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Wehrhaft sein und Orientierung bieten

Bischof Gebhard Fürst bilanzierte beim Neujahrsempfang in Stuttgart ein für ihn teilweise verstörendes Jahr und baut auf Hoffnung

Den Menschen „Brauchbares“ zu liefern in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und am Beginn einer neuen Zeit – darin sieht der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst eine Aufgabe und eine Chance der Kirche. Gestern hatte er zum Neujahrsempfang nach Stuttgart eingeladen.

07.01.2015
  • Gert Fleischer

Stuttgart. „Was war das für ein Jahr!“, so begann der Bischof seine Rede. Gewalt, Terror und unvorstellbare Grausamkeiten seien geschehen, der Frieden sei fragil wie lange nicht mehr. Fürst: „Ich habe dieses Jahr 2014 in Vielem unübersichtlich, ja verstörend erlebt.“

Die Welt sei „aus den Fugen geraten“, sagte Fürst mit Blick auf die Krisenherde in Osteuropa, die Bürgerkriege in der arabischen Welt und auf die Flüchtlingsströme. Er bezog auf den Journalisten Gabor Steingart („Der Spiegel“, „Handelsblatt“), der in dieser Situation die evangelische und die katholische Kirche, „die Verfemten“, ins Spiel bringe. Vielleicht hätten die Kirchen jetzt, „wo ihre Kraft nicht mehr reicht, die Gesellschaft zu dominieren, ihr Brauchbares zu bieten“. Stille, Spiritualität, Nachdenklichkeit, Trost seien möglicherweise solche brauchbaren Dinge. Und auch Hoffnung und Ordnung.

Gebhard Fürst zitierte zudem den Zukunftsforscher Horst Opaschowski, der die Menschen einem „Feuerwerk der Komplexitäten“ ausgesetzt sieht. Der Bischof hält Sinn und Orientierung für brauchbare Hilfsmittel gegen Leere, Verzweiflung und Apathie. Brauchbares biete das Christentum mit seinem „Bild vom Menschen“, vom Menschen als Person mit einer unverlierbaren Würde, die nicht von Leistung, Können, Stellung oder Abstammung abhängig sei.

Diese Würde hätten auch die Menschen, die in diesen Monaten auf der Flucht sind „in einem Ausmaß wie nie in der Geschichte“. Es gebe keine Patentrezepte, „aber es muss mehr und Überlegteres geschehen“, forderte Fürst. Er habe das Kloster Weingarten als Herberge für Flüchtlinge geöffnet; 50 Asylbewerber aus Afrika seien eingezogen. Im Dezember hätten chaldäische Christen – 3000 seien bereits aus dem Irak hierher geflohen – in Stuttgart die Pauluskirche und das Gemeindezentrum in Rohracker übereignet bekommen.

Fürst dankte der „unerwartet großen Zahl“ von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern, er dankte „für die große Offenheit und Kooperationsbereitschaft der Behörden, Städte und Landkreise, auch der kirchlichen Einrichtungen“ (beispielsweise die Liebfrauenhöhe bei Ergenzingen) bei der Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen. Er erinnerte an seine Weihnachtspredigt im Rottenburger Dom (wir berichteten, „Pegida ist nicht das Abendland“).

12 Millionen Euro habe die Diözese für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung, die Hälfte davon will sie einsetzen zur Bekämpfung der Fluchtursachen in den Herkunftsländern.

„Verstörend“ nannte es Fürst, dass sich hunderte von Muslimen, die in Europa gelebt haben, dem IS und anderen Terrororganisationen angeschlossen haben. Die deutschen Bischöfe stellten sich weiterhin all jenen entgegen, die das Feindbild eines seinem Wesen nach gewalttätigen Islam propagieren. Fürst: „Islam und ISIS sind nicht dasselbe.“ Die muslimischen Religions- und Staatsführer seien „in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen“. Religionsfreiheit, sagte der Bischof, sei ein Menschenrecht, weltweit.

Im zweiten Teil seiner Rede ging Gebhard Fürst auf die inneren Strukturen der katholischen Kirche ein. Er machte Hoffnung, dass beim Thema „wiederverheiratete Geschiedene bei der nächsten Bischofssynode im Oktober 2015 Fortschritte erzielt werden, nachdem im vergangenen Jahr immerhin heftig debattiert wurde. Die Deutsche Bischofskonferenz werde tun, was sie kann, besonders im kirchlichen Arbeitsrecht. Und da auch für Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben.

Nochmals bezog sich Fürst auf Horst Opaschowski: Nach dessen wissenschaftlicher Erhebung ist die Familie für 88 Prozent der Menschen „das Wichtigste im Leben“. Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen wollten eine Familie gründen und Kinder haben. Um dieser Sehnsucht zur Erfüllung zu verhelfen, sollte die Kirche alles tun was in ihrer Kraft steht, forderte Fürst.

Zufrieden äußerte sich der Bischof, dass die Arbeit der Landesregierung am Bildungsplan nun ruhiger läuft. Er freue sich, dass Eltern und Lehrer gemeinsam „eine unter dem Stichwort ’sexuelle Vielfalt’ firmierende Art der Pädagogik abwenden konnten“. Er freue sich, dass in den Leitlinien des Bildungsplans, der 2016 in Kraft treten soll, „Ehe und Familie wieder vorne stehen“.

Im Erneuerungsprozess der Ortskirche versprach der Bischof: „Die Kirche wird vor Ort präsent bleiben, dafür werde ich mich voll einsetzen.“ Dafür sei eine pastorale Konzeption entwickelt worden. Im Kontext der diözesanen Orientierungen sollen die Gemeinden und Seelsorgeeinheiten „ihren eigenen Prozess der Erneuerung gestalten“. Er sprach von Vernetzen und Bündeln und appellierte an die Katholiken, sich bei der Kirchengemeinderatswahl am 15. März aktiv zu beteiligen.

Der Sprecher des Diözesanrats Johannes Warmbrunn schloss sich Fürsts Appell an: „Sage niemand, aktiv an der Erneuerung der Kirche mitzuwirken, sei nur Sache der anderen!“ Christen sollten sich wehren, wenn sie nicht ernst genommen werden. Zu lange schon nähmen sie es „hilflos hin, dass der christliche Glaube aus vielen gesellschaftlichen Kontexten heraus lächerlich gemacht“ werde. „Denkst du schon oder glaubst du noch?“, das sei einer dieser Sprüche. Naserümpfend über solch eine Haltung hinwegzusehen, sei nicht ratsam, sagte Warmbrunn, denn diese Denkfiguren seien mittlerweile gesellschaftlich höchst bedeutsam geworden.

Warmbrunn wünschte sich, dass die Katholiken der Aufteilung „in eine scheinbar höherwertige Welt des Wissens und eine vermeintlich minderwertige Welt des Glaubens“ als Herausforderung begreifen und annehmen. Und keiner solle jammern, wenn die Medien für diese gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht ihre besten Plätze frei halten.

Bischof Gebhard Fürst bilanzierte beim Neujahrsempfang in Stuttgart ein für ihn teilweise
Bischof Gebhard Fürst bei seiner Rede im Casino der Landesbank Baden-Württemberg. Bild: Diözese Rottenburg Stuttgart

Nach dem Gottesdienst in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eber hard fanden sich mehrere hundert Gäste im Casino der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zum Neujahrsempfang von Gebhard Fürst . ein. Anscheinend alle wollten dem Bischof die Hand schütteln, ihm ein paar gute Wünsche mit ins neue Jahr geben. Mit einigen, etwa dem Landtagsdirektor Hubert Wicker, unterhielt er sich länger. Verkehrsminister Winfried Hermann saß als Vertreter der Landesregierung direkt neben dem Bischof. Generalvikar Clemens Stroppel, der die Begrüßung vornahm, erwähnte unter den vielen Vertretern und Repräsentanten, die aus der ganzen Diözese angereist waren, die Tübinger Abgeordneten Martin Rosemann (SPD, Bund) und Daniel Lede Abal (Grüne, Land), Regierungspräsident Hermann Strampfer, den Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher und dessen Vorgänger Winfried Löffler und Klaus Tappeser oder die Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, Prof. Ruth Scoralick. Nach den beiden Reden gab es Gelegenheit, bei Häppchen, Saft und Wein, Kontakte aufzufrischen und Standpunkte auszutauschen.

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07.01.2015, 12:00 Uhr

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