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Stammzellforscher ziehen „Nature“-Artikel zurück

Beweisführung entspricht nicht den Kriterien des Fachmagazins / Universität Tübingen sah „kein evidentes Fehlverhalten“

Ein 2008 in „Nature“ veröffentlichter Artikel hatte den damaligen Tübinger Stammzellforscher Thomas Skutella zum internationalen Star gemacht: Er habe pluripotente Stammzellen aus Hodenzellen gewonnen, so wurde in der Publikation behauptet. In der neuesten Ausgabe von „Nature“ wird die Veröffentlichung jetzt zurückgezogen.

18.08.2014
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Sechs Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung und dem Rückzug der Publikation, die nicht nur in Fachkreisen für Schlagzeilen gesorgt hatte. Schließlich verbinden Mediziner mit der Fähigkeit, pluripotente Stammzellen im Labor zu gewinnen, völlig neue Möglichkeiten der Therapie. Als pluripotent werden Stammzellen bezeichnet, die sich in alle Zelltypen eines Organismus ausdifferenzieren können. Dementsprechend beachtet war die Arbeit, die Skutella und seine damalige Mitarbeiterin Sabine Conrad federführend verfasst hatten.

In der Folgezeit wurde aber immer deutlicher Kritik aus Forscherkreisen an dem Paper geäußert: Die Ergebnisse seien nicht reproduzierbar. Auch wurde den Autoren vorgeworfen, sie hätten Bild-Darstellungen in der „Nature“-Veröffentlichung geschönt.

Beweisführung entspricht nicht „Nature“-Kriterien

Nach einer „Korrektur“ im Jahr 2009 haben die Autoren ihre Veröffentlichung in der aktuellen „Nature“-Ausgabe komplett zurückgezogen. In einem kurzen Begleittext schreiben die „Nature“-Herausgeber: Die Autoren hätten neues Datenmaterial eingereicht, um Fehler im Artikel zu korrigieren. „Nature“ habe alle Daten zur Beweisführung überprüft. Das neu eingereichte Datenmaterial habe ersichtlich gemacht, dass die ursprünglichen Schlussfolgerungen nicht so tragfähig („not so robust“) waren wie ursprünglich dargestellt. Die Beweisführung entspreche nicht den Kriterien für „Nature“-Veröffentlichungen.

Gleichzeitig schreiben die Herausgeber, sie stellten den ursprünglichen Anspruch der Veröffentlichung, Zellen reproduziert zu haben, die in gewissem Maß pluripotent seien („pluripotent to some level“) nicht infrage. Nachfragen des TAGBLATTs, auch zum Vorgehen des international führenden wissenschaftlichen Fachmagazins bei der ursprünglichen Veröffentlichung, wollte „Nature“ nicht beantworten, „aus Gründen des Vertrauensschutzes“.

Skutella, der nach seiner „Nature“-Veröffentlichung von der Universität Heidelberg auf eine sehr gut ausgestattete Stelle berufen worden war, liegt derzeit im Rechtsstreit mit seiner Universität. Die Uni Heidelberg hatte, weil sie sich von Skutella getäuscht fühlte, die Ausstattung seines Lehrstuhls auf Grundausstattung zurückgestuft. Statt fünf Mitarbeitern verfügte Skutella zwischenzeitlich über nur einen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Auch die Sachmittel beliefen sich auf einen geringen Teil der ursprünglichen Zusage.

Dagegen hatte Skutella geklagt und vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe Recht bekommen. Man müsse einem Professor „erhebliches Fehlverhalten“ nachweisen können, um die Berufungszusagen derart einschränken zu können.

Abbildungen am Computer bearbeitet

Wie in der umstrittenen Arbeit mit wissenschaftlichen Daten umgegangen wurde und ob den Autoren Fehlverhalten vorzuwerfen sei, damit hatte sich im Jahr 2011 eine „Kommission zur Untersuchung von Fehlverhalten in der Wissenschaft“ an der Universität Tübingen befasst. In deren Abschlussbericht kommt die Kommission einstimmig zu dem Schluss, dass ein „,Fehlverhalten in der Wissenschaft‘ durch die Betroffenen in Form des ,Verfälschens von Daten‘“ vorliege. Die Kommission hielt eine Korrektur der Publikation deshalb für „dringend angeraten“. Laut Kommissionsbericht wurden Abbildungen durch elektronische Bildbearbeitung mit dem Programm „Photoshop“ in einigen Bereichen „selektiv aufgehellt“, andere Bereiche aus den Abbildungen ausgeschnitten und entfernt.

Gleichzeitig verwies die Kommission aber auf die damaligen Verfahrensregeln der Universität bei Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens: Ein Verfahren sei nur dann einzuleiten, wenn es sich um „evidentes Fehlverhalten“ handle. Um die Bedeutung des Begriffs „evident“ gab es in der Kommission und der Universitätsleitung langanhaltende Diskussionen.

Die Kommission schrieb in ihrem Abschlussbericht: „Maßgebend waren für die Kommission (…) die Usancen des relevanten Wissenschaftszweigs, in dem offensichtlich Bildbearbeitungen zur Verdeutlichung eines Ergebnisses akzeptiert werden. Genaue Maßstäbe oder Regelungen darüber, wo die Grenzen zwischen einerseits zulässigen Bildbearbeitungen („Verschönerungen“, sog. „beautification“) und andererseits unzulässigen Bildbearbeitungen (sog. „fraud“) verlaufen, waren für die Kommission auch unter Hinzuziehung fachkundiger Personen nicht zu erkennen. Zudem war zu berücksichtigen, dass die Zeitschrift ,Nature‘ es entgegen ihrer eigenen Richtlinien unterließ, vor der Veröffentlichung die Originalabbildungen der Experimente anzufordern.“ Es handle sich daher nicht um „evidentes Fehlverhalten“. Als Synonym für „evident“ nenne die Online-Ausgabe des Duden die Begriffe „unmittelbar einleuchtend“ und „keines Beweises bedürfend“, so die Kommission, die einen solchen Tatbestand im Fall dieser Publikation nicht erkennen konnte. Der Universität empfahl die Kommission zum Abschluss des Berichts aber dringend, die Verfahrensordnung der Universität zu überarbeiten.

Noch offen: Rechtsstreit mit Uni Heidelberg

Das ist mittlerweile geschehen. Anlass für eine Neubewertung des Falls nach dem Rückzug der „Nature“-Veröffentlichung sehe man jedoch nicht, teilte Forschungsrektor Herbert Müther auf Anfrage mit.

Noch offen ist der Rechtsstreit der Universität Heidelberg mit Skutella. Die Uni hat Berufung gegen das Karlsruher Urteil eingelegt. Diese werde derzeit geprüft, teilte der Dekan der Heidelberger Medizinischen Fakultät, Claus Bartram, dem TAGBLATT auf Anfrage mit.

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18.08.2014, 12:00 Uhr

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