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Reutlinger Fundsachenversteigerung

Bieterschlacht im Rathaus

Sie thront über all die um sie herumliegenden Kleidungsstücke, Uhren, Brillen, Bücher und Regenschirme. Sie ragt heraus wie ein Leuchtturm, goldglänzend und leuchtend rot, schaut herab auf die anderen Fundstücken hier im Reutlinger Rathaus. Doch sie muss sich noch gedulden, bis sie aufgerufen wird bei der Versteigerung der nicht abgeholten Verlustsachen. Zuerst finden die Regenschirme dankbare Abnehmer im etwa 50-köpfigen Publikum, Holger Schlosser registriert routiniert die hoch gestreckten Arme der Bieter.

29.11.2012

Normalerweise arbeitet er im Bürgeramt, einmal im Jahr genießt er seinen Job als Auktionator im Rathaus. Erfahrungen mit großen Auftritten hat Schlosser zur Genüge: Er ist Hobby-Schauspieler am Naturtheater, im Sommer hat er den Dracula gemimt. Die Schauspielerei sei zwar keine Voraussetzung für den Job als Gelegenheits-Versteigerer, „aber es schadet nicht“, sagt der städtische Beamte.

So bringt er mit launigen Sprüchen das Strandgut des Alltags billig unter die Leute. „Jetzt zugreifen – und der romantische Abend ist gesichert“, sagt Schlosser, als er Position 14, Dessous, BHs und eine Packung mit drei Kondomen zum Mindestgebot von drei Euro aufruft. Er sagt noch, das sei nichts für die schwäbische Hausfrau, dann erhält eine solche für elf Euro den Zuschlag. Mittlerweile schauen auch immer mehr Rathaus-Bedienstete kurz vorbei. „Nur nicht den Arm heben, sonst hast du die T-Shirts ersteigert“, flachst eine Angestellte. Dann, nach einem Bücherposten mit Titeln wie „Der Frauenjäger“ oder „Papierküsse“, ist das alles überragende Fundstück dran. Als extravaganter Kerzenständer angekündigt, kommt Position 29, eine Wasserpfeife unter den Hammer. Für einen Euro ausgerufen, geht die Shisha schließlich für elf Euro an einen, der den kalten Rauch schätzt.

Dann kommt so richtig Geld in die Stadtkasse: Erst mit Mini-Fernseher oder DVD-Player, dann mit Uhren und Schmuck. Bei Geschmeiden aus Gold wird mühelos die 100-Euro-Schwelle überboten, eine goldene Armkette erreicht mit 350 Euro das Höchstgebot des Tages. Da ist nun auch Auktionator Schlosser voll gefordert. Denn auf den Schmuck sind Profis scharf, die das Ersteigerte nachher wahrscheinlich weiterverkaufen wollen – meistens sind es die gleichen Bieter. Ein Drittel der Auktionsgäste sind Stammkunden, sagt der Mann vom Bürgeramt, der insgesamt schon zwölf Fundsachen- und 16 Fahrradversteigerungen geleitet hat.

Nur zwei Perlenketten mit Goldverschluss gehen am Dienstag im Rathaus nicht weg, insgesamt kommen 1700 Euro für die Stadtkasse zusammen. „Aber die Auktion kostet wahrscheinlich mehr, als sie einbringt“, sagt Schlosser. Denn die Objekte müssen gelagert, für die Auktionen aufwendig taxiert und ausgezeichnet werden. Beim Schmuck ist der Tagespreis für Gold zu beachten, das ganze kostet viel Arbeitszeit. Zumindest die Stunde, die für die Versteigerung drauf geht, ist für Schlosser aber eine net te Abwechslung vom Alltag. Thomas de Marco

Bieterschlacht im Rathaus

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29.11.2012, 12:00 Uhr

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