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Pop · Rag'n'Bone Man

Bloß ein Mensch? Aber hallo!

Der Mann hinter dem Hit „Human“ gibt sein erstes Konzert im süddeutschen Raum. Rory Graham alias Rag'n'Bone Man entzückt in München 3500 Fans.

07.03.2018

Von CLAUDIA REICHERTER

Stimmgewaltig, dieser Rag'n'Bone Man im Münchner Zenith. Foto: Claudia Reicherter

München. Vielleicht bin ich ja blöd, vielleicht bin ich blind. Aber ich bin halt auch bloß 'n Mensch! Also schieb' nicht die ganze Schuld auf mich?.?.?. – Wer hätte das so oder so ähnlich nicht schon irgendwann mal in seinem Leben in einem Beziehungskonflikt oder sonstigen Streit gesagt?

Der Brite Rory Graham, der sich als Künstler Rag'n'Bone Man, also Lumpensammler, nennt, hat daraus einen Song gemacht. In b-Moll. Den hat er im Juli 2016 erst als Download und dann als Single veröffentlicht. Die fand zunächst die BBC vielversprechend, sie war in einem Videospiel, in TV- und diversen Streaming-Serien zu hören. Und nachdem der soulige Koloss aus Brighton damit durch angesagte Talkshows getingelt war, ging „Human“ zum Ende des Jahres querbeet durch die Decke. So wie einst Whitney Houstons „I Will Always Love You“ oder „Mustang Sally“ von The Commitments.

Der eingängige Soul-Song erreichte unter anderem in Belgien, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Island, Österreich, Polen, der Slowakei und Slowenien, der Schweiz, Ungarn sowie in den US-Alternative-Billboard-Charts die Nummer eins, kassierte zahlreiche europäische Auszeichnungen bis hin zum Brit Award 2018 vor zwei Wochen als „Single des Jahres“, wo der Moderator den Interpreten als „Mann mit einer Stimme wie ein Engel und einem Bart wie ein Zauberer“ bezeichnete. Erst hatte Jack Whitehall statt „wizard“ Hassprediger sagen wollen, was in den Untertiteln noch so zu lesen war und für das jüngste Rauschen im englischen Blätterwald sorgte.

Doch zurück zum Fetzen-und-Knochen-Mann, der einst von der Schule flog, seit seinem fünften Lebensjahr – zunächst als MC in einer Drum'n'Bass-Crew und schließlich als Open-Mic-Reißer in Brighton – Musik macht und vor ziemlich genau einem Jahr das heiß ersehnte Album zu „Human“ folgen ließ: Damit nennt der 33-Jährige nun drei der von Kunst-Superstar Anish Kapoor designten Statuetten sein eigen. Die ersten beiden Brit Awards hatte er 2017 erhalten: als bester Durchstarter und Kritiker-Liebling. Den deutschen Echo gab's im selben Jahr in den Kategorien Internationaler Newcomer und „Male Act“. Jetzt ist er mit den 19 Songs der „Human“-Deluxe-Version sowie Material von diversen Veröffentlichungen seit 2012 auf Welttournee – bis April 2019.

Am Montag legte Rag'n'Bone Man dabei eine erste Station im süddeutschen Raum ein. Das Münchner Zenith war mit rund 3500 Besuchern zwar bei weitem nicht ausverkauft, die Fans waren jedoch zum Teil von weither angereist: aus Garmisch, Füssen, Rosenheim, Reutlingen, Heidelberg und dem schweizerischen Aargau.

Das hat sich allemal gelohnt: Der volltätowierte Hüne erweist sich im Konzert als großer Sänger. Der Bassbariton beherrscht, wie er in „Bitter End“ auch live eindrücklich beweist, stimmlich eine breite Palette bis hin zu den hohen Lagen. Er kann singen und rappen und ist darüber hinaus ein absoluter Sympath. Völlig allürenfrei und unprätentiös, aber dennoch ein Showrunner, gestisch wie tänzerisch deutlich begabter als Stimm-Pate Joe Cocker. Spontan und humorvoll reagiert er auf Zwischenrufe seiner Fans. „Ich spiele es schon noch, nur halt nicht jetzt schon, sonst können wir ja alle gleich wieder heimgehen“, erklärt er immer wieder geduldig auf Kreischen, das seinen Über-Hit „Human“ einfordert.

Den hatte er auf seiner Platte gleich an den Anfang gestellt. Live nicht. Das eineinhalbstündige Set mit zwei Zugaben eröffnet das räudige „Wolves“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2014, gefolgt von „Ego“, „Your Way“, „The Fire“, No Mother“.

Langsam steigert sich die Hit-Dichte. Zu Grahams Hämmern zählen inzwischen auch „Lay My Body Down“, „Life In Her Yet“ über seine Großmutter – viele seiner „miserable songs“ handelten von Freunden und Familie, denn immer nur von sich zu erzählen, finde er langweilig – und natürlich „Skin“, das er bei den Brit Awards mit Critics'-Choice-Nachfolgerin Jorja Smith gesungen hatte. Vor dem großartigen, solo und unplugged intonierten Blues „Die Easy“ schließlich folgt endlich „Human“ – mit einem funkigen 70er-Intro und Rap-Reprise.

Stilistisch geben der sanfte Riese, der im September erstmals Vater geworden ist, und seine hervorragend harmonierende Band samt Sängerin, die auf Podesten im Halbrund um ihn herum gruppiert sind, live jedem der bekannten Stücke einen neuen Schliff: mal als Gospel, mal im Bigband-Gewand, mal als Commitments-Soul-Rock-Kracher.

Und so erfüllt sich die Erwartung voll und ganz: Er mag bloß ein Mensch sein, dieser Rag'n'Bone Man – aber was für einer!

Anders als auf Platte kommt Rag'n'Bone Mans Über-Hit „Human“ beim Konzert im Zenith in München am 5. März 2018 erst zum Schluss. Foto: Claudia Reicherter

Großer Sänger und unprätentiöser Show-Runner: Rag'n'Bone Man am 5. März 2018 im Münchner Zenith. Foto: Claudia Reicherter

Gitarrist und Backgroundsängerin. Foto: Claudia Reicherter

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Erstellt:
7. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. März 2018, 06:00 Uhr

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