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Medizin

„Bleiben Sie locker!“

Faszien hat die Wissenschaft erst seit einigen Jahren auf dem Schirm. Die Forschung über die Bindegewebsstrukturen hat einen wahren Boom ausgelöst – in Training und Physiotherapie.

18.11.2016
  • IRIS HUMPENÖDER

Ich weiß nicht mal, wie man „Faszien“ richtig ausspricht. Warum hat man da früher nie darüber gesprochen? Ist das nur ein Modethema?

Nein, auch wenn jetzt natürlich viele auf den Zug aufspringen. Das Fasziensystem ist ein körperweites Netzwerk wie das Nerven- und Gefäßsystem. Faszien umhüllen Muskeln, Sehnen, Knochen und Organe wie eine feine zweite Haut, schützen sie, machen sie gleitfähig. Ihre Funktion wurde lange unterschätzt und die Wissenschaft hat sich dem Thema erst spät angenommen. Heute wissen wir, dass Muskel- und Faszienkräfte koordiniert zusammenarbeiten müssen, um komplexe Bewegungen durchführen zu können. Das Wort „Muskelkater“ müsste eigentlich in „Faszienkater“ umbenannt werden.

Wie kann ich erkennen, ob Schmerzen von den Faszien kommen?

Der Faszienschmerz ist meist dauerhaft, er kommt einem bedrohlich vor und nervt. Ansonsten geht man nach dem Ausschlussprinzip vor: Liegt eine Entzündung vor? Sind Nerven betroffen? Wenn nicht, kann es sich um ein Faszienproblem handeln. Versierte und entsprechend fortgebildete Physiotherapeuten können dies auch durch Abtasten herausfinden.

Ich habe mir eine teure Faszienrolle gekauft und versuche damit, meine Schmerzen im Lendenwirbelbereich anzugehen. Das klappt aber nicht.

Möglicherweise ist Ihre Hartschaumrolle zu dick, vielleicht auch zu hart. Teuer bedeutet übrigens nicht automatisch gut. Ganz wichtig ist: Rollen Sie sehr langsam, sozusagen in Super-Zeitlupe. Pro Atemzug etwa einen Zentimeter.

Gibt es Alternativen zur Faszienrolle aus dem Sportgeschäft?

Sie können ein Nudelholz mit einem Handtuch umwickeln, oder suchen Sie im Baumarkt nach einer geeigneten Rolle. Die sollte allerdings so hart sein, dass sie das Körpergewicht aushält. Eine Poolnudel zum Beispiel wäre bald platt. Sie können es aber auch mal mit einem Tennisball probieren.

Soll ich den Ball dann hin- und herbewegen?

Nein, drücken Sie auf den schmerzhaften Punkt – solange, bis der Schmerz etwas nachlässt.

Ich habe gehört, Faszientherapie muss richtig weh tun.

Ein weit verbreiteter Irrtum. Auch ich habe schon Patienten mit blauen Flecken nach einer Behandlung gesehen – das muss aber nicht sein, lassen Sie sich da nichts erzählen. Faszientherapie wirkt tief im Gewebe, das kann etwas weh tun, es sollte aber ein „Wohlweh“ sein und kein schlimmer, lang anhaltender Schmerz.

Mein Ischiasnerv ist gereizt, ich habe Schmerzen an den Oberschenkeln außen und auch in den Armen und Händen. Kann das zusammenhängen?

Ja, das kann es. Die Wirbelsäule wird vermutlich an beiden Enden zusammengedrückt, und Sie sollten sie dann auch als Gesamtes bearbeiten, etwa mit einer Faszienrolle. Dabei lehnen Sie sich im Stehen gegen eine Wand. Auch ein Physiotherapeut kann Ihnen Übungen für zuhause zeigen.

Aufgrund meiner Skoliose habe ich Schmerzen im oberen Rücken. Was kann ich selbst tun?

Rollen Sie ihre Fußsohlen auf einem Golfball. Das kann die Spannung vom hinteren Fasziensystem wegnehmen und den Rücken bis zur Brustwirbelsäule entlasten.

Haben Faszien etwas mit Meridianen oder Triggerpunkten zu tun?

Es gibt starke Faszienzüge, die von der Fußsohle bis zum Kopf nachverfolgbar sind. Akupunkturpunkte liegen oft auf der gleichen Linie. Triggerpunkte sind Verhärtungen der Muskulatur, wobei Faszien natürlich die Muskeln umschließen und eine punktförmige Verhärtung in der Faszie deutliche Ausstrahlungen auslösen kann.

Kann jeder Physiotherapeut Faszien behandeln?

Das Bindegewebe wird zwar meist mitbehandelt, eine gezielte Faszientherapie setzt aber eine Zusatzausbildung voraus. Das Echo bei Physiotherapeuten ist sehr groß. Fragen Sie direkt in den Physiotherapie-Praxen nach, ob die Faszienbehandlung angeboten wird.

Ich habe oberflächliche Hautschmerzen, für die niemand eine Ursache findet.

Wir haben oberflächliche Faszien, die verkleben können und dann schmerzen. Ein entsprechend geschulter Therapeut kann dies durch großflächiges Ausstreichen behandeln.

Nach einer Hüft-OP habe ich immer noch Schmerzen am Oberschenkel.

Wenn ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt wird, müssen die äußeren Oberschenkel-Faszien durchtrennt werden. Es kann sein, dass sie noch nicht wieder zusammengewachsen sind. Langsames Massieren kann dies unterstützen, ähnlich wie bei einer Narbenbehandlung.

Bei mir wurde der Spinalkanal operiert. Mein Orthopäde meint, meine Faszien seien verklebt und hat mir Stoßwellentherapie verordnet. Das hilft aber nicht. Ich mache allerdings schon lange Yoga, und das geht ganz gut.

Im Yoga werden die Faszien mitbearbeitet, da sollten Sie also unbedingt dranbleiben. Variieren Sie dabei die Dehnungen, räkeln und strecken Sie sich morgens nach dem Aufwachen im Bett. Versuchen Sie, Bewegungen in der Vorspannung auszuführen und auch die Rumpfmuskulatur zu kräftigen.

Meine Mutter ist 83 und hat eine Wirbelsäulenverkrümmung. Wir waren schon beim Osteopathen, aber da haben wir für 30 Minuten 80 Euro bezahlt.

Das scheint mir auch etwas hochgegriffen, aber es gibt tatsächlich breite Preisspannen. Vielleicht können Sie einen Physiotherapeuten finden, der ihrer Mutter einfache Übungen zeigt, wie sie die Wirbelsäule entgegen der Krümmung rotieren kann und dazu gezielt die Atmung einsetzt.

Nach einer Kreuzband-OP hatte ich eine Einblutung und jetzt schmerzt meine Wade.

In der Tat können die Faszien verklebt sein. Versuchen Sie, die Wade mit einem Tennisball oder einer kleinen Faszienrolle zu bearbeiten.

Ich habe Schmerzen in den Oberschenkeln und Oberarmen, das fühlt sich an wie ein schlimmer Muskelkater. Und meine Kraft lässt nach. Können das die Faszien sein oder kann das was mit meiner Schilddrüsen-OP zu tun haben?

Man darf nicht den Fehler machen, alles auf die Faszien zu schieben. Sie sollten darüber mit Ihrem behandelnden Arzt sprechen. Möglicherweise steckt ja auch ein Stoffwechselproblem dahinter.

Was raten Sie mir, um meine Faszien ganz generell elastisch zu halten?

Stretchen Sie viel, federn Sie, gehen Sie walken, joggen, hüpfen Sie durchs Leben, bleiben Sie locker!

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18.11.2016, 06:00 Uhr

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