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Kalte Duschen für die Haugensteiner

Bewohner sorgen sich wegen zunehmender Leerstände

In der bundeseigenen Haugenstein-Siedlung werden die Modernisierungs-Rückstände immer größer – einige Mieter hoffen auf Hilfe des Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel.

15.09.2010
  • Andreas Ellinger

Horb. Wenn die Haugensteiner ihre Fenster gießen und Teelichter hinter ihren Scheiben etwas Romantik aufflackern lassen, dann ist das Horber Hochbauamt zu Gast – um im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) undichte Fenster zu überprüfen.

Die BIMA bekommt die ehemalige Militärsiedlung auf Bildechinger Markung nicht verkauft, obwohl sie – laut Presse-Auskünften – seit Jahren Verhandlungen führt. Auch am Dienstag sagte der zuständige Abteilungsleiter: „Wir sind in intensiven Gesprächen mit mehreren Interessenten.“ Der Bundesbesitz umfasst 30 Häuser mit 120 Wohnungen, die ehemaligen Schul-, Laden- und Lagergebäude, 22 Garagen, 125 Autoabstellplätze, ein Heizwerk und das Straßennetz.

Während sich die Bundesregierung als Klimaschützer gibt und für die energetische Sanierung von Häusern wirbt, sorgt der Bund mit seinen eigenen Immobilien auf dem Haugenstein weiterhin für eine aufgeheizte Atomsphäre. Mieterin Gabriele Schwientek empfindet das als „reinen Hohn“: Seit mehr als 30 Jahren wohne sie hier und habe nur Flickschustereien erlebt.

Mehrere Bewohner haben Ende der 90er-Jahre gegen den Bund geklagt, um Reparaturen durchzusetzen. 1997 habe es deshalb eine Baubesichtigung gegeben – seither aber nicht mehr, „obwohl das im Mietvertrag festgeschrieben ist“, wie Michael Palmer sagt, der seit 25 Jahren Haugensteiner ist. Anneliese Prantl und Lilli Esther, die jeweils seit rund 30 Jahren dort leben, sind ebenfalls kalte Duschen gewohnt. Immer wieder hätten sie wegen technischer Probleme nur kaltes Wasser, berichten sie bei einem Kaffeekränzchen, zu dem das Ehepaar Schwientek geladen hat.

„Wenn Du hier nicht leben willst wie der letzte Heuler, machst Du es in Eigenregie“, erklärt Gabriele Schwientek, die mit ihrem Mann Christoph unlängst einen Baum gefällt hat, dessen Wurzelwerk auf die Leitungen gedrückt habe. Das Rohr-Netz des Heizwerks, an das die Haushalte angeschlossen sind, sei im Winter sogar oberflächlich erkennbar – weil dort der Schnee schmelze. Die Abwärme, die offensichtlich verlorengehe, werde kostenmäßig auf die Mieter umgelegt – auf immer weniger Mieter, wie die Haugensteiner berichten. „Wir kommen locker auf 17 leere Wohnungen.“ Sie stünden seit bis zu drei Jahren leer, weil sie nicht modernisiert werden könnten. Dafür fehle der BIMA das Geld, wie auf Anfrage mitgeteilt worden sei. Die Mieter schließen daraus, dass mit ihren Mieten keine Rücklagen gebildet worden sind. Ihre Befürchtung: Der Bund könnte die Zahl der Leerstände weiter anwachsen lassen und dann sagen, dass die ganze Siedlung aus Kostengründen aufgegeben werden müsse.

Während früher wenigstens ab und zu mal Kauf-Interessenten herumgeführt worden seien, habe sie das zuletzt nicht mehr feststellen können, berichtet Gabriele Schwientek. Sie vermutet: Die Liegenschaft wäre besser zu verkaufen, wenn die Gebäude abgerissen würden. Davor fürchten sich die 73-Jährige Anneliese Prantl und die 81-jährige Lilli Esther: „Ein Umzug wäre eine Katastrophe.“

Die Haugensteiner kritisieren, dass der Bund die Pflege seines Eigentums zunehmend vernachlässige, indem er Personal abziehe. Manche Bewohner würden inzwischen ungehindert mit ihren Autos über die Grünflächen fahren und Öl im Gelände entsorgen. Auch angetrunkene junge Leute hätten die Siedlung beziehungsweise die angrenzende B14-Unterführung als Treffpunkt entdeckt. „Die wissen, dass es hier keine Kontrolle gibt“, erklärt Gabriele Schwientek und bedauert: „Wir stehen wieder da, wo wir vor 30 Jahren angefangen haben.“ So höre sie neuerdings beispielsweise wieder häufiger, dass der Haugenstein als „Halunkenstein“ verunglimpft werde.

Von alleine werde vom Bund praktisch nichts mehr gemacht und die Stadt Horb verhalte sich hinsichtlich der Zugänge im B14-Bereich ähnlich – alles müssten sie erst einfordern, klagen die Betroffenen. Das Buswartehäuschen, das kaum mehr von Bussen angefahren werde, sei zur Torwand für Kinder und Jugendliche geworden, während die Spielplätze von Hunden und Katzen als Toilette genutzt würden. Michael Palmer erzählt, dass er früher im Außenbereich vieles selbst gemacht habe. „Aber mir ist die Lust vergangen“ – weil der Bund von ihm trotzdem Jahr für Jahr viel Geld für die Gartenpflege verlangt habe. Rund 16 500 Euro wurden zuletzt für Garten und Anlagen auf die Mieter umgelegt – und das sollen nur 50 Prozent der Jahreskosten sein. Was mit den 33 000 Euro passiert, ist den Haugensteinern rätselhaft.

Mit Blick auf das Leitungsnetz sagt Gabriele Schwientek: „Irgendwann bricht das marode Außensystem zusammen.“ Vor diesem Hintergrund sorgt es in der Kaffee-Runde fast schon für Erheiterung, wenn die Bemühungen des Bildechinger Ortsvorstehers Michael Laschinger zur Sprache kommen – was den Lärmschutz des Haugensteins entlang des künftigen Brücken-Zubringers betrifft: „Er macht sich um den Lärmschutz für eine Geistersiedlung Gedanken.“

Die Haugensteiner hoffen neuerdings, dass sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel für ihre Siedlung einsetzt – so, wie er es für die Empfinger „Reichenhalden“ getan hat. Dort soll die BIMA inzwischen angekündigt haben, sich 2011 finanziell stärker engagieren zu wollen.

Bewohner sorgen sich wegen zunehmender Leerstände
Sie hoffen auf Unterstützung des CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Fuchtel: Die Haugensteiner Mieter (von links) Anneliese Prantl, Michael Palmer, Lilli Esther, Gabriele Schwientek und Christoph Schwientek. Bild: ael

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15.09.2010, 12:00 Uhr

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