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Regional - global

Bio-Seide, fairmade in Chengdu

Globaler Textilhandel – 26 Kilo Kleidung im Jahr kauft jeder in Deutschland. Mehr als zwei Milliarden Altkleider landen jährlich im Container oder Hausmüll. Das System funktioniert – weil Millionen von schlecht bezahlten Arbeiter innen weltweit die Billigklamotten herstellen. Doch langsam ändern sich Bewusstsein und Einkaufsverhalten der Konsumenten. Dass Textilproduktion auch anders geht, zeigt das Beispiel der Tübinger Firma Rösch.

25.07.2014
  • Text & Fotos: Volker Rekittke

Am Anfang war es hart, wir waren eine kleine Firma“, erinnert sich Geschäftsführer Michael Wang, 50. Seit einiger Zeit laufen die Geschäfte des chinesischen Konfektionierbetriebs Otex („Organic Textiles“) gut. Gerade erst fertigten die hundert meist weiblichen Mitarbeiter 5000 Teile für die Nachtwäsche-Herbstkollektion der Tübinger Modefirma Rösch. Für deren Lizenz-Marke Féraud waren es in eineinhalb Jahren bereits 16 000 seidige Nachtkleider „Made in China“. Die Nachtwäsche aus Bio-Seide wird mit dem weltweit anerkannten GOTS-Siegel zertifiziert. Der „Global Organic Textile Standard“ ist der strengste bei der ökologisch und sozial verantwortlichen Verarbeitung von Textilien.

„Das Bewusstsein der Kunden ändert sich“, beobachtet Wang. „Sie wollen sich selbst etwas Gutes tun – aber auch der Umwelt und den Arbeitern.“ Das gilt für Europa und Nordamerika, und zunehmend auch für China, wo Rösch in 40 Städten unter dem Dach des größten einheimischen Wäscheherstellers „Aimer“ vertreten ist.

Die Bestellung bei Otex wird – in der Branche völlig unüblich – durch Rösch vorfinanziert. „Das ist für uns fairer Handel“, sagt Rösch-Geschäftsführer Andreas Söffker. Sechsstellige Summen vorab nach China überweisen – dazu gehört Vertrauen und ein guter Kontakt.

Sonntagmorgens um Sieben sind Chengdus Straßen wie ausgestorben. Nur ab und zu gleitet fast geräuschlos einer der sonst so zahlreichen Elektroroller über eine der drei Ringstraßen, die Chengdus historische Innenstadt umschließen – mit bis zu zehn Spuren in jede Richtung. So leer die Straßen, so voll die vielen kleinen Parks. Hunderte von Senioren machen dort Tai-Chi oder Kampfsport, spielen Badminton oder Mahjong.

Chengdu ist bekannt für seine sehr scharfe Küche, was Essen für Europäer zu einer schweißtreibenden Angelegenheit macht. Von chinesischen und internationalen Touristen viel besucht ist eine Aufzuchtstation für Giant Pandas – spätestens seit dem Film „Kung Fu Panda“ ist das schwarz-weiße Nationalheiligtum weltweit bekannt.

Die Löhne sind hier noch nicht so hoch, die Luft ist besser als in Shanghai oder Peking. Doch schon heute leben und arbeiten über 7,5 Millionen Menschen in Chengdu, im Großraum sind es sogar 14 Millionen. Alte Häuser sind kaum noch zu sehen, überall wird neu und weit in die Höhe gebaut.

Die Hauptstadt der aufstrebenden Provinz Sichuan gilt mittlerweile als industrielles Zentrum für den Westen des Landes. Chinesische und internationale Firmen haben die Stadt als Top-Adresse für Investitionen etwa im Automobil- und Flugzeugbau entdeckt. Auch viele deutsche Unternehmen sind vertreten. Seit gut einem Jahr bietet Air China Direktflüge von Frankfurt aus an, in zehn Stunden ist man in Chengdu.

Die Provinz Sichuan – mit bald 90 Millionen Einwohnern bevölkerungsreicher als Deutschland – gilt als Reiskammer Chinas. Schon wenige Kilometer außerhalb der Megacity Chengdu ziehen sich kilometerlang Reisfelder entlang der gut ausgebauten Überlandstraßen. Neben Wasserreis wird Raps und Zuckerrohr angebaut. Dank des feuchten und warmen Klimas gedeihen Feldfrüchte das ganze Jahr über. Die Provinz ist ein bedeutender Lieferant von Tee und von Seidenraupen. Dazu gehören auch die jährlich fünf Millionen Maulbeerspinner, die sich 150 Kilometer nördlich von Chengdu in Kokons einspinnen – auf der 1998 gegründeten Otex-Farm „Saba“, seinerzeit der erste Demeter-Betrieb in China.

Immer mehr europäische Firmen wollen Fairtrade-Kleidung anbieten“, sagt Otex-Chef Wang, aber manche wollen einfach keine Fairtrade-Preise zahlen. „Wenn sie versuchen, den Preis zu drücken, sagen wir ihnen: Wir brauchen das Geld für unser Projekt.“ Zum Beispiel für die Löhne der Otex-Näherinnen: Durchschnittlich 2700 Yuan (320 Euro) verdienen die Arbeiterinnen – das ist mehr als doppelt so viel wie der regionale Mindestlohn und liegt auch über dem „Living Wage“. Das ist ein Lohn, der die grundlegenden Lebenshaltungskosten für Ernährung, Kleidung, Wohnen, Gesundheit und Ausbildung deckt. Für Überstunden gibt es bei Otex 150 Prozent, für Wochenendarbeit 200 Prozent des regulären Lohns. Die vertragliche Wochenarbeitszeit liegt bei 40 Stunden, auch bei eiligen Großaufträgen dürfen es nicht mehr als 55 Stunden werden.

Bei Otex wird der Lohn im Krankheitsfall weitergezahlt, fast die Hälfte der Belegschaft lebt in einer vom Betrieb subventionierten, günstigen Wohnung. Schließlich gilt für Beschäftigte ein Mindestalter von 18 Jahren – und es existiert eine neunköpfige Arbeitnehmervertretung, die alle zwei Jahre gewählt wird. Strafen für „Fehlverhalten“ gibt es bei Otex nicht, auch keine vergitterten Fenster und verschlossenen Türen, die die Fabrik bei einem Brand in eine Todesfalle verwandeln können. Regelmäßig wird der Betrieb von der unabhängigen „Fair Wear Foundation“ (FWF) zertifiziert. Mitarbeiter der Stiftung mit Sitz in Amsterdam – im Vorstand sind Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen sowie 80 Textil- und Outdoor-Firmen vertreten – kontrollieren die Arbeitsbedingungen in Chengdu. Auch bei der deutschen Partnerfirma Rösch schaut die FWF danach, dass Management und Mitarbeiter die fairen Spielregeln einhalten.

Die vergleichsweise hohen Löhne führen dazu, dass sich Michael Wang nun in Laos umschaut: Dort soll parallel zur Demeter-Seidenraupenfarm Saba ein zweites Projekt aufgebaut werden – „nach den gleichen ökologischen und sozialen Standards“, betont der Otex-Chef. Doch das Lohnniveau im Nachbarland ist generell niedriger. „Laos wird wohl die Zukunft unserer Firma sein.“

Von 40 Euro für ein Baumwoll-T-Shirt mit dem Siegel „Cotton made in Africa“ (siehe Kasten unten) bis zum über 400 Euro teuren Féraud-Seidennachthemd reicht die Preisspanne bei Rösch. Dass die Seidenteile aus Chengdu vor allem gehobene Käuferinnenschichten ansprechen, ist Söffker bewusst. Doch faire Löhne in China und die Einhaltung strenger Bio-Normen – das habe eben seinen Preis. Und die Kundinnen seien auch bereit, den zu zahlen. Immer häufiger würden die Verkäuferinnen gefragt: „Wo kommt das her, wie wurde das produziert?“ Zugleich erwarte die Kundin die Erfüllung höchster ästhetischer und qualitativer Ansprüche. „Das Produkt muss hochbegehrlich sein. Es geht nicht um Verzicht, sondern um korrekten Konsum“, sagt Söffker: „Wir wollen raus aus der Öko- und Fair-Nische – das geht aber nur, wenn sich immer mehr Menschen für einen anderen Konsum entscheiden.“ Der Rösch-Geschäftsführer sieht noch eine andere Konsequenz: „Die Modebranche muss sich ändern.“ Aus ethischen Gründen – aber auch der Umsatzzahlen wegen.

Bio-Seide, fairmade in Chengdu
Schwer was los ist nicht nur in der Rösch-Partnerfirma Otex, sondern auch in der Rushhour auf Chengdus Straßen. Einzig der Pandabär in der nahen Forschungs- und Aufzuchtstation lässt’s locker angehen.

Bio-Seide, fairmade in Chengdu
Die größte Bedeutung in der Seidenproduktion hat der Maulbeerspinner, ein Nachtfalter.Er lebt nur zwei bis drei Tageund legt 300 bis 500 Eier.Die geschlüpften Raupenernähren sich ausschließlich von Maulbeerblättern –für deren Nachschub die Arbeiterinnen aufder Demeter-Farm „Saba“ sorgen.

Mitarbeiter/innen Tübingen: 350
Inkl. Ungarn: rund 640 Mitarbeiter (50 Prozent Frauenanteil, auch in Führungspositionen)
Umsatz 2013: rund 56 Mio. Euro
Zwei Sparten:
· Rökona (technische Textilien für die Automobilindustrie und Medizintechnik)
· Rösch CreativeCulture, Lizenzmarke Féraud Paris (Bade-, Strand-, Freizeitkleidung, Tag- und Nachtwäsche)

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25.07.2014, 12:00 Uhr

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