchbare Stein der alten Kirche wieder verwendet wurde. Außerdem hätte der Herzog leicht meinen können, sie wäre katholisch. Wenigstens kam es Wolf so vor, als er den Innenraum zum ersten Mal sah. Da gibt es keinen Mut zur weißen Wand, stattdessen überlebensgroße Bilder unter anderem der Apostel. Finanziert wurde die Ausmalung von Sponsoren. Unter jeder Figur wird der Spender genannt bis hin zu einem Thomas Reyther, einem resignierten (pensionierten) Forstknecht zu Hagelloch.

Wolf kann sich auch über einen kunstvollen Schalldeckel über der Kanzel freuen (gestiftet von einem Pfarrer, nachdem ihm seine Frau einen Sohn geboren hatte) und über einen getarnten Heiligen Nikolaus. Die Figur aus der alten Kirche sei, obwohl katholischer Heiliger, auch bei den Evangelischen beliebt gewesen, meint Miller. Um ihn nicht gleich zu erkennen, wurde ihm sein Bischofsstab abgenommen, die Mitra abgesägt und die Haartracht aus Gips nachgeformt.

Geschichte und Geschichten der Kirche sind jetzt in einer Festschrift zusammengefasst. Herzstück sind die fiktiven Lebensberichte von Pfäffinger Pfarrern und eine tatsächliche Erinnerung von Ernst Ergenzinger. Zu den Geistlichen gehört auch Jeremias Neuheller aus dem frühen 17. Jahrhundert. Er traute sich, den Stift-Repetenten Carl Bardili mit seiner schon schwangeren Freundin Regina Burkhardt – gegen freundliche Bezahlung – zu verheiraten. Burkhardt gilt als „schwäbische Geistesmutter“, weil sich von den Kindern der Ehe Dichter wie Hölderlin, Hauff, Mörike und Uhland ableiten sollen.

Architektonisch kann die Kirche noch eine angehängte Jugendstil-Sakristei aufbieten. Zum 200-jährigen Bestehen der Kirche 1911 hinterließ damit der bekannte Architekt Martin Elsässer eine Spur. Damals wurde im Kirchhof auch die von vielen für älter gehaltene Linde gepflanzt. Von den Renovierungen erinnern sich manche Pfäffinger noch an die viele ehrenamtliche Arbeit in den frühen 1960er-Jahren, als die Kirche innen ihre heutigen Farben bekam.

Heute gehört ein Kindergarten dazu

Für Pfarrer Wolf, der seit 2001 in der Gemeinde arbeitet, ist die Gegenwart entscheidend. Da ist er besonders auf den Kindergarten in evangelischer Trägerschaft stolz. „Kinder sind der Schwerpunkt unserer Arbeit.“ Zur Pfarrei gehören auch Oberndorf und Poltringen. Die Distanz zwischen den Orten sei zu überbrücken, meint Wolf: „Mit dem Fahrrad ist das nicht so weit.“

Betteln für den Neubau
Um das Jahr 1940 wuchsen an der Südseite der Pfäffinger Michaelskirche Birnen am Spalier. Von der Linde im Kirchhof war noch kaum etwas zu sehen. Privatbild

Die Kirchengemeinde feiert am Samstagabend, 22. Oktober, von 18 Uhr an im Gemeindehaus (Turnhalle). Neben Grußworten steht der Auftritt eines Pfarrdarstellers im historischen Gewand auf dem Programm. Besonders wichtig sind die Auftritte des Kirchenchores. Der feiert nämlich gleich sein hundert-jähriges Bestehen mit. Am Sonntag beginnt der Festgottesdienst um 10 Uhr mit einem ökumenischen Zeichen. Der katholische Theologe Prof. Karl-Josef Kuschel wird predigen.

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21.10.2011, 12:00 Uhr

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