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Heimatromanze im Zweiten Weltkrieg

Blumen für den Schwerenöter

Tübingen. Im Juni des Kriegsjahres 1943 wurde Tübingen zum ersten Mal vom großen Kintopp heimgesucht. Ufa-Stars der Stunde drehten im hiesigen Post- kartenidyll Szenen für die Liebesschnulze „Gefährlicher Frühling“. Kein Wunder, dass die bis dahin vom Glamour gänz- lich unbehelligte Uni-Stadt buchstäblich aus dem Häuschen war.

24.09.2011
  • Klaus-Peter Eichele

Mit klopfendem Herzen standen die drei Backfische im Hotelflur – fest entschlossen, den Mann ihrer Mädchenträume mit einem Blumenstrauß zu beglücken. Extra von Betzingen waren sie deswegen mit dem Zug nach Tübingen gefahren – anfangs noch im Glauben, der im Hotel zum Ochsen (heute Zinser) einquartierte Schauspieler sei kein Geringerer als Willy Birgel, der neben Hans Albers und Willy Fritsch größte Filmstar des Dritten Reichs.

Die kleine Enttäuschung, dass es sich in Wahrheit um den nicht ganz so populären Siegfried Breuer handelte, verflog im Nu, als sich die Tür des Hotelzimmers öffnete. Im seidenen Hausmantel, die nackten Füße in schwarzledernen Pantoffeln, die welligen Haare noch feucht, trat der berüchtigte Schwerenöter vor die schockstarren Mädchen. „Welch ein überwältigender Anblick. Noch nie hatte ich einen Mann in einem ähnlichen Aufzug gesehen. Und was tat er, der berühmte Star? Er zog seine rechte Augenbraue in die Höhe und lächelte amüsiert.“

Überliefert hat die aufregende Begegnung die damals 13 Jahre alte Annemarie Walz in ihrem Erinnerungsbuch „Echazwasser, Kartoffeln und Kunst“. Sie trug sich zu im Frühsommer des Jahres 1943, als Tübingen vermutlich zum ersten Mal mit dem Filmbusiness in Berührung kam. Fern vom Krieg, der sich kurz davor in Stalingrad dramatisch gewendet hatte, entstanden im Auftrag der Ufa Außenaufnahmen für die Heimatromanze „Gefährlicher Frühling“.

Blumen für den Schwerenöter
Auch Franz Schafheitlin bringt mit seinem Intrigenspiel den Professor wieder auf den richtigen Weg. Olga Tschechowa mag ihm hier schon mal dafür danken, ein Happy End aber gibt es nicht.

So kam es, dass unter allseitigem Zischen und Tuscheln bislang nur von der Kinoleinwand bekannte Göttinnen und Götter durch die Unistadt flanierten. Olga Tschechowa, mondäne Diva aus etlichen Kassenschlagern („Die Drei von der Tankstelle“), der außerdem der Ruf vorauseilte, mit dem Führer auf besonders gutem Fuß zu stehen. Siegfried Breuer, der immer etwas zwielichtig wirkende Galan vom Dienst. Dann der kauzige Paul Dahlke, Charaktermime Franz Schafheitlin und das blutjunge Starlet Winnie Markus, der Inbegriff des unverdorbenen deutschen Nachbarmädels. „Meine Freundinnen und ich schwärmten für ihre blonden Locken“, schreibt Annemarie Walz in ihren Erinnerungen.

Auch die Tübingerin Eleonore Henn, damals elf Jahre alt und Wildermuth-Schülerin, hat mit ihren Freundinnen die Dreharbeiten so begeistert verfolgt, „dass wir beinahe die Schule vergessen hätten“. Ganz genau erinnert sie sich an eine Kuss-Szene hinterm Uhland-Denkmal mit Winnie Markus und Jung-Darsteller Fritz Wagner – die allerdings mit einer schallenden Ohrfeige für den allzu feurigen Verehrer endete. Einige Tage später saß Henn mit ihren Eltern im Restaurant Museum ganz in der Nähe der ebenfalls dort speisenden Filmstars – und ergatterte dank vollendetem Mädchen-Knicks Autogramme von Breuer, Markus & Co.

Blumen für den Schwerenöter
Versöhnung vor der Egeria in Lustnau: Olga Tschechowa (links) und Winnie Markus.

Weil aber nicht alle Einheimischen den Mut aufbrachten, den Leinwandidolen Aug‘ in Aug‘ gegenüberzutreten, berichtete stellvertretend die Lokalzeitung Tübinger Chronik, „wie das so ist, wenn man diesen Filmstars persönlich begegnet“: Die Tschechowa, so war zu lesen, „huschte in früher Morgenstunde die Treppe ihres Hotels herunter, nachdem kurz zuvor der Ruf erschollen: dringendes Gespräch aus Berlin. Sekundenblitzmäßig erhaschten wir das Bild einer eleganten Frau im Negligé. Ein zartrosa Nachtgewand, Hände, die den schnell übergeworfenen, geblümten Morgenmantel fest zusammenrafften, ein Turban, um die Fülle der Locken zu bändigen, und darunter ein ebenmäßig schönes Gesicht.“ In den Drehpausen soll sich die Angehimmelte allerdings nicht zu schade gewesen sein, ihrer Hotelwirtin beim Markenkleben zu helfen.

Die Ursache des Starauftriebs war kein Film, den man heute noch kennen muss. „Gefährlicher Frühling“ zählt vielmehr zu jenen Lustspielen simpelsten Strickmusters, die in den Kriegsjahren zu Dutzenden von den Fließbändern der Nazi-Filmindustrie purzelten, um die „Volksgemeinschaft“ von den Schrecken und Entbehrungen des Kriegs abzulenken.

Die Schauplätze lagen meistens in der idyllischen Provinz, wo sich die Crew vor Bombenangriffen einigermaßen sicher wähnte. So wurden ungefähr zur gleichen Zeit in Ellwangen Teile der „Feuerzangenbowle“ gedreht. Auch die Handlung des „Gefährlichen Frühlings“ ähnelt in ihrer sehnsüchtigen Verklärung einer unbeschwerten Jugendzeit jener des Kultfilms mit Heinz Rühmann. Ein vereinsamter Chemieprofessor (Breuer) fährt zum Klassentreffen in seine Heimatstadt, wo sich just auch seine Jugendliebe (Tschechowa) aufhält. Durch dumme Zufälle laufen sie ständig aneinander vorbei, so dass sich der Professor notgedrungen in die Abiturientin Renate (Markus) verliebt, die wiederum die Nichte der alten Flamme ist. Nach allerlei Verwicklungen fügt sich alles ins bittersüße Lot.

Als Drehorte dieses harmlosen Romänzchens kamen nur die Schokoladenseiten Tübingens in Betracht: das Schloss, die Neckarinsel, das Rathaus, etwas grüne Wiese bei Lustnau, der Bahnhof. In der vagen Hoffnung, einmal selber ein kleiner Leinwandheld sein zu dürfen, trampelte sich am Drehtag dort die halbe Stadt auf den Füßen herum. „Welch eine Wonne“, spöttelte die Heimatzeitung, „wenn man dann in den für diese Aufnahme rangierten Zug einsteigen durfte und den Kopf zum Fenster strecken konnte. Dafür dünkten sich sogar die Studenten als wohlangebrachte Komparsen gut genug.“ Aber auch in einigen anderen Szenen durften die Enheimischen im Hintergrund mitspielen, etwa die Recken vom Ruderverein Fidelia, die in einem Achter durch den Neckar pflügten und eigens für den Film ein Kulissenbootshaus bauten.

Als der fertige Film im Januar 1944 – zwei Monate nach der Uraufführung in Berlin – erstmals im Kino Museum gezeigt wurde, war man ein bisschen enttäuscht. So kam Tübingen in den 90 Minuten knapper weg als erhofft, und zu allem Überfluss waren die Außenaufnahmen kreuz und quer mit solchen aus dem Kurbad Wimpfen verschnitten. Außerdem war kein einziger Star zur Lokalpremiere gekommen, nur Regisseur Hans Deppe, der erst ein paar Jahre später unter anderen politischen Umständen zu suspekter Berühmtheit gelangen sollte. Seine Heimatschnulze „Schwarzwaldmädel“ gedieh 1950 zum kassenstärksten deutschen Film aller Zeiten.

Blumen für den Schwerenöter
Winnie Markus und der eifersüchtige Klassenkamerad Fritz Wagner.

Backfisch Annemarie Walz hat den „Gefährlichen Frühling“ übrigens nie im Kino gesehen. Die Begegnung mit dem Frauenbetörer Siegfried Breuer war trotzdem eines der abenteuerlichsten Erlebnisse ihrer Jugendzeit: „Als wir im Zuge heimwärts gondelten, beschlossen wir, unsere Hand, die er gedrückt hatte, eine Woche lang nicht zu waschen: duftete sie doch unbeschreiblich gut nach seinem Parfüm.“

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Bei der Kalten Herberge neben dem Haspelturm wurde diese Szene gedreht: Vereinsamter Chemieprofessor (Siegfried Breuer) trifft Gymnasiastin (Winnie Markus). Bilder: Archiv

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24.09.2011, 12:00 Uhr

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