Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Das Tübinger Landestheater beendet seine erste Spielzeit unter neuer Leitung mit Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“

Beziehungsreiche Sollbruchstellen

In der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft, kurz Autonama, glänzt der Dramatiker Moritz Rinke als Goalgetter (32 Tore!) – als einer, der sich nicht sturmtankmäßig in die Strafraumschlacht wirft, sondern geschickt die Räume nutzt, die ihm der Gegner bietet. Wenn man so will, ist Moritz Rinke der Thomas Müller der Literatur.

14.06.2015

Tübingen. Er bevorzugt die überraschende Volte, das Unorthodoxe – etwa, indem er für ein Interview anlässlich seines Bühnenerfolgs „Wir lieben, aber wissen nichts“ den „Dramasseur“ erfindet.

Das ist in Rinkes Augen ein Regisseur, der sich die Dramatik nach Gusto und Karrierestreben zurechtknetet. Andererseits, so der Autor im Interview, habe er gerade in der sogenannten Provinz „völlig entspannte Regisseure getroffen, die selbstbewusst genug waren, eine Geschichte auf Augenhöhe von Text, Schauspielern und Regie zu erzählen und dafür auch noch ein Publikum begeistern konnten.“

Wehmut und W-LAN

Falls es den Autor nach Tübingen verschlägt, trifft er hier auf eines dieser seltenen Regiefach-Exemplare. Denn LTT-Oberspielleiter Christoph Roos „dramassiert“ Rinkes Stück nicht und massakriert es auch nicht. Stattdessen kitzelt er den vorhandenen Witz, so weit es nötig ist, aus dieser Vorlage, die in wehem Nachklang auf Edward Albees psychotisch-handfestem Vernichtungsfuror („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“) und in Konkurrenz zu Yasmina Rezas konsensbröckelndem Paar(leer)lauf („Gott des Gemetzels“) einen neuen dritten Weg einzuschlagen versucht.

Wiederum zwei eher akademisch ausgerichtete Pärchen, für einen längeren Moment auf Gedeih und Verderb aufeinander treffend und genauso aufeinander angewiesen. Die praktisch veranlagte Hannah hält die erschlaffte Partnerschaft mit dem traumtänzelnden Vorwortbastler und Bücher-Schluffi Sebastian mühsam auf Trab: Die nächste Etappe wäre dann Zürich, wo Hannah gestressten Bankern mit Zen-Sperenzchen die Schnappatmung glättet, wo Sebastian aber partout nicht hin will.

Im Gegenzug machen sich in ihrer Wohnung der humorlos-robuste Software-Fuzzy Roman und an seiner Seite ein flatterhaft scheues Wesen namens Magdalena breit. Roman, der ohne W-LAN-Zugang ziemlich schlechte Laune kriegt, will eigentlich nur in Ruhe Kommunikationssatelliten in den Orbit schießen, wobei ihn andere Leute (speziell Frauen und noch spezieller die eigene) nur stören. Was ihn aber nicht von einem Techtelmechtel mit Hannah abhält.

Rinke neigt in „Wir lieben und wissen nichts“ zwar allzu sehr zum lockeren Wortgeschwalle und -geklaube, ein bisschen auch zur Pointenkackerei. Seine Akteure beuteln sich die Sprüche arg um die Ohren. Und doch macht sich hinter den Sätzen eine merkwürdige Sprachlosigkeit und Lebensverdrossenheit breit. Denn es geht um die Sollbruchstellen von Beziehungen, und wie belastbar sie sind.

Die Paare trennt (und verbindet zugleich) Unbewältigtes und Unausgesprochenes: Versagter Kinderwunsch, verdrängte Kündigung, Paarungs- und Paarbeziehungsstörungen, unleidiges Zweifeln, abflauende Gefühle und abgekühlte Leidenschaft, Entzugs- und Entfremdungserscheinungen, Frust und Lust-Verlust. All das drängt hier zumindest bis knapp unter die Oberfläche, weshalb Stück (und mehr noch die Inszenierung) gegen Ende nachdenklicher, ruhiger, hoffnungsloser erscheinen.

Es sind diese Kellerleichen aus den leicht moderigen Grüften des Miteinanders, aus den Mördergruben der doch noch füreinander schlagenden Herzen, die jetzt in der wohl rinke-genehmen Tübinger Theaterprovinzversion (in eindreiviertel Stunden ohne Halbzeitpause) so ansehnlich und passabel geschminkt werden, bis die ganze Aufführung frisch und lebendig wirkt. Nicht zuletzt liegt das an Franziska Beyer, deren Hannah energisch auf- und ausbricht, an Michael Ruchters großmäulig maulendem Versagensangsthasen Sebastian, Jennifer Kornprobsts verzweifelt-überkandidelter Magdalena und Patrick Schnickes unsympathischem Problembär Roman.

Das Leben bietet für alle Fälle Verlegenheits- und Verlogenheitslösungen. Manchmal muss tabula rasa gemacht werden. Auf den Tisch verzichtet die Bühne von Peter Scior, nicht aber auf den (einzigen) reinen Stuhl, Sebastians Rückzugsort, aber auch sonst bleibt es um ihn weitgehend leer. Die Umzugskisten sind längst gepackt, und Sebastians geliebter Bücherbestand wird nach und nach von dem Quartett eigenhändig entsorgt.

Am Schluss gibt es kurz freie Sicht aufs unendliche All, für einen Augenblick den Außenblick auf den Planeten. Dann ist Sebastian wieder allein, eingekastelt in den eigenen vier Wänden, die nackt und leer bleiben. Sebastian im Gehäus, verlassen und verzagt. Ein Büchermensch, der liebt. Und nicht weiß, wie das geht. Wilhelm Triebold

Info: Weitere LTT-Termine am 19. und 27. Juni sowie am 3., 9. und 16. Juli.

Beziehungsreiche Sollbruchstellen
Wohnungstausch, oder gleich Partnertausch? Sebastian (Michael Ruchter, zweiter von rechts) hirnt zwar gerade über dionysische Orgien, bevorzugt aber etwas Abstand zu den lieben Mitmenschen. Doch irgendwie kommen sie sich alle näher in Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“: Der Techno-Checker Roman (Patrick Schnicke, links) der Zen-Atemübungsleiterin Hannah (Franziska Beyer, rechts), und auch die sonst schrille Tiertherapeutin Magdalena (Jennifer Kornprobst) sucht Wärme und Nähe.Bild: LTT

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

14.06.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball