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Lernen als Spielwiese

Biosphärengebiet (4): Umweltbildung im Reutlinger Listhof

Jährlich 16 000 Besucher kommen zu Seminaren, Exkursionen und Festivitäten – sehenswert, was seit zehn Jahren im Reutlinger Umweltbildungszentrum Listhof gewachsen ist.

01.09.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Warum hat die Gelbbauchunke einen gelben Bauch? Solche Fragen beantworten Infotafeln am Eingang. Es gibt ein Energie-Fahrrad, auf dem man sich für ein paar Minuten Licht und Musikhören abstrampelt. In der Werkstatt basteln Kursteilnehmer Vogelhäuschen, Bienenhotels und sonnenbetriebene Solarschiffchen. In der Küche können Übernachtungsgäste regionale Nahrungsmittel verwerten, Apfelsaft pressen und Brot backen. Im Flur zum Jugendgästehaus mit 35 Betten stellt der Mössinger Naturfotograf Dietmar Nill heimische Schmuckstücke von Streuobstwiesen bis zur Burg Hohenzollern aus.

Doch das eigentliche Schmuckstück des Listhofs sind die Außenanlagen. Vor dem Haus gedeiht seit drei Jahren ein Bauerngarten, den Auszubildende eines Reutlinger Gartenhändlers angelegt haben. Hier bekommt man den Anbau heimischer Gemüse, Kräuter und Gewürze vor Augen geführt. Ein vor zwei Jahren aufgebauter Wassergarten zeigt spielerisch hölzerne Pumpen, Leitungen und Schöpfvorrichtungen. Der künstliche Wasserlauf mündet im Fischteich, wo Karpfen für festliche Anlässe gefischt werden.

Das Zentrum hält im Jahr 500 bis 550 Umweltbildungsveranstaltungen ab, diese haben 10 000 bis 12 000 Teilnehmer. Mit Übernachtungen, Festivitäten und den sonntäglichen Gästen schätzt Geschäftsstellenleiter Ralf Bültge-Bohla die Besucherzahl auf „Minimum 16 000“. Bültge-Bohla ist 37 Jahre alt, der Diplomingenieur der Forstwirtschaft hat an der Rottenburger Hochschule studiert. Er leitet die Listhof-Geschäftsstelle seit zweieinhalb Jahren.

Tafeln erklären Biotope der Alb: Magerrasen, Felsen, Wacholderheiden. Es gibt eine stolze Sammlung von Vogelhäuschen. In einem kleinen Laden kann man Postkarten, Verpflegung und regionale Produkte kaufen. Hinter dem Haus weiden zehn Ziegen, die den Listhof-Mitarbeitern einen Teil der Rode-Arbeit abnehmen wie auch ein Schäfer aus dem Neckartal mit seiner Herde. Weiter entstand ein Erlebnisgarten mit Kräuterspirale, Steinriegel, Kletterstamm, Grillstelle, Barfußpfad. Die Umweltbildung als Spielwiese – „wir schulen nicht die Theorie, sondern die Praxis“, sagt Bültge-Bohla.

Molche, Esel und ein Mammut-Grillplatz

„Wir gehen direkt raus.“ So sind es zum Naturschutzgebiet Listhof nur ein paar Schritte. Vor dem Haus stehen Zäune. Tafeln erläutern Tiere und Pflanzen, die dort gedeihen, wie Zaunkönig, Zaunwinde und Zauneidechse. In Terrarien verstecken sich Eidechsen, Molche und zwei ungiftige Äskulap-Nattern, von denen noch die graue Spur der letzten Häutung sichtbar ist. Dahinter erstreckt sich der „Mammut-Grillplatz“, benannt nach einem hölzernen Riesenelefanten aus gefällten Mammutbäumen. Auf einer Anhöhe betreibt das Bildungszentrum mit Pfadfindern einen Zeltplatz, der Erlebnispädagogik mit Gruppendynamik verbindet.

Im Stall neben dem Grillplatz warten zwei „Bildungs-Esel“ auf Einsätze, die entschleunigte Arbeit der Lasttiere zu veranschaulichen. Seit einem Jahr helfen Fünftklässler der Eduard-Spranger-Schule in einem preisgekrönten Projekt: Jeweils zweimal vier Wochen im Schuljahr misten sie täglich vier Stunden lang die Ställe aus, füttern Esel und Ziegen.

Die Arbeit geht nicht aus. 10 bis 15 Mitarbeiter halten das Gelände in Schuss. Einer macht Bundes-Freiwilligendienst, derzeit drei sind im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Weitere helfen als „Zwei-Euro-Jobber“. Wenn diese „Arbeitsgelegenheiten“ auslaufen, machen manche ehrenamtlich weiter, „bevor sie daheim versauern“, so Bültge-Bohla. Fest angestellt beim 2003 gegründeten Trägerverein (150 Mitglieder) sind drei Umweltpädagogen.

Bültge-Bohla ist bei der Stadt beschäftigt, die den Listhof mit jährlich 132 000 Euro unterstützt. 2009 hatte die Stadt den Zuschuss um 25 000 Euro gekürzt. Jetzt beantragt der Verein eine Aufstockung, um ein leerstehendes Wohnhaus auf dem Gelände zu Seminarräumen umzubauen, da im Bildungszentrum der Platz knapp wird. 40 000 Euro würde die Dachsanierung des Wohnhauses kosten.

Sonnige Infos über erneuerbare Energien

Auf dem Dach des Bildungszentrums ging 2003 die erste Bürgersolaranlage Reutlingens in Betrieb. Mit zwei Erweiterungen 2004 und 2011 speist sie heute 33 000 Kilowattstunden im Jahr ins Stromnetz ein, was den Bedarf von acht bis zehn Haushalten deckt. Eine elektronische Tafel zeigt die aktuelle Leistung. Als Informationszentrum des Biosphärengebiets betreibt der Listhof Umweltbildung und veranschaulicht die Biodiversität, die Vielfalt der Arten.

Noch ein Schwerpunkt sind erneuerbare Energien. Im Mai ging, wie berichtet, im Listhof ein Sonnengarten in Betrieb. Die vom Biosphärengebiet finanzierte Dauerausstellung hat 16 Stationen. Sie zeigt etwa, wie die Sonne diverse Materialien aufheizt. Es gibt einen solarbetriebenen Kocher, wie er in Afrika viel genutzt wird. Besucher können zum Zeiger einer Sonnenuhr werden. Eine Solardusche liefert, wie in Frankreich und Spanien weithin üblich, mit Sonnenlicht Warmwasser.

Biosphärengebiet (4): Umweltbildung im Reutlinger Listhof
Geschäftsstellenleiter Ralf Bültge-Bohla erläutert Kindern vom Naturferienprogramm im neuen Sonnengarten einen Solarkocher.Bild: Faden

Biosphärengebiet (4): Umweltbildung im Reutlinger Listhof

Der neueste Plan des Umweltbildungszentrums: In einer alten Ziegelhütte, wo früher die Heizung einer Gärtnerei eingebaut war, soll ein bundesweit einmaliges Krabbeltierhaus entstehen. Es könnte wirbellose Tiere zeigen, Spinnen-Ängste abbauen. In einem Dunkelraum würden Asseln und Schaben gedeihen. Vor dem Haus wollen die Umweltpädagogen gemeinsam mit Tübinger Biologen eine Schmetterlingsvoliere mit heimischen Arten einrichten. Finanziert soll das Krabbeltierhaus über die Stiftung Naturschutz Baden-Württemberg werden, der Listhof hat 200 000 Euro beantragt.

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01.09.2012, 12:00 Uhr

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