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Ein König der Straßenkunst

Björn Voigt wandert auf Straßen, auf denen der Kunst die Sonne scheint

Was macht eigentlich Björn Voigt? Diese Frage stellt sich auch denjenigen, die wissen, was Björn Voigt macht. Hä? Richtig gelesen. Björn Voigt macht nämlich tolle Maschinen, er baut sie aus Abfällen, aus Ramsch und Alteisen, zusammen. Und man kann sie an vielen Orten sehen, allerdings nicht in Tübingen.

11.08.2014
  • Ulla Steuernagel

Meist berichtet das TAGBLATT über Dinge, die man sieht, hört oder erlebt. Demnach müssten wir eigentlich über Björn Voigt schweigen. Denn Björn Voigt ist in Tübingen beim Einkaufen oder Kaffee trinken, aber nicht mit seinen Maschinen zu sehen.

Der Autodidakt baut aberwitzige Dinge und Wesen: Feuerwerksmaschinen, Mäusebälle, Kettenreaktionen, einen mechanischen Zirkus, pneumatische und elektrische Wunder. All das konnte man früher immer mal wieder in der Tübinger Fußgängerzone bewundern. Der Künstler ließ seine phantastischen Automaten tanzen, springen, aus Koffern und Kisten schießen. Mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht. Er war der schüchterne König der Tübinger Straßenkunst.

Vor seinen Wunderwerken blieb man gerne stehen und schaute sich die Inszenierung nicht nur deshalb an, weil die Kinder es so wollten. Björn Voigt ist ein versprengter Nachfahre von Jean Tinguely, Daniel Spoerri oder Fischli / Weiss, ein Meister des Absurden, des akribisch konstruierten Nonsense!

Ja, davon könnte das Tübinger Pflaster durchaus etwas brauchen. Wer würde nicht gerne zugucken, wie ein Vogel einem Koffer entspringt, einen Fisch dazu bringt, eine Kugel mit der Schaukel schwingen zu lassen und so einen Scherenhebel auszulösen, der ein Wesen namens Gandolf anschiebt, das wiederum einen Briefkasten öffnet, aus dem eine Ente heraustritt? Wer möchte das nicht einmal sehen?

Doch Voigt tritt inzwischen lieber in Frankreich oder Italien oder sonstwo auf. Aber nicht mehr in Tübingen. Es liegt nicht daran, dass die Leute woanders spendabler wären oder kunstsinniger. Für Voigt macht das 30-Minuten-Darbietungslimit einen Auftritt in der Fußgängerzone unmöglich. „Ich brauche mindestens 10 bis 15 Minuten für den Aufbau und auch der Abbau kostet Zeit“, sagt er. Für eine halbe Stunde Spielen ist ihm der Aufwand zu groß. Auch das manchmal rüde Klima zwischen den Straßenkünstlern schreckt ihn ab. Er selber setzt für seinen mechanischen „Circus Comme-ci“ eine 10-Watt-Tonanlage ein, die locker von Straßenmusikern ohne Verstärker überspielt werden kann. Und in Tübingen auch schon oft wurde.

Ausgerechnet in den grünen Städten

Björn Voigt sieht sich selber als einen „Öko“ der frühen Stunde. Er wandelte Abfälle, Weggeworfenes schon zu Zeiten kreativ um, als das Wort „Upcycling“ noch lange nicht erfunden war. Er fährt meist mit dem Rad aus Weilheim in die Innenstadt, aber für seine Kunst braucht er andere Transportmittel. Damit gebe es für ihn in Freiburg oder Tübingen eine Art Auftrittsverbot. „Das ist schon lustig“, sagt er, „ausgerechnet in den grünen Städten.“

Voigt musste seinen zwanzig Jahre alten Bus verschrotten, obwohl er in einem Superzustand gewesen sei, „der TÜV hat mich gelobt“. Doch er brauchte einen mit grüner Plakette – einen bezahlbaren. Es habe das ganze Frühjahr gedauert, bis er fündig wurde.

Jetzt muss der Künstler dringend anschaffen, Geld in die Kasse bekommen. Wer demnächst nach Südfrankreich oder Spanien fährt, könnte ihn da treffen. Man muss sich aber voraussichtlich durch Menschentrauben wühlen, um ihn zu sehen. Auch in Tübingen käme Voigt gut an. Rainer Kaltenmark vom Ordnungsamt macht Hoffnung: „Wir erteilen auch Ausnahmegenehmigungen“, sagt er. Voigts absurder Circus hätte sie verdient.

Björn Voigt wandert auf Straßen, auf denen der Kunst die Sonne scheint
Wo er mit seinem skurrilen Circus auftritt, löst er Staunen und Freude aus: Björn Voigts absurder Maschinenpark.Privatbilder

Björn Voigt wandert auf Straßen, auf denen der Kunst die Sonne scheint
Auch Feuer gehört zu Björn Voigts Elementen.

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11.08.2014, 12:00 Uhr

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