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Ausgrabungen bewegen Ordinariat zum Umschwenken

Bischofsgruft unter der Sülchenkirche wird verlegt

Der einstige Ort Sülchen als Zentrum einer großen Alemannen-Herrschaft? Und die Sülchenkirche – ein frühes Zentrum der Christianisierung? Für das Bischöfliche Ordinariat ist das immerhin so wahrscheinlich, dass es bisherige Pläne zur Renovierung der Bischofsgruft ändert.

29.09.2012
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. Freitagmorgen, 10.30 Uhr, Pressekonferenz vor Ort mit Bischof Gebhard Fürst, Denkmalpflegerin, dem Dompfarrer und Diözesankonservator, Vertretern regionaler und überregionaler Medien. Fürst schilderte noch einmal die Gründe für die archäologische Grabung im Kirchenchor, bei der sensationelle Funde zutage kamen:

Bischofsgruft unter der Sülchenkirche wird verlegt
Bei der Ausgrabung in der Sülchen-Kapelle wurden unter dem Chor die Grundmauern einer Vorgängerkirche aus der Karolingerzeit entdeckt.

Eindringendes Grundwasser habe die Bausubstanz der Grablege der seit 1845 verstorbenen neun Rottenburger Bischöfe angegriffen; deshalb habe man sich zur grundlegenden Sanierung entschlossen. Weil Reste eines noch älteren Vorgängerbauwerks unter der Gruft vermutet wurden, seien pflichtgemäß vom Denkmalamt Grabungen vorgenommen worden.

Rarität in Süddeutschland

Dann stellte Beate Schmid vom Referat Denkmalpflege des Regierungspräsidiums (RP) die Ergebnisse dieser Grabung vor (siehe auchden nebenstehenden Artikel „Keine Dorfkirche“). Demnach stieß das Grabungsteam unterm Chor der Sülchenkirche auf Reste eines spätgotischen, vermutlich unvollendeten Chores. Ferner wurden Fundamente einer romanischen Apsis geborgen, schätzungsweise aus dem Jahr 1180. Unter dieser schlummerten Reste eines Chores mit drei Apsiden aus dem 9. Jahrhundert – eine absolute Rarität in Süddeutschland. Baugleiche Kirchen kennt man bisher nur aus Mistail und Müstair in Graubünden. Letztere wurde 1983 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Für die Denkmalpflegerin und Beate Schmid steht damit fest: an dieser Stelle war keine einfache Dorfkirche, sondern eine mit dem Grafensitz in Sülchen verbundene Zentrumskirche.

Größte Alemannen-Siedlung im Süden

Bischofsgruft unter der Sülchenkirche wird verlegt
Bei den Grabungen wurden in den vergangenen Monaten mehrere Bestattungen freigelegt. Dieses Grab wird von der Grundmauer der jetzigen Sülchenkirche geschnitten.

Diözesankonservator Wolfgang Urban unterstrich diesen Befund mit schriftlichen Quellen und Überlegungen zum Martinspatrozinium, das ursprünglich mit der Sülchenkirche verbunden war und erst im 15. Jahrhundert auf die Kirche am Markt von Rottenburg überging. Gestützt werden diese Ansichten auch von archäologischen Funde der vergangenen 30 Jahre im Neubaugebiet „Lindele“ sowie beim Bau der Osttangente.

Demnach muss sich dort vom etwa 5. bis zum 13. Jahrhundert die Siedlung „Sülchen“ befunden haben, nach heutigem Wissensstand bis zu einem Kilometer lang, mit geschotterten Straßen. Nach Urbans Ansicht eine der größten Alemannen-Siedlungen zwischen den Vogesen und dem Lech, später Sitz eines fränkischen Gaugrafen.

Grabungen werden ausgestellt

Weil nahe liegt, dass Sülchen schon früh ein bedeutendes Zentrum der Christianisierung in Süddeutschland war; weil noch weitere, Aufsehen erregende Funde unter den Fundamenten der heutigen Grabkapelle vermutet werden, hat das Bischöfliche Ordinariat seine ursprünglichen Pläne zur Renovierung der Grabkapelle geändert: Sollten bisher nur Wasserschäden behoben und die Bischofsgruft um einige Kammern unterm Chor erweitert werden, will man nun die Ausgrabungen dauerhaft der Öffentlichkeit präsentieren – also eine Art Museum daraus machen.

Das hat zur Folge, dass die Bischofsgruft nun unterm Mittelschiff der Kirche erweitert werden muss. Dabei hoffen die Archäologen, auf Reste einer noch älteren, kleineren Vorgängerkirche aus dem 6. Jahrhundert zu treffen, deren Existenz nicht zuletzt durch einen weiteren spektakulären Fund der letzten Tage belegt wird: ein Grab mit einem Skelett, das noch undatiert ist. Die Tatsache aber, dass dieses Grab von einer Grundmauer der Drei-Apsiden-Kirche geschnitten wird, beweist: Es muss noch älter sein als diese und wurde wohl an der Außenmauer eines kleineren Vorgänger-Bauwerks angelegt.

Er sehe die „Chance, diesen Ort Sülchen, der in alemannischer und karolingischer Zeit bereits ein religiös und säkular ganz wichtiger Ort war, stärker ins Bewusstsein der Diözese zu heben“, sagte Bischof Gebhard Fürst gestern bei der Pressekonferenz.

Bauarbeiten: länger und teurer

Der und der Stadt Rottenburg täte ein solcher Identifikationsort gut. Mit ihren Vorgängerkirchen reiche die Sülchenkirche bis weit in die Anfänge des Christentums in Süddeutschland zurück und sei „ein herausragendes und beeindruckendes Denkmal der Kontinuität“ von Christentum, Kirche und Liturgiefeier an diesem Ort vom 6. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Fürst kündigte an, dass nun zügig an den archäologischen Sicherungsgrabungen und der Neugestaltung der Bischofsgruft weitergearbeitet werden soll. Den bisher angenommen Zeitrahmen könne man allerdings nicht mehr einhalten. Welche Kosten durch die Umplanungen entstehen, lasse sich noch nicht sagen, und auch einen Termin für den Abschluss der Baumaßnahmen könne man noch nicht nennen.

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29.09.2012, 12:00 Uhr

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