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„Und wie bist du heute gestorben?“

Blick hinter die Kulissen: Im Kloster Bebenhausen wird in der ZDF-Kriminalserie ein Abt ermordet

Markus Senger raucht noch schnell eine Zigarette, eine letzte. Danach wird er mehrere Stunden seines Lebens auf dem nasskalten Steinboden im Innenhof des Bebenhäuser Klosters verbringen.

18.11.2016
  • Moritz Hagemann

Kurz zuvor hatte er noch ein Lob erhalten. Er habe seine Rolle am Vortag sehr gut erfüllt, sagt Regisseurin Käthe Niemeyer. „Aber das bringt dir ja nichts, du bist doch eh gleich tot“, scherzt ein Spurensicherer. Senger spielt in Folge 195 („Die Seele ist unsterblich“) der ZDF-Kriminalreihe Soko Stuttgart den ermordeten Abt Pater Paulus.

„Heute ist es wärmer als gestern“, sagt Senger. Gut für ihn. Dann wird er als Leiche gebraucht. Das aufgesprühte Blut an seinem Hinterkopf ist ausgetrocknet. Regisseurin Niemeyer blickt von oben auf die Szene herab. In der Hand hält sie einen tabletgroßen, bewegbaren Bildschirm, der stets das Kamerabild wiedergibt.

Penibel diktiert Niemeyer nach unten, wie die Polizeiabsperrung positioniert sein muss. Auch an der Leiche wünscht sie Veränderungen: „Gebt euch keine Mühe mit der Kopfwunde, macht lieber noch ‚ne schöne Lache hin!“ Authentisch soll es sein, das Blut auf dem nassen Boden trocknet innerhalb weniger Minuten. Und muss stets erneuert werden. Das Kreuz, das der tote Pater trägt, solle doch auch bitte in der Blutlache liegen. Via „AirDrop“ schickt Niemeyer Bilder übers Handy nach unten, damit auch die Regieassistenten einen exklusiven Blick von oben bekommen.

Um die Leiche herum haben sich Komparsen aus Polizei, Spurensicherung und Mönchen versammelt. Schon zu den Proben wird die Isomatte unter dem vermeintlichen Opfer weggenommen. „Ruhe bitte!“, heißt es immer wieder. Zwischendurch lässt sich Regisseurin Niemeyer einen Kaffee bringen. Die von oben gefilmte Szene ist dann auch schnell im Kasten.

Doch unten geht’s weiter. Eine Minute und 55 Sekunden wird die Gesamtsequenz in der Serie später dauern. Mit dem Smartphone testet der erfahrene Kameramann Thomas C. Weber, wie er Kriminaldirektor Michael Kaiser (Karl Kranzkowski) im Bild haben möchte. Der tote Pater liegt weiter auf dem Boden, mittlerweile aber mit einem blauen Teppich zugedeckt. Trotzdem möchte niemand mit ihm tauschen. „Eine Leiche zu spielen ist immer hart“, sagt auch Schauspielerin Yve Burbach, die als Kriminalkommissarin Selma Kirsch auftritt. Den Atem anzuhalten und bei diesen Temperaturen nicht zu zittern, sagt Burbach, sei „schrecklich“. In der Serie „Der Alte“ hatte sie selbst mal eine Leiche gespielt.

Genau wie Benjamin Strecker, in der Soko Kriminalkommissar Rico Sander, hat Burbach an diesem Tag nicht viele Drehsequenzen. Als die ersten Aufnahmen gemacht werden, spazieren beide noch durch Bebenhausen. „Ein wunderschöner Ort“, urteilt Burbach später. Die 41-Jährige sagt, sie werde auf der Straße noch oft wegen ihrer Rolle in „Verbotene Liebe“ erkannt. Das Wetter und die kalte Jahreszeit sorgen dafür, dass am Kloster kaum Schaulustige auftauchen, die den Dreh stören könnten.

Im Innenhof des Klosters befragt Kriminaldirektor Kaiser die ersten Mönche als Zeugen. Immer wieder wird zur Ruhe drumherum gemahnt. Alleine das Produktionsteam, untergebracht in einem Hotel in Holzgerlingen, ist 50 Personen groß. „Das ist eine kleine Familie geworden“, sagt Hansgert Eschweiler, der Presseverantwortliche der Soko Stuttgart. Hinzu kommen acht Schauspieler und 21 Komparsen. Während des Drehs sind die wichtigen Ansprechpartner mit Funkgeräten verbunden.

Gedreht wird mit zwei Kameras. Wasser, Limonaden, Kaffee, Obst und belegte Brötchen sind stets verfügbar. Die Stimmung ist gut, es wird viel gescherzt. Auch die Sonne kommt heraus. Wichtig, betont Eschweiler, sei nur, dass das Wetter konstant gleich bleibt. Klar: Sonst wirkt das auf Anschlussbildern nicht gut. Die Qualität ist für die Soko Stuttgart ein wichtiges Kriterium: „Wir müssen uns an den Prime-Time-Angeboten orientieren“, sagt Eschweiler, der den Vergleich mit dem „Tatort“ in der ARD wählt. Und froh ist, dass Til Schweiger in der Soko nicht mitspielt: „Mit dem Schweiger dauert’s immer länger“, scherzt Eschweiler. Die Regisseurin lässt jede Sequenz mehrmals proben. Wie die schockierten Mönche stehen, passt ihr noch nicht: „Das muss lockerer aussehen, steht nicht so in Reihen!“ Und: „Macht entsetzte Gesichter!“ Hinter dem Zeitplan hinkt die Produktion schon um die Mittagszeit her. Burbach und Strecker werden sich in der Serie aufmachen, den Mörder von Pater Paulus zu finden. Die Mordwaffe ist ein Kruzifix, auch wenn der Tatort danach ausschaut, als sei das Opfer von der hohen Mauer herabgestürzt.

Auch Strecker (selbsternannter „Set-Kobold“) erklärt, er habe schon jede Menge Erfahrung als Leiche gemacht. „Es gab Zeiten, da hat meine Mutter gefragt: ‚Und wie bist du heute gestorben?‘“ In einer früheren Rolle habe er mal im März eine Wasserleiche spielen müssen, „da hab‘ ich bitter gefroren“, erinnert sich der 33-Jährige. Deshalb könne er auch mitfühlen mit Senger, der zu diesem Zeitpunkt schon zwei Stunden auf dem nassen Boden liegen muss.

Nun naht aber die Mittagspause. Auch heute wird die ZDF-Reihe noch in Bebenhausen gedreht. Von den Hauptdarstellern sind sowohl Strecker als auch Burbach nicht zum ersten Mal da. Die 41-Jährige bekomme „fast ein bisschen ein Heimwehgefühl“. Sie ist an der Mosel geboren, dort gäbe es ähnliche historische Gebäude.

Natürlich wissen die Beteiligten längst, wen sie am Ende des Mordes überführen werden. Privat aber, sagt Burbach, „könnte ich keine Kommissarin sein“. Dafür sei ihr der Anblick von Mordopfern am Set schon zu gruselig. Einmal, erzählt sie, sei sie als Ermordete so präpariert worden, „dass ich mich fast übergeben musste“. Da sehe der Abt vergleichsweise gut aus.

Die TV-Zuschauer werden voraussichtlich erst im Oktober 2017 erfahren, wer ihn umgebracht hat. Dann soll die Serie am üblichen Sendeplatz (Donnerstag, 18.05 Uhr) ausgestrahlt werden.

Sechseinhalb Drehtage für eine Folge

Für vier Folgen (je 45 Minuten) benötigt das Team von Soko Stuttgart 26 Drehtage. Danach, erzählt der Presseverantwortliche Hansgert Eschweiler, werde immer Regie und Kameraführung ausgetauscht: „Um den Blickwinkel auf die Serie ständig frisch zu halten.“ Die einzelnen Szenen werden dabei „nicht chronologisch, sondern ökonomisch“ gedreht, sagt Eschweiler. Soko Stuttgart wurde zum ersten Mal im November 2009 ausgestrahlt. Etwa die Hälfte der Produktion werde im Studio in Stuttgart gemacht, für den Rest muss die Crew passende Drehorte finden. Im Falle von Folge 195 mit dem Titel „Die Seele ist unsterblich“ sei neben Bebenhausen nur ein Kloster in Heilbronn infrage gekommen. Nach dem aktuellen Dreh ist die Produktion des Teams von der Bavaria Film für das Jahr 2016 abgeschlossen.

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18.11.2016, 01:00 Uhr

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