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Das Rad war rund und eckig

Blick in den Alltag der Steinzeit: 4000 Jahre alte Holz-Funde im Moor

Es sind die ältesten bisher bekannten Räder Baden-Württembergs. Nach Jahrtausenden in der nassen Erde ermöglichen sie heute den Forschern einen erstaunlichen Einblick in den Alltag der Steinzeit.

10.11.2015
  • MADELEINE WEGNER

Biberach "Einen Spatenstich tief, und wir waren mitten in der Steinzeit", erinnert sich Helmut Schlichtherle an Probegrabungen im Moorgebiet von Olzreute-Enisholz (Kreis Biberach). Nachdem ein Sturm dort in der Nähe von Bad Schussenried mächtige Fichten entwurzelt hatte, nutzten die Archäologen die Gelegenheit, den ohnehin freigelegten feuchten Boden testweise zu untersuchen. Und siehe da: Ausgrabungsleiter Schlichtherle fand zusammen mit seinen Kollegen "berückend schön erhaltene Funde", wie er sagt. Dazu gehörten eine Backschaufel und ein nahezu vollständig erhaltener Beilholm aus Holz und Hirschgeweih. Sie stammen aus der Zeit um 2900 vor Christus.

Weitere Untersuchungen zeigten, dass es hier an dem kleinen See bei Bad Schussenried in der Steinzeit zwei Siedlungen gab. Es lohnte sich also für die Archäologen, weiter zu graben. Dabei fanden die Forscher 2009 drei hölzerne Räder und ein kleines Modellrädchen.

Eine bisherige Ausgrabungsfläche von wenigen Quadratmetern und bereits so viele Radfunde - "völlig verrückt" sei das, sagt Schlichtherle. Hinzu kamen in diesem Sommer bei Rettungsgrabungen am Federsee drei weitere Modellrädchen. Kinderspielzeug? "Keiner weiß es", sagt Schlichtherle. Die nicht einmal Handteller großen Räder könnten ebenso Teil eines technischen Modells gewesen sein oder rituelle Bedeutung gehabt haben.

Doch sowohl an den großen als auch an den kleinen Rädern und an weiteren zugehörigen Holzteilen lässt sich die Geschichte des Wagens erforschen. Und die rund 4000 Jahre alten Funde bringen die lang gepflegte Theorie ins Wanken, dass das Rad im Vorderen Orient entdeckt wurde. Die runden und eckigen Achslöcher in den Rädern zeugen von unterschiedlichen Wagenbauarten, bei denen sich das Rad entweder selbst dreht oder aber fest mit der Achse verbunden ist. Solche Wagen sind auch auf Wandzeichnungen in den Alpen zu sehen. Die Bauarten verbreiteten sich bis ans Mittelmeer. Ähnliche Wagen gibt es deshalb dort sogar noch heute, etwa in Portugal.

Die Fahrzeuge waren schon vor Jahrtausenden technisch ausgeklügelt, die Handwerker müssen geschickt und sehr erfahren im Umgang mit den Materialien gewesen sein: Sie behandelten beispielsweise die Räder behutsam im Feuer, um das Holz zu imprägnieren. Denn Ahorn eignete sich zwar am Besten für die Wagenräder, enthielt aber viel Zucker, so dass er im unbehandelten Zustand ein gefundenes Fressen für Schädlinge war.

Der außerordentlich gute Zustand macht die Funde aus dem Olzreuter Ried und ähnlichen Grabungsstätten so besonders. Unter normalen Bedingungen verrottet organisches Material innerhalb recht kurzer Zeit. Doch feucht und unter Sauerstoffausschluss gelagert - wie auch am Federsee oder Bodensee - sind selbst Artefakte aus Holz oder Textilien zum Teil bis heute erhalten geblieben.

Doch die Funde unter der Erde sind vor allem dann bedroht, wenn der Wasserspiegel sinkt. In den 1950er-Jahren wurden in dem ehemaligen Torfstich-Gebiet bei Bad Schussenried zudem Bäume gepflanzt. Ihre Wurzeln gruben sich auch in die Überreste aus der Steinzeit und saugten das Holz regelrecht aus. Eines der gefundenen Räder ist deshalb gespalten. Zum Schutz der weiteren Funde ließ das Forstamt die Bäume auf dem ehemaligen Siedlungsgebiet fällen.

In den Laboren im Landesamt fürDenkmalpflege in Esslingen sorgen die Wissenschaftler dafür, dass die Holzfunde nicht austrocknen. Ihre Arbeit gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit - denn sind die Funde einmal an der Luft, müssen sie behandelt und konserviert werden. Bei größeren Holzstücken kann sich dieser Prozess bis zu fast einem Jahrzehnt lang hinziehen.

In der nassen Erde des Olzreuter Rieds, des Federsees und des Bodensees fanden Forscher auch fragile und eigentlich vergängliche Textilien. Kunstvoll geflochtene Körbe, Netze zum Fischfang, Sandalen und Kleidungsstücke: "Es gibt europaweit keinen anderen Fundplatz, der den Alltag so gut zeigt", sagt die Textilarchäologin Johanna Bank-Burgess. Und auch Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, ist begeistert: Die Funde ermöglichten einen Einblick in das Leben in der Steinzeit, "fast noch mehr als über das im Mittelalter".

Blick in den Alltag der Steinzeit: 4000 Jahre alte Holz-Funde im Moor
Freigelegtes Rad, Archäologe Schichtherle: "Einen Spatenstich tief, und wir waren mitten in der Steinzeit." Foto: Landesamt für Denkmalpflege

  • Kulturerbe Seit 2011 gehören die prähistorischen Pfahlbauten zum Unesco-Weltkulturerbe. Im kommenden Jahr richten das Archäologische Landesmuseum und das Landesamt für Denkmalpflege gemeinsam die große Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“ aus. Von April bis Oktober 2016 wird sie im Kloster Bad Schussenried und im Federseemuseum Bad Buchau zu sehen sein.
  • >Jüngste Funde Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. Jüngste Funde beispielsweise werden in den Laboren konserviert. Ausgrabungsfunde aus Oberschwaben und vom Bodense sollen zusammen mit hochkarätigen Exponaten internationaler Museen Einblicke in 4000 Jahre Pfahlbaukulturen, technische Innovationen und gesellschaftlichen Wandel geben.

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10.11.2015, 12:00 Uhr

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