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Zu sehr Pop-Sternchen

„Blackmore’s Night“ vergibt Chance auf extraheißen Mittelaltersound

„Blackmore’s Night“ zählt zum Mittelalter-Spektrum, aber Leadsängerin Candice Night würde wohl am liebsten Cher nacheifern. Die Band von Ex-Deep-Purple-Gitarrist Ritchie Blackmore konnte die etwa 1000 Zuhörer auf dem Thiepval-Areal nicht durchgängig mitreißen.

19.07.2015
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Für Mittelalter-Maßstäbe war der Auftakt stilecht: Gitarrenlegende Ritchie Blackmore kurbelte bescheiden an einer kleinen elektronischen Drehleier. Zwei lebensgroße Ritterfiguren in Turnierposition mit erhobenem Speer flankierten die Bühne, die von der dramatischen Lightshow auch mal in ein monumentales Tor in Blutrot oder Nachtblau oder in einen blitzdurchzuckten Nachthimmel verwandelt wurde.

Die Blackmore-Ehefrau und Leadsängerin Candice Night ließ sich an einer einfachen Tinwhistle hören. Aber dann wurde es schnell wellig-gefällig. Die Frontfrau (vormals Radiomoderatorin in Amerika) mochte es poppig, positionierte sich mit dem immer gleichen breiten Lächeln und der immer gleichen Stimmlage im Zentrum der Bühne, und ein Zuhörer merkte an: „Sollet se des doch Irish Folk nenna.“ Andere mochten sich eher an den 70er-Jahre-Pop von Abba erinnert fühlen.

Interessant wurde es mit der sehr schnellen, rockigen Fassung eines reigenartigen Tanzes mit harfenähnlichen Akzenten, samt einem hämmernden Schlagzeug-Powerhouse (David Keith). Doch kaum war das Publikum bereit abzuheben, gebot Zeremonienmeisterin Night wieder Einhalt, worauf prompt alle auf den Planeten Pop zurückplumpsten.

„Blackmore’s Night“ vergibt Chance auf extraheißen Mittelaltersound
Beachtliche Bühnenshow: „Blackmore’s Night“ mit Rocklegende Ritchie Blackmore am Samstagabend auf dem Thiepval-Gelände.

Was die siebenköpfige Formation draufhätte, wurde fast verschämt nur momenthaft dargeboten. Wenn etwa der Drummer mit dem cool-asymmetrischen Irokesenschnitt durch die Nacht donnerte, als würde er die Blitze der Lightshow höchstpersönlich erzeugen. Oder wenn Hintergrundvokalistin Lady Kelly, angeblich in einem Atomkraftwerk beschäftigt, wenn sie nicht auf der Bühne steht, mal eine Spur Wildheit herausröhren darf. Wenn der Bass (Mike Clemente als Earl Grey of Chimay) ein paar Takte heisere Rauheit verströmen darf, und die Violine (Claire Smith) wild zu tanzen scheint. Was für ein Sound hätte sich herausholen lassen, wenn die alle einmal hätten richtig loslegen dürfen. Von einem eruptiven Durchbruch des Deep Purple-Kämpen Blackmore ganz zu schweigen, von dem man insgeheim den ganzen Abend hoffte, er würde endlich ein paar kreischende Riffs in den Tübinger Nachthimmel schicken.

Aber das durfte wohl nicht sein. Wie auch, wenn Candice Night sich als die eigentliche Meisterin von Deep Purple-Coverversionen inszenierte (Under a Violet Moon, Ghost of a Rose). Was tatsächlich ihr Ding sein könnte, enthüllte sich spät, aber aufschlussreich: Sie schmetterte „I got you, babe“, ganz als wäre sie eine zweite Cher, und damit eine ganz andere Sound-Baustelle als diese seltsamen Rockmusiker.

Den Geist von „Blackmore’s Night“ verrät die kommende CD vielleicht am besten. Die heißt „All Our Yesterdays“, und im Titelstück ist der schunkelverdächtige Refrain „Hey, hey, hey, hey, we dance the night away“ untergebracht. Bei der Vorab-Live-Interpretation in Tübingen kam keinerlei Hinweis von Leadsängerin Candice Night, dass für den Titel eines der berühmtesten Shakespeare-Zitate ausgeborgt wurde: „And all our yesterdays have lighted fools / The way to dusty death“, sagt Macbeth. Bei „Blackmore’s Night“ heißt es dagegen harmlos: „I wish that we could stay in all our yesterdays“, im immergleichen Frohsinns-Modus der Frontfrau.

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19.07.2015, 12:00 Uhr

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