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Bluttat von Donzdorf: Ex-Freund als Zeitbombe
Vor dem Eingang zur Metzgerei, in der eine Frau vor den Augen ihrer Kinder erstochen wurde, wird mit Kerzen und Blumen getrauert. Foto: Giacinto Carlucci
Warum es so schwierig ist, Frauen zu schützen

Bluttat von Donzdorf: Ex-Freund als Zeitbombe

Nach den tödlichen Messerstichen in Donzdorf, bei denen eine junge Mutter vor den Augen ihrer Kinder erstochen wurde, wirft die Tat weiter Fragen auf. Hätte der Tod der Frau verhindert werden können?

07.04.2016
  • KRISTINA BETZ

Donzdorf. Ein Mann terrorisiert seine Ex-Freundin. Verfolgt sie. Belästigt sie und setzt sich über ein gerichtlich verhängtes Annäherungs- und Kontaktverbot hinweg. Die Odyssee der Frau nimmt am Montagmorgen ein tragisches Ende: Der 37-Jährige lauert der Mutter von drei Kindern auf und ersticht sie vor deren Augen in einer Metzgerei.

Eine Tat, die die Stadt Donzdorf (Kreis Göppingen) in Schock versetzt. Ebenso die Nachricht am Dienstag: Gegen den tatverdächtigen Mann wird wegen Totschlags, nicht wegen Mordes ermittelt. Eine Bewertung, die bei vielen Menschen auf Unverständnis stößt. Auch Rechtsanwalt Alexander Stumpf vom Opferhilfsverein Weißer Ring kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Zumindest das Mordmerkmal der Grausamkeit sei für ihn klar gegeben: "Wenn jemand auf diese Art, vor den Augen der Kinder, die Mutter totsticht, dann ist das grausam."

Ob es sich bei der Tat um Mord oder Totschlag handelt, müsse die Staatsanwaltschaft nun in den laufenden Ermittlungen klären. Ein detailliertes Obduktionsergebnis liege noch nicht vor, berichtet der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Ulm, Michael Bischofberger. Ein späteres Umschwenken vom Verdacht des Totschlags auf Mord sei aber möglich: "Es stehen durchaus Mordmerkmale im Raum, möglich ist, dass noch anders bewertet wird", sagt Bischofberger.

Für Anwalt Alexander Stumpf, der sich auf den Opferschutz spezialisiert hat, ist indes klar: "Alle legalen Möglichkeiten, das Opfer zu schützen, wurden ausgeschöpft." "Wenn der Tatverdächtige alle Verbote und Beschlüsse ignoriert, wenn ihm das alles egal ist, dann hat man keine Handhabe mehr", macht Stumpf deutlich. Das Annäherungsverbot bedeutete für den 37-Jährigen auch: Keinerlei Kontaktaufnahme zu seiner Ex-Freundin. Keine SMS. Keine Anrufe. Keine Besuche. Auflagen, an die der Mann sich nicht hielt. Noch am Abend vor der Tat griff die Polizei den betrunkenen Mann in Donzdorf auf und nahm ihn in Gewahrsam. "Um 23 Uhr mussten wir ihn wieder freilassen, weil es keinen Grund mehr gab, ihn festzuhalten. Wir konnten ihn nicht dauerhaft einsperren", sagt Polizeisprecher Uwe Krause.

Rechtsanwalt Stumpf sieht die Gesetzgebung in der Pflicht: "Die Erfahrung zeigt, dass viele potenzielle Täter gemeingefährlich sind. Ich halte es für sinnvoll, solche tickenden Zeitbomben in Untersuchungshaft zu nehmen - notfalls auch langfristig." Bisher bietet die Gesetzgebung weder Opfern noch Polizei diese Möglichkeit der Handhabe gegen gewaltbereite Menschen. Auch das im Strafgesetzbuch verankerte Stalking-Gesetz sei nur schwer umsetzbar, erklärt Bischofberger: "Der Tatbestand ist schwer nachzuweisen. Nachstellung führt zudem nicht zwingend zur Verurteilung."

Stumpf empfiehlt betroffenen Frauen deshalb: "Ich kann nur jedem Opfer raten, sich aus dem Dunstkreis des Mannes zu entfernen. Wenn es sein muss, die Wohnung und den Arbeitsplatz wechseln." Auch Beate Simon vom Göppinger Frauenhaus sieht keine andere Chance: "Am besten ins Frauenhaus, weit, weit weg", rät sie. Dort ist die Hemmschwelle für Männer größer. "Womöglich hat die Frau ja alles richtig gemacht", ergänzt Simon. "Aber hundertprozentigen Schutz gibt es nicht."

Das beweist auch ein weiterer Fall, der sich vor zwei Jahren in Göppingen abgespielt hatte: Ein 53-Jähriger hatte sich ebenfalls über ein Annäherungsverbot hinweggesetzt, die Ex-Freundin mehrfach bedroht. Am Ende übergoss er die 46-Jährige mit Benzin und zündete sie an. Der Täter wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

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07.04.2016, 06:00 Uhr

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