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Altstadt-Leben (5): Wohnen mitten im Trubel

Bewohner des Stadtkerns loben kurze Wege und tadeln den Lärm

„Einmal Altstadt, immer Altstadt“ – so bringt die 27-jährige Magdalena Ruoffner auf den Punkt, was viele Altstadtbewohner denken. Sie genießen den Trubel und die kurzen Wege, die Atmosphäre und die gute Nahversorgung. Doch das angenehme Leben mitten in Tübingens guter Stube hat auch eine Kehrseite. Eine laute.

01.08.2014
  • Sabine Lohr

Tübingen. Das Haus im Grünen mit Garten drum herum war viele Jahre lang der Lebensmittelpunkt für Frieder Miller und seine Familie. Doch im Alter wurden Miller Haus und Garten zu groß und die Wege ins Kino oder ins Theater zu weit. So beschlossen er und seine Frau vor 15 Jahren, Pfäffingen zu verlassen und in die Tübinger Altstadt zu ziehen. Seither wohnen sie in einem liebevoll sanierten Kulturdenkmal in der Münzgasse. „Ich hab’ das nie bereut“, sagt der 78-Jährige. Er könne alles zu Fuß erledigen – und hat er abends die Idee, spontan ins Kino zu gehen, so tut er das einfach. „Früher war das dann doch immer ein Aufwand – mit dem Auto hinfahren, einen Parkplatz suchen und nachher alles wieder zurück“, sagt Miller.

Bewohner des Stadtkerns loben kurze Wege und tadeln den Lärm
Die perfekte Nahversorgung für die Altstadtbewohner ist der Wochenmarkt auf dem Marktplatz. Auch die Marktatmosphäre genießen sie. Wäre bloß das laute Aneinanderschlagen der Metallstangen beim Aufbau nicht.

Miller ist ein ganz typischer Fall für eine Bewegung, die seit einigen Jahren schon zu beobachten ist: die Reurbanisierung. Senioren ziehen zurück in die Städte – und auch Jüngere träumen längst nicht mehr von der Land-WG, sondern genießen es, mitten in der Stadt zu leben.

Nathalie Denoix ist eine von ihnen. Vor einem Jahr zog die 25-jährige Studentin zu ihrem Freund Holger Simon in ein Haus am Marktplatz. Im vierten Stock – über der Gaststätte Ranitzky – hat sie seither einen Logenplatz, was sie „irre schön“ findet. „Man hört die Leute reden, Peter Weiß spielt mit seinem Akkordeon und viele Freunde klingeln einfach und fragen, ob ich Lust auf einen Kaffee habe.“ Und strahlend stellt sie fest: „Manche fliegen 10.000 Kilometer, um hierherzukommen und ich lebe hier.“

Auch ihre Freundin Magdalena Ruoffner genießt die Altstadt. Seit drei Jahren wohnt sie in der Haaggasse, verzichtet auf ein Auto und erledigt alles zu Fuß. Nur zum Carlo-Schmid-Gymnasium, wo sie ihr Referendariat absolviert, nimmt sie den Bus, weil sie meistens viel zu transportieren hat.

Alles schön, alles gut also in Altstadt? Nein, sagt Ruoffner. „Wir bedauern alle sehr, dass der Netto geht.“ Der Netto ist jener Lebensmittel-Discounter am Holzmarkt, dem wegen der Erweiterung des Textilers H & M der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Zum Jahresende zieht er aus. Ruoffner und Denoix sind Stammkundinnen bei Netto. „Frische Sachen kaufen wir auf dem Markt oder beim Stand auf dem Holzmarkt, alles andere bei Netto“, sagen sie. Die nächsten Geschäfte – Edeka im Nonnenmarkt und Rewe in der Weststadt – seien einfach zu weit weg, um von dort schwere Einkäufe nach Hause zu bringen. „Vor allem für Ältere wird das ein echtes Problem“, sind sich die beiden sicher. Ansonsten aber sähe es mit der Nahversorgung sehr gut aus. „Bäcker, Metzger – das ist alles easy“, sagt Ruoffner. Frieder Miller hingegen findet, die Nahversorgung habe in den vergangenen Jahren stark nachgelassen: „Es gibt nur noch zwei Metzger, nur noch Bäcker-Filialisten, kein Elektrogeschäft mehr.“ Trotzdem erledigt Miller alles in der Altstadt: „Ich verlasse die eigentlich gar nie.“

Bewohner des Stadtkerns loben kurze Wege und tadeln den Lärm

Miller findet in der Altstadt aber noch etwas anderes als Waren: Gleichgesinnte. Er ist Mitglied der Bürgerinitiative (BI) Altstadt, die sich vor zehn Jahren gegründet hat. Deren vorrangiges Ziel damals: Die Verbannung des Afrobrasil-Festivals vom Marktplatz. Es sei zu groß und vor allem zu laut und störe deshalb das ausgewogene Verhältnis zwischen Wohnen, Freizeit, Handel und Gewerbe in der Altstadt. Das Ziel wurde erreicht, das Festival nach Stuttgart verbannt – und die Initiative gibt es immer noch. Sie kümmert sich weiterhin um jenes ausgewogene Verhältnis. Frieder Miller etwa ärgert sich über den enormen Lieferverkehr in der Fußgängerzone und fordert mehr Kontrollen von jenen, die eine Sondererlaubnis zum Befahren der Altstadt haben.

Angelika Gürtler ist ebenfalls Mitglied der BI. Seit ihrer Jugend schon lebt sie in der Altstadt, seit 20 Jahren am Marktplatz. Sie stört sich vor allem am Lärm, den nachts vor allem junge Leute machen. „Sie kicken mit Dosen, zerdeppern Bierflaschen, grölen herum – das hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt sie. Ordnungsamtsleiter Rainer Kaltenmark bestätigt diese Beobachtung und hat auch eine Begründung dafür: „Die Sperrstunde der Altstadt-Gastronomie ist um 3 Uhr, an den Wochenenden sogar erst um 5 Uhr.“

Dazu komme, dass seit dem Rauchverbot in Gaststätten die Raucher draußen stehen, was auch nicht immer leise sei. Ein besonderes Augenmerk hat Kaltenmark zur Zeit auf den Alkoholverkauf „über die Straße“: Kneipen bieten Cocktails to go an, was viele nutzen. Sie kaufen sich ein Getränk und setzen sich auf den Holzmarkt, wo sich an manchen Abenden 300 bis 400 Leute versammeln. „Die Altstadt darf aber nicht zur Kulisse werden“, sagt Kaltenmark. Sie habe deshalb bei den abendlichen und nächtlichen Kontrollen der kommunalen Ordnungshüter „absolute Priorität“.

Zudem sei er zur Zeit mit Gastronomen im Gespräch, um sie auf das Problem aufmerksam zu machen. Es geht ihm vor allem darum, die abendlichen und nächtlichen Besucher darüber aufzuklären, dass die Altstadt bewohnt ist. „Vielleicht auf Bierdeckeln oder auf Schildern, an dem Thema sind wir grade dran“, sagt er. Und: „Die Altstadt muss so gestaltet werden, dass die Bewohner auch schlafen können.“

Bewohner des Stadtkerns loben kurze Wege und tadeln den Lärm
Nathalie Denoix und Holger Simon wohnen am Marktplatz über dem Ranitzky und fühlen sich dort reichlich wohl.

Dem stimmt auch Nathalie Denoix zu. „Nachts das Fenster auflassen, das geht gar nicht“, sagt sie. Aber auch tagsüber ist es manchmal ganz schön laut: Blaskapellen spielen drei oder vier Stunden lang, Organisationen laden zu Veranstaltungen ein, bei denen sie stundenlang übers Mikrofon Reden halten oder Informationen kundtun, an Markttagen scheppern frühmorgens Metallstangen aneinander, wenn die Beschicker ihre Stände aufbauen. „Aber so ist das halt, wenn man mitten in der Stadt lebt“, zeigt sich Denoix gelassen. Sie wünscht sich sogar mehr Veranstaltungen auf dem Marktplatz, auch das Afrobrasil hätte sie gerne zurück. „Wen das stört, der muss dann halt über dieses eine Wochenende wegfahren“, sagt sie.

Dieses Argument hat Angelika Gürtler schon öfters gehört und ärgert sich darüber. „Ich wohne da und erwarte eigentlich einen besonderen Schutz“, sagt sie. Auch lasse sie sich nicht sagen, wie sie zu empfinden habe. Als sie vor 20 Jahren an den Marktplatz zog, sei es dort nachts ruhig gewesen. So hätte sie es gerne wieder.

Frieder Miller hingegen nimmt den Veranstaltungs-Lärm gelassener: „Wir bekommen ja schon im Herbst den Veranstaltungskalender fürs nächste Jahr. Da kann man sich dann drauf einstellen.“

1989 hat der Gemeinderat den Bebauungsplan „Altstadt“ beschlossen. Mit ihm sollte erreicht werden, dass die „ausgewogene Mischung aus Wohnen, Handel, Handwerk, Dienstleistungen, Gastronomie, Forschung und Lehre, Verwaltung und Gemeinbedarfseinrichtungen“ erhalten bleibt. Zudem sollte verhindert werden, dass bestehender Wohnraum in der Altstadt umgenutzt wird. Darum ist in dem Planwerk festgelegt, dass alle Geschosse über dem ersten Stockwerk dem Wohnen vorbehalten sein müssen. Auch wurde damals die Zunahme von „Schank- und Speisewirtschaften, die zur Abgabe von zum Verzehr auf der Straße bestimmten Speisen und Getränke geeignet sind“ ausgeschlossen. Sie würden eine Störung des Wohnens darstellen, „da ein ungestörter Feierabend, ein ungestörtes Wochenende und eine ausreichende Nachtruhe gefährdet“ seien.

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01.08.2014, 12:00 Uhr

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