Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Autorin Sibylle Lewitscharoff in Reutlingen

Blumenbergs Löwe als des Pudels Kern

Von Blumenbergs Löwen zu Goethes Pudel, von eigenen LSD-Trips zur Abrechnung mit Grass und Walser: Die Berliner Autorin Sibylle Lewitscharoff, hochgelobt von den Feuilletons und Serien-Literaturpreisträgerin, war am Mittwoch in der Reihe „Autor im Gespräch“ in der Reutlinger Stadtbibliothek.

09.11.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Der Philosoph Hans Blumenberg entdeckt eines Nachts auf dem Teppich vor dem Schreibtisch einen Löwen, den niemand außer ihm wahrnimmt – so beginnt der neue Roman „Blumenberg“ von Sibylle Lewitscharoff. „Es ist ja frech, einem Agnostiker, einem Ungläubigen, einen Löwen auf den Teppich zu legen. Das ist ein klassischer Heiligenbegleiter.“ Im Gespräch mit Wolfgang Niess vom SWR gibt die gebürtige Stuttgarterin Auskunft über ihren hochgelobten Roman.

Sie war schon mit 18 von dem 1996 gestorbenen Münsteraner Philosophen fasziniert – ohne ihn wirklich zu verstehen. Heute sagt sie über ihn: „Ein großer Melancholiker, der das Herausgefallensein des Menschen aus Gottes schützender Hand wunderbar thematisiert hat.“ Just dieser Figur verpasst sie die Gewissheit, dass es nach dem Tod weitergeht, im Roman durch das posthume Aufeinandertreffen der Figuren im Schlusskapitel dargestellt, in einer Art Blumenbergschen Höhle des Löwen. Lewitscharoff dazu: „Wenn Sie so einen Löwen auf dem Teppich haben, dann wissen Sie: Es gibt eine andere Welt.“

Blumenberg war ein herrischer Professor – im Roman illustriert das die Geschichte von vier seiner Studierenden, die alle jung sterben. „Das sind erfundene Lebensläufe, die ich allesamt kenne aus Berlin.“ Die teils grausamen Tode seien „zwinghaften Romangründen“ geschuldet. „Es geht ja gut aus. Es ist ein versöhnlicher Schluss“, findet die Autorin. Um das so zu sehen, muss man freilich wohl wie sie Religionswissenschaft studiert haben.

Die Süddeutsche Zeitung schlug die Brücke von Lewitscharoffs Löwen zum Pudel aus Goethes Faust, berichtet Interviewer Niess. Die Schriftstellerin lacht. „Es ist das Recht des Lesers, mit dem Stoff zu machen, was er will.“

In einem sehr persönlichen Gespräch erzählt sie dem SWR-Mann und den rund 50 Zuhörern vom Selbstmord ihres Vaters, vom Halt, den ihr die pietistische Großmutter damals gab, wie sie mit zwölf auf LSD in der Stuttgarter Straßenbahn saß und der Waggon langsam himmelwärts zu fahren schien. Als Jugendliche war Lewitscharoff Trotzkistin, später studierte sie in Berlin Religionswissenschaft und arbeitete dann als Buchhalterin in der Berliner Werbeagentur ihres Bruders, während sich in der Schublade die unveröffentlichten Romane häuften. „Ich bin so ein ordentliches Schwabenkind“, merkt sie zum Buchhalter-Job ironisch an.

Sie erzählt von ihrer ersten Auszeichnung, dem Ingeborg-Bachmann-Preis, den sie 1994 für ein Kapitel aus ihrer Erzählung „Pong“ bekam. Seither folgt ein Preis und Stipendium dem nächsten. „Das ist wirklich toll. Das sind ja auch tolle Geldausschüttungen“, meint die Autorin dazu. „Sie werden angerufen und bekommen Geld geschenkt.“

„Die schwafeln ja über alles.“ Lewitscharoff schimpft über Grass und Walser, die ihrer Ansicht nach als politische Mahner abgehoben sind und als „Großunterhalter immer fahrlässiger schreiben“, auf die „geistige Verkommenheit“ der beiden, ihre „Herzensrohheit“ im persönlichen Umgang mit Israeli, ihre „Unfähigkeit zum Diskurs mit Juden“. Doch selbst politisch äußern will sie sich auch nicht – dafür gebe es qualifizierte Journalisten. „Ich muss da nicht mein Fingerchen heben und meinen Senf dazugeben.“

Blumenbergs Löwe als des Pudels Kern
Sibylle Lewitscharoff sagte in Reutlingen: „Es ist das Recht des Lesers, mit dem Stoff zu machen, was er will.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.11.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball