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Wenn Steine sprechen

Bewegende Gedenkstunde in der Marienkirche zur Reichspogromnacht

In einer bewegenden Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November 1938 haben Schülerinnen und Schüler des Kepler-Gymnasiums gestern Steine sprechen lassen. Mit 350 Menschen war die Marienkirche sehr gut besucht.

10.11.2015
  • Thomas de Marco

Reutlingen. Wer die Marienkirche betrat, bekam einen Stein überreicht, auf dem ein Name geschrieben stand. Damit würden den Juden und Jüdinnen, die in den Konzentrationslagern erst ihre Identität verloren haben und dann in Rauch aufgingen, ihre Namen zurückgegeben, erklärte Pfarrerin Christina Hörnig von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Reutlingen (ACK). Die Namen hatten die Jugendlichen über das Stadtarchiv und die Internetseite des Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem recherchiert.

Unter dem Motto „Steine sprechen“ würden sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a an das Gedenken heranwagen, lobte die Pfarrerin den Mut und das Engagement der Jugendlichen. „Steine sprechen von zerstörten Fenstern der Synagoge und der jüdischen Geschäfte“, sagte Hörnig. Damals hätten keine Polizei, keine Feuerwehr und niemand aus der Bevölkerung die Brandstifter aufgehalten. Am Ende verloren sechs Millionen Juden und Jüdinnen das Leben.

„Ich habe mich ein Leben lang geschämt für die Gräuel der Nazis und habe mich gefragt, wie das geschehen konnte“, sagte die Pfarrerin in ihrer Rede vor gut 350 Gästen, darunter auch sehr viele Mitglieder des Gemeinderats. „Heute haben wir die einmalige Chance, dass nicht nur Einzelne helfen können, sondern die ganze Gemeinschaft. Wir haben die Kraft und das Geld, Menschen vor dem Ertrinken zu retten“, betonte sie.

Lehrerin Sieglinde Curio vom Kepler-Gymnasium erinnerte an die „wunderbare Tradition“, dass die Gestaltung dieser Gedenkfeier jedes Jahr eine andere Schule übernehme. Seit 1988 ruft die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zu dieser Veranstaltung auf. 77 Jahre nach der Pogromnacht sei unvorstellbar, welches Leid und welchen Schrecken der 9. November 1938 über die jüdische Gemeinde gebracht habe, sagte Curio. Deshalb sei es eine wichtige Aufgabe für die Schülerinnen und Schüler, mitzuhelfen, die Erinnerung wachzuhalten.

In einer Rauminszenierung haben sich die Jugendlichen der Klasse 10a dem Gedicht „Chor der Steine“ von Nelly Sachs angenommen. In der gesamten Kirche verteilt sitzend, wiesen sie dabei immer wieder auf die Widersprüchlichkeit von Steinen hin. Diese böten einerseits Schutz in Form von Häusern, könnten aber wie in der Pogromnacht zerstörerisch wirken. Auf steinernen Wegen seien Juden abtransportiert worden, Steine stünden aber auch für deren Durchhaltevermögen in den Konzentrationslagern. „Steine sind unzerstörbar – genauso wie die Erinnerung an die Pogromnacht“. Maria und Julia Lerner, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, umrahmten die beiden Textblöcke der Jugendlichen mit zwei jiddischen Liedern.

Nach der Feier liefen die Besucherinnen und Besucher in einem Lichterzug von der Marienkirche zur Gedenktafel gegenüber der Stadtbibliothek, mit der an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert wird. Dort sprach Josef Rothschild den Kaddisch, das jüdische Totengedenken. Dann wurden die Steine mit den Namen der jüdischen Opfer des Naziterrors auf einem weißen Tuch niedergelegt.

Bewegende Gedenkstunde in der Marienkirche zur Reichspogromnacht
Steine und Lichter zum Gedenken an die Nacht, als vor 77 Jahren auch in Reutlingen jüdische Geschäfte zerstört wurden.Bild: Haas

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10.11.2015, 12:00 Uhr

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