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Kälte heizt die Debatte an

Bis 2017 ist der späte Sommerferien-Start festgezurrt

Sommerferien heißt: Der Sommer macht Ferien. Über diesen Kalauer können Schüler, Eltern und Lehrer im Kreis Tübingen überhaupt nicht lachen. Das miese Wetter dieses Jahr hat die Debatte über die starre Ferienordnung heftig entfacht.

11.09.2010
  • Ute Kaiser

Kreis Tübingen. Wer nicht weit weggefahren ist, hatte wirklich Pech. Von der Ostsee bis zum Bodensee mussten sich Familien mit schulpflichtigen Kindern oder Partnern regenfest anziehen. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 hat es in einem August noch nie so viel geschüttet. Auch die Sonnenstunden blieben weit hinter den Durchschnittswerten zurück. Ein paar Freibadwettertage machten das Defizit nicht wirklich wett.

Deshalb häufen sich die Klagen über die Ferienregelung im Ländle. Das hat sich 1995 aus dem rollierenden System verabschiedet. Bis einschließlich 2017 hat die Kultusministerkonferenz die Sommerferien festgezurrt – „einstimmig“, so Carina Olnhoff, die Sprecherin des Stuttgarter Kultusministeriums. Baden-Württemberg ist laut Plan stets spät dran. In den Jahren 2014 und 2015 kommt es wieder so dicke wie diesmal. Da werden die Ferien an einem der beiden letzten Juli-Tage starten und bis Mitte September gehen.

Sophie Roth, angehende Abiturientin am Rottenburger Eugen-Bolz-Gymnasium, findet es „echt bitter, wenn pünktlich zu den Sommerferien das Wetter so schlecht wird“. Denn am Ende des Schuljahrs, erinnert sich die 18-jährige Hirrlingerin, hat sie in den obersten Etagen des Schulhauses „richtig gelitten“. Auch das Gedränge im Bus war bei Temperaturen über 30 Grad ohne Klimaanlage „ein ziemlicher Albtraum“, sagt die Fahrschülerin.

Bei Matthias Fiola sammeln sich die Beschwerde-Mails von Eltern. Der Vorsitzende des Landeselternbeirats wird sie ans Kultusministerium weiterleiten. „Diese Diskussion kommt immer dann hoch, wenn das Wetter schlecht ist“, weiß der Reutlinger. Als er im Kroatienurlaub mitbekam, wie kalt und regnerisch es in Deutschland ist, taten dem Vater zweier Söhne all die Kinder leid, die ihre Ferien in Regen und Kälte verbrachten. Fiola geht davon aus, dass zwei bis drei Jahre, bevor die Ferienregelung ausläuft, das Thema nochmal heftig diskutiert werden wird.

Der Arbeitskreis (AK) der Gesamtelternbeiräte Baden-Württemberg hat sich schon vor vier Jahren zu der Ferienregelung geäußert. Die Elternvertreter forderten „zwei lange Ferienblöcke“ im Sommer und im Winter. Das Schuljahr sollte „nicht so zerstückelt“ werden wie bisher, sagt Waltraud Berndt-Mohr, die stellvertretende Vorsitzende des AK. Der erhofft sich „bessere Lernbedingungen“ für die Schüler/innen durch „kompaktere Lernblöcke“.

Die Mössingerin, Mutter von drei Kindern zwischen 15 und 21 Jahren, hat selbst schon „einen Pulloversommer an der Nordsee“ erlebt. Diesmal war sie in Tunesien und hat in der Ferne die Nachrichten über sinkende Schneegrenze verfolgt. Bei vielen Familien habe sich die Hauptreisezeit auf die Pfingstferien verlagert: „Dann ist ein Sommer mit schlechtem Wetter noch schlimmer“, findet Berndt-Mohr.

Elternwunsch löste die Neuregelung aus

Der Elternwunsch, in der günstigeren Nebensaison verreisen zu können, war der Auslöser für das Ausscheren Baden-Württembergs aus dem rollierenden System. „Für Familien, die mit dem Euro rechnen müssen, ist das Sparen schon ein Argument“, sagt Theo Keck, der Vorsitzende des Rottenburger Gesamtelternbeirats. Der Vater dreier Kinder im Alter von acht bis 13 Jahren war bis vor Kurzem in Norditalien. Beim Campen habe man schon gemerkt, „dass langsam der Herbst kommt“.

Pro oder Contra zur Ferienregelung hängen von den jeweiligen Vorlieben ab. „Wenn wir wieder in die Rotation gehen“, sagt Matthias Fiola, „dann sind die Pfingstferien weg.“ So wie in elf anderen Bundesländern. Das würde vielen missfallen. Alle befragten Eltern und Pädagogen betonen aber, dass aus pädagogischen Gründen eine vernünftige Arbeitsphase etwa sechs Wochen lang sein sollte. So könnten „der Unterricht besser geplant und die Prüfungen besser verteilt werden“, sagt Ministeriumssprecherin Olnhoff.

Kommendes Jahr gilt das nicht. Die Pfingstenferien gehen bis 26. Juni, was alle mit Urlaubsplänen freut. Doch davor und danach wird der Stress durch Klassenarbeiten größer – weil nur viereinhalb Wochen bis zur großen Sommerpause bleiben.

GEW plädiert für sinnvolle Arbeits- und Erholungsphasen

Die Lehrergewerkschaft GEW setzt sich schon lang für eine Neuregelung der Ferienordnung ein. Ein Grund: der Leistungsdruck im zweiten Schulhalbjahr, in dem es kaum zusammenhängende Arbeitsphasen gibt und in dem sich die Klassenarbeiten häufen. Sie plädiert daher aus pädagogischen Gründen, so Matthias Schneider, für Trimester mit einem ersten Ferienblock an Weihnachten und einem zweiten an Ostern – nicht aber über Pfingsten.

Dass sie sich damit bei der Tourismusindustrie und bei den Kirchen, aber auch bei Schülern, Eltern und Lehrern „in die Nesselnsetzt“, ist ihrem Landessprecher bewusst.„Die Ferien müssen so konstruiert sein, dass in der Schule möglichst gut gelernt werden kann“, sagt er. Dazu bedürfe es sinnvoller Lernblöcke, aber auch sinnvoller Erholungsphasen.

Bis 2017 ist der späte Sommerferien-Start festgezurrt
Sie sieht aus wie ein Gemälde, ist aber eine Fotografie: Diese Dokumentaraufnahme vom Ostseebad Wustrow entstand während des Sommerurlaubs im August. Bild: Metz

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11.09.2010, 12:00 Uhr

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