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Sich drehen wie ein "Grillhähnchen": Wie Sport zur liebsten Freizeitbeschäftigung wird

Bewegte Kindheit

16.04.2016
  • IRIS HUMPENÖDER

Anna geht in die erste Klasse. Ihre Mutter muss morgens ins Büro, also nimmt sie die Tochter im Auto mit zur Schule und holt sie nach der Kernzeitbetreuung wieder ab. Nach dem Mittagessen macht Anna ihre Hausaufgaben, dann fährt die Mutter sie in die musikalische Früherziehung. Am späten Nachmittag gehen beide einkaufen, anschließend hilft Anna das Abendessen vorzubereiten und darf noch eine Stunde fernsehen.

"Ich war immer ein bewegliches Kind, und wenn ein Ball dabei war, war ich glücklich. Mittags bin ich aus dem Haus und abends heim, ob Regen oder Schnee war nebensächlich. Ich habe gespielt, wie ich Spaß hatte: mal Tischtennis, dann Basketball oder Handball, alles, was mit Bällen zu tun hatte."

Der das erzählt, ist Mehmet Scholl, gebürtiger Karlsruher, Jahrgang 1970, Fußballweltmeister. Er gehört noch der Generation "Draußen" an. Heutige Grundschulkinder wie Anna leben vorwiegend drinnen. Sie bewegen sich im Schnitt gerade mal eine Stunde am Tag. "Fast ein Drittel aller Kinder im Schulalter hat Haltungsschäden, 40 Prozent zeigen Koordinationsschwächen", schlägt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland Alarm. Von zunehmendem Übergewicht ganz abgesehen.

"Früher war Hausarrest eine Strafe. Heute ist er fast eine Belohnung", sagt Volker Rupp. Der Sportlehrer leitet die Kindersportschule (KiSS) der TSG Söflingen, die 1991 als eine der ersten ihrer Art in Deutschland gegründet wurde. Mittlerweile betreibt der Ulmer Sportverein auch einen Sportkindergarten und eine Jugendsportschule. Dabei geht es in diesen Einrichtungen vor allem um den Spaß an der Bewegung. Nur wenn der vermittelt wird, so ein legitimer Hintergedanke, werden auch die Sportvereine künftig noch Mitglieder rekrutieren können.

Weil Kinder heute kaum mehr über Baumstämme balancieren oder wie Indianer durchs Gebüsch schleichen, werden Fähigkeiten wie Koordination und räumliche Orientierung schlechter. Während Jugendliche im Internet mobil sind, lässt ihre körperliche Mobilität nach. Hier setzt die KiSS an: In einem Grundlagentraining werden motorische Fertigkeiten vermittelt - spielerisch und sportartübergreifend. Da ist zum Beispiel das "Grillhähnchen": Das Kind dreht sich im Seitstütz um die eigene Achse - gut für die Körperspannung. Oder der "Chaosclub": Alle laufen durcheinander, dürfen dabei aber keinen anderen berühren - gut fürs Raumgefühl.

Knapp 300 Kinder im Grundschulalter gehen derzeit zweimal wöchentlich in die TSG-Kindersportschule. Zu Beginn schauen sich Ärzte die Neulinge an. Wie sieht die Wirbelsäule aus? Gibt es gesundheitliche Probleme? Rupp und seine Kollegen beobachten "ihre" Kinder genau. Sehen, wenn eines Schwierigkeiten mit dem Raumgefühl hat. "Oft geht das mit Dyskalkulie und Legasthenie einher", sagt Rupp. Dann verwechselt das Kind zum Beispiel "b" mit "d".

Oder der Junge, der sich nie zurückhalten kann, immer als erster dran sein will, auch in der Schule alles gleich rausruft, ohne sich zu melden - er muss sich bremsen, wenn er um die auf dem Turnhallenboden ausgelegten Plastikreifen herumlaufen soll und auf ein Klatschsignal hin nur in einen Ring hineinsteigen darf, in dem nicht schon zwei andere Kinder stehen. "So lernt er, sich zurückzunehmen", sagt Rupp. "Kinder erschließen sich ihre Welt über Bewegung. Wenn sie auf dem Schulweg über den Bordstein balancieren, erfahren sie ihre Schwerkraft. Wird ihr natürlicher Bewegungsdrang unterdrückt, sind Kinder unruhig und hibbelig. Bewegen sie sich viel, werden sie ruhiger." Die KiSS allein kann dies natürlich nicht leisten. Auch nicht der Schulsport, den Experten ohnehin häufig kritisieren - zu wenig, zu oft fachfremd unterrichtet. Dabei steht fest: Wenn Kinder sich ausgetobt haben, sind sie konzentrierter und aufnahmefähiger. Bleiben die Eltern. "Sie sind ein wichtiger Baustein", betont Rupp. Mutter und Vater müssen gar nicht die großen sportlichen Vorbilder sein - zusammen Ball spielen, Rad fahren, wandern oder schwimmen - Hauptsache, alle bewegen sich ohne Zwang.

Dass dies gelingt, dafür steigen die Chancen, wenn Eltern ihre Kinder loben, was ja bekanntlich Glückshormone im Gehirn freisetzen kann. Wenn also Vater und Sohn Fichtenzapfen oder Steine um die Wette werfen, wirkt ein väterlicher Satz wie "Wow! Das war aber ein toller Wurf von dir" überaus motivierend.

Sport und Bewegung sollten nicht mit negativen Empfindungen gekoppelt sein, warnt Rupp und hat dabei das Bild aus dem Schulsport vor Augen, wenn die zwei Besten ihre Mannschaft wählen dürfen und die zwei Schlechtesten sitzen bleiben. "Das ist als Motivation tödlich. Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie sind, ihre Fähigkeiten herauskitzeln und verstärken."

Sportlehrer Rupp, selbst Vater einer Tochter, rät Eltern auch, ihre Kinder nicht ständig zur Schule zu fahren. "Wir sollten mehr loslassen, den Kindern etwas zutrauen. Besser, sie haben mal einen blauen Fleck, als dass wir sie dauernd ängstlich gängeln." Wenn Eltern übervorsichtig reagierten, sagt Rupp, lernten Kinder auch ihren Körper nicht richtig kennen. Das aber ist ganz wichtig: Die sportlichen Grundlagen werden in der Kindheit gelegt. Hat ein Kind ein gutes Gleichgewichtsgefühl entwickelt, wird es auch als Erwachsener leichter neue Sportarten lernen. "Koordination ist mit das Wichtigste."

Der Karlruher Sportwissenschaftler Prof. Klaus Bös rät:

Es wird höchste Zeit für ein Bewegungsprogramm, wenn Kinder

. . . täglich länger als eine halbe Stunde vor dem Fernseher sitzen

. . . sich am Tag höchstens eine Stunde richtig bewegen

. . . lieber alleine in ihrem Zimmer spielen als mit anderen herumzutollen

. . . sich wenig zutrauen und ängstlich sind

. . . aggressiv sind und ständig den Clown spielen.

Ob beim gemeinsamen Müll sammeln, bei der Radtour oder am Skitag: In der KiSS wird Bewegung mit sozialem Lernen kombiniert. Quasi nebenbei werden Konflikt- und Kooperationsfähigkeit, Teamgeist, Fairness und das Selbstwertgefühl gestärkt - "wichtige Schlüsselqualifikationen für das spätere Berufsleben", wie Sportwissenschaftler Boes betont.

Mit zunehmendem Alter spielen sportliche Fertigkeiten und Kondition eine Rolle. So soll ein Achtjähriger laut KiSS-Lehrplan acht Minuten durchlaufen können. Und ganz allmählich Techniken unterschiedlicher Sportarten lernen. Nur: Die Kinder merken gar nicht, was sie da eigentlich üben, wenn sie sich zum Beispiel rückwärts auf eine dicke Matte fallen lassen. Wie beim Hochsprung eben. Oder wenn sie Bälle über Kopf aus dem Rucksack holen müssen und so ohne große Erklärung ihre Wurftechnik verbessern.

In der vierten KiSS-Klasse wird geschaut: Entwickelt das Kind Vorlieben für eine bestimmte Sportart oder hat es ein besonderes Talent? Etwa eine ausgeprägte Auge-Hand-Koordination - dann wäre vielleicht Fechten oder Badminton interessant? Ballspiele machen ihm Spaß, Körperkontakt weniger - also Volleyball? Hat eine Kind eine Sportart entdeckt, die ihm Spaß macht und zu seinem Körperbau passt, stehen die Chancen gut, dass es auch als Jugendlicher dabei bleibt. Vor allem, wenn es sich um Mannschaftssport handelt, meint Boes. Wenn die Mannschaft warte, sei der Druck groß, zum Training oder zum Spiel zu gehen.

Generell aber gilt die Pubertät als Hürde für die sportliche Karriere. "In der Pubertät verändert sich der Körper, es besteht die Gefahr der Überlastung. Bewegungsabläufe müssen möglicherweise umgelernt werden. Die Jugendlichen sind mit Identitätsfindung beschäftigt, Gleichaltrige gehen auf Partys. Für die jungen Athleten erhöht sich in dieser Zeit der Leistungsdruck, die Kaderplätze werden vergeben, oft steht ein Wechsel an einen Stützpunkt an", schildert die Sportwissenschaftlerin Astrid Schubring von der Uni Göteborg die Probleme.

Doch auch wenn Jugendliche Sport nur als Hobby betreiben, wird die Pubertät oft zur Aus-Zeit fürs Schwitzen. Rupp sieht das eher gelassen. "Oft sehe ich diese Jugendlichen dann als Erwachsene mit einem Tennisschläger in der Hand oder im Fitness-Studio." Sein Fazit: "Wer als Kind erfahren hat, dass Bewegung Spaß macht, wird auch als Erwachsener selten ein Couch-Potato."

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16.04.2016, 06:00 Uhr

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