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Größter Feuerwehreinsatz seit Jahren: 15 Verletzte bei Wohnungsbrand in Tübingen

Bewohner kamen nicht mehr aus dem Haus

Ein Wohnungsbrand in Tübingens Französischem Viertel löste am Samstagabend den größten Feuerwehreinsatz in der Uni-Stadt seit vielen Jahren aus. 17 Personen mussten aus einem verqualmten Mehrfamilienhaus im Mistralweg 2 gerettet werden.

19.07.2015
  • ulrich Janssen

Tübingen. Bemerkt worden war der Brand am Samstagabend gegen 19.30 Uhr. Um diese Zeit klingelte es plötzlich an der Tür eines Bewohners im ersten Obergeschoss – ein Nachbar hatte dichten Rauch im Treppenhaus festgestellt. Der Mann, der als Ingenieur in Stuttgart arbeitet, trat in den Flur und stellte fest, dass der Rauch aus einer kleinen Wohnung kam, die er mit seiner Frau als Büro nutzte.

Bewohner kamen nicht mehr aus dem Haus
Mit Drehleitern rettete die Polizei am Samstagabend die Bewohner eines Mehrfamilienhauses im Tübinger Mistralweg. Bild: Faden

„Ich ging hin, um das schnell zu löschen“, berichtete der 53-Jährige dem TAGBLATT. „Aber dann sah ich, dass das ganze Parkett schon in lodernden Flammen stand.“ Der Mann rannte zurück und brachte sich und seine sechsköpfige Familie eilends über eine Gartenleiter in Sicherheit.

Fatalerweise ließ er in der Hektik die Tür zur brennenden Wohnung offen, weshalb sich noch mehr Rauch im gesamten fünfstöckigen Gebäude und vor allem im Treppenhaus ausbreiten konnte. Den Bewohnern, die um diese Zeit beim Abendessen saßen oder auf dem Balkon den Sommerabend genossen, wurde der Fluchtweg abgeschnitten.

Um 19.38 Uhr kam der erste Anruf bei der Tübinger Feuerwehr. Da waren schon überall im Haus die Feuermelder losgegangen. Um 19.45 Uhr war Feuerwehr-Einsatzleiter Markus Mozer als erster vor Ort und fand sich unverhofft in einem „worst case-Szenario“ wieder: „An allen vier Seiten standen Leute in den Fenstern und auf den Balkonen und konnten nicht heraus.“ Die Folge war ein Großalarm für Feuerwehr, Polizei und DRK. Insgesamt eilten fast 150 Einsatzkräfte ins Französische Viertel.

Bewohner hatten teilweise Todesangst

Als Lisa Federle, die Leitende Notärztin vor Ort eintraf, hatte sich die Situation schon dramatisch zugespitzt. „Die Menschen drückten sich Handtücher vor das Gesicht, um den Rauch nicht einatmen zu müssen, die hatten teilweise Todesangst“, erinnert sich die Medizinerin. Rund um den abgesperrten GWG-Bau standen zahllose Fahrzeuge von Feuerwehr, Polizei- und Sanitätsdienst. Überall rannten Feuerwehrleute in Atemschutzmasken zum Einsatz, wurden Drehleitern in Stellung gebracht.

Die Aufgabe war knifflig. Weil das Treppenhaus mitten in dem sechsgeschossigen Gebäude lag, konnte niemand seine Wohnung verlassen. Die Feuerwehr musste die Menschen von allen vier Gebäudeseiten (eine zeigte auch noch zu einem nicht befahrbaren Innenhof) einzeln mit Leitern und Tragen retten. „Menschenrettung geht vor, das ist aufwändig und braucht Zeit“, erklärte Mozer, warum es fast eine Stunde dauerte, bis alle Bewohner in Sicherheit waren. „In eine brennende Scheune schüttet man ordentlich Wasser rein, und das war’s. Hier hatten wir eine andere Situation.“

Wie dramatisch die Situation zunächst war, schildert Uwe Czubayko. „Wir saßen in der Nähe mit Bekannten zusammen, als wir hörten, dass es bei uns brannte.“ Als Czubayko beim Haus eintraf, sah er seinen eigenen Sohn in Panik auf dem Balkon des vierten Stocks. Der 14-Jährige war allein zu Hause geblieben. „Wir konnten nicht zu ihm und riefen ihm zu, bleib ruhig, die Feuerwehr rettet dich.“ Der Junge habe sich dann allmählich beruhigt, und die Eltern verfolgten von unten, wie ihr Kind über eine Leiter gerettet wurde.

Nachdem klar war, dass die Flammen nicht auf die anderen Etagen übergriffen, beruhigte sich die Lage etwas. Alfred Emanuel Winkler, einer der geretteten Bewohner, nahm die Sache im Nachhinein sogar mit Humor. „Ich habe zwei Bier getrunken und zwei Zigaretten geraucht. Da hatte ich ja Zeit dafür. Meine Frau hatte allerdings gerade einen Braten im Ofen, den können wir jetzt wohl vergessen.“

Insgesamt 17 Bewohner, unter ihnen vier Kinder, wurden von der Feuerwehr über Balkone und Fenster mit Tragen in Sicherheit gebracht werden. Ebenfalls gerettet wurden drei Hunde und eine Katze. 15 Bewohner erlitten Rauchgasverletzungen, acht wurden vorsichtshalber in der Klinik behandelt, darunter auch eine schwangere Frau, deren Vergiftung von den Notärzten als schwer eingestuft wurden.

Schwangere Frau ist wieder wohlauf

Die Kinder blieben zur Beobachtung nachts in der Klinik, die Erwachsenen wurden bald wieder nach Hause entlassen. Auch die Schwangere und ihr Kind sind nach Auskunft von Lisa Federle inzwischen wieder wohlauf.

Laut Federle kümmerten sich fünf Notärzte um die Verletzten, insgesamt hatte das DRK 52 Helfer im Einsatz, darunter 20 ehrenamtliche Helfer, die aus dem gesamten Landkreis zusammengezogen worden waren. Hinzu kamen noch 15 weitere, die auf die verwaisten Wachen geschickt wurden. Die Polizei war mit elf Beamten vor Ort, die Feuerwehr schickte 90 Leute in 15 Fahrzeugen hinaus. 50 weitere mussten mobilisiert werden, um die fehlenden Kräfte auszugleichen.

Zur Höhe des Schadens und zur Ursache wollte sich die Polizei gestern noch nicht äußern und verwies auf laufende Ermittlungen. Von der Tübinger Wehr war zu erfahren, dass der Brand in einer kleinen Küche ausgebrochen sein muss, die neben dem Büro im ersten Obergeschoss lag. Möglicherweise war, so die vorläufige Auskunft der Wehr, „ein technisches Gerät in Herdnähe“ der Auslöser.

Dass aus einem verhältnismäßig kleinen Küchenbrand unversehens einer der größten Einsätze der Tübinger Wehr wurde, lag nach Auskunft der Feuerwehr daran, dass der Qualm durch die geöffnete Tür ins Treppenhaus gelangen konnte. Weil die Rauchmenge so groß war, konnte sie durch die obligatorische Rauchabzugsklappe nicht entweichen. Die Feuerwehr musste im oberen Stockwerk Flurfenster einschlagen, um den Rauch zu vertreiben. Einsatzleiter Markus Mozer erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass bei einem Brand immer sofort die Türen geschlossen werden müssen. „Das sagen wir schon den Kinder in der Schule.“ Auch die Bewohner seien bei einem Brand im Haus verhältnismäßig sicher, wenn alle Türen geschlossen sind.

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19.07.2015, 12:00 Uhr

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