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St. Petersburg

Blutbad in der U-Bahn

In der russischen Stadt explodiert eine Bombe, während Präsident Putin zu Besuch ist. Eine Videokamera soll den mutmaßlichen Täter aufgenommen haben.

04.04.2017
  • STEFAN SCHOLL

St. Petersburg. Wladimir Putin will sich zunächst nicht festlegen. „Die Sicherheitsorgane und Geheimdienste tun alles, um die Gründe des Geschehenen zu klären“, sagt am Montagnachmittag der russische Präsident, der an diesem traurigen Tag gerade selbst in Sankt Petersburg weilt. Außer Terrorismus könnten es auch technische oder kriminelle Gründe für die Explosion in der Petersburger Metro geben. Die russischen Behörden nehmen abends aber dann doch Ermittlungen wegen des „Verdachts auf einen Terroranschlag“ auf.

Zuvor war gegen 14.45 Uhr Ortszeit (13.45 Uhr MEZ) zwischen den Metro-Stationen „Sennaja Ploschtschad“ und „Technologitscheski Institut“ eine Sprengladung explodiert. Das Nationale Antiterroristische Komitee teilt wenig später mit, dass es etliche Tote und zahlreiche Verletzte gegeben habe. Polizeiermittler, Geheimdienstler sowie die Besatzungen von 41 Krankenwagen sind vor Ort. Die Petersburger Metro wird komplett geschlossen.

Ein zweiter Sprengsatz wird in der Metrostation Ploschtschad Wosstanija (Platz des Aufstands) unter dem wichtigsten Bahnhof der Stadt entdeckt. Spezialisten des Inlandsgeheimdienstes FSB entschärfen ihn.

Offenbar steckt diesmal kein Selbstmordattentäter hinter der blutigen Tat – im Gegensatz zu den Metro-Explosionen 2010 in Moskau. Ein Einwohner Sankt Petersburgs erzählt der Wirtschaftsagentur RBK, sein Kollege, der offenbar zu den Passagieren des Unglückszuges gehörte, habe ihm eine SMS geschickt: „Zwischen den Stationen gab es eine Explosion, ein Bursche hat eine Aktentasche stehen gelassen, die Tür geöffnet und ist in den nächsten Wagon gewechselt.“ Eine andere Augenzeugin berichtet RBK, sie habe zum Zeitpunkt der Explosion auf einer Rolltreppe zum Bahnsteig der Station „Sennaja Ploschad“ gestanden. „Plötzlich hörte ich einen dumpfen Knall, eine Druckwelle traf mich, blies mir die Haare zurück, alle um mich haben sich umgesehen. Ich fuhr hinunter auf den Bahnsteig, am hinteren Ende hing eine dichte Rauchwolke, die Züge fuhren noch, es waren keine Leichen zu sehen. Es gab auch keine Panik.“

Nach Ansicht von Experten wird das Fehlen eines Selbstmordattentäters die Ermittlungen erschweren. Ein Petersburger Sicherheitsbeamter sagte aber der Agentur Interfax, dass ein Video der zahlreichen Überwachungskameras in der Petersburger Metro den mutmaßlichen Bombenleger zeige.

Die meisten Nachrichtenportale sprechen sofort von Terrorismus. Auch Franz Klinzewitsch, stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses im russischen Föderationsrat, sagt, es handele sich ohne Zweifel um einen Terroranschlag. Es werde die „allerhärteste Antwort“ auf das Verbrechen geben, zitiert ihn Ria Nowosti.

„Bisher sind die Ermittlungen erst in den Anfängen, deshalb kann man über die Täter nur Vermutungen anstellen“, sagt der Moskauer Politologe Aschdar Kurtow unserer Zeitung. Er halte es aber für wenig wahrscheinlich, dass es sich um eine Abrechnung zwischen Gangstern handele. Auch extreme Nationalisten oder der ukrainische Geheimdienst stünden wohl nicht hinter dem Verbrechen. „Die Handschrift, ein Bombenanschlag in der U-Bahn, spricht für radikale Islamisten, aber es ist sehr schwer zu sagen, zu welcher Gruppe sie gehören.“ Es sei nicht auszuschließen, dass es sich bei den Tätern um nordkaukasische Anhänger des terroristischen „Islamischen Staates“ (IS) handele. Diese hätten entweder direkt im Auftrag des IS zugeschlagen, oder sie seien aufgrund der Frontlage in Syrien und dem Irak, die sich für die IS immer schwieriger gestalte, nach Russland zurückgekehrt.

Nach den Explosionen bricht in Petersburg ein Verkehrschaos aus. „Ich muss zum Moskauer Bahnhof, aber die ganze Innenstadt ist dicht“, sagt Wladimir, ein Petersburger Geschäftsmann. Natürlich sei das ein Terrorakt gewesen. „Aber vielleicht waren es diesmal nicht die Tschetschenen, sondern unser Geheimdienst. Um einen Vorwand zu haben, die Schrauben hinterher noch strammer zu ziehen.“ Terroranschläge gebären auch in Russland die wildesten Verschwörungstheorien.

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04.04.2017, 06:00 Uhr

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