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Entspannt mit leisem Krach

Bob Dylan als Pilotprojekt des Mühlbachäckerfestivals – Eine Bilanz

Bob Dylan zum ersten Mal in Tübingen (es muss ja nicht das letzte Mal gewesen sein), das Gelände zwischen Sparkassencarré und Landratsamt zum ersten Mal für ein Festival genutzt: Anlass für eine Konzertnachlese und eine Manöverkritik.

22.06.2015
  • Peter Ertle

Tübingen. Es war ein Konzert wie aus einem Guss, und damit ist ausnahmsweise nicht nur das Wetter gemeint. Vom Outfit her wirken Bob Dylan und seine Band schon seit Jahren wie einem Chicago-Gangsterfilm der 30er Jahre entsprungen. Aber nur edle Ganoven, bei „Pay in Blood“ effektvoll in Rostrot getaucht. Dylan agiert auf der Bühne in formvollendetem Understatement, macht überhaupt kein Aufhebens um seine Person, die Gänge vom Klavier zur Gitarre in leicht schwankendem Gang wie im eigenen Wohnzimmer, wo ihm niemand zuguckt. Klavier spielen kann er immer noch nicht. Das aber besser als mancher, der es kann.

Bob Dylan als Pilotprojekt des Mühlbachäckerfestivals – Eine Bilanz
Oft war er schon als Gerichtszeichner im Einsatz – im Gericht darf ja nicht fotografiert werden. Nun, beim Bob Dylan-Konzert auch nicht. Da lag es nahe, bei Universitätszeichenlehrer Frido Hohberger anzufragen. Und der war ganz begeistert, zeichnete in der siebten Reihe im strömenden Regen stehend, das Skizzenbuch im Schutz einer Plane, Seite um Seite, im Akkord. Eine seiner Zeichnungen haben wir ausgewählt. Chapeau!

Von der „Tweedle dee Tweedle dum“-Tingeltangelmusik über eine Willie-Nelson-Walzer-Adaption, den klagenden Blues eines „Blind Willie McTell“ oder eine sentimentale Filmmusik des einzigen Sinatra-Titels dieses Abends bis hin zu den dunklen Tönen eines kafkaesk beunruhigten Mr. Jones, der Hauptfigur aus „Ballad of a Thin Man“ – vom Genre her spannte sich der Bogen an diesem Abend weit.

Die Interpretationen waren teils gewöhnungsbedürftig, wie bei „Tangled up in Blue“, oder erstaunlich nahe am Original, wie bei „Desolation Row“. Trotz dieser Unterschiede hatte alles einen wiedererkennbaren Sound, im Vergleich zu früheren Jahren entspannt, manchmal schon aufreizend ruhig. Ein klanglich fein durchinstrumentierter Sound – auf seinen Alben seit Jahren die Regel, live nicht immer.

Altersgelassenheit? Wer weiß, der 74-Jährige hat sich schon so oft neu erfunden. Mit 75 macht er dann wieder richtig laut Krach. Mit „The Times They Are A-Changin“ begann er seine Karriere. Mit „Things Have Changed“ begann er sein Konzert. Da bleibt sich einer im steten Wandel treu. Manchmal verrutschte ihm das Pokerface in einen vorbeihuschend sonnigen Gesichtsausdruck: Dylan hatte Spaß. Aber nach dem Konzert sofort in den Tourbus, heute Bamberg, im Herbst, so wurde eben verkündet, ist er schon wieder für vier Konzerte in Deutschland. Gut ein Drittel des Jahres ist er auf Tour, ein neuzeitlicher fahrender Sänger. Und die Leute strömen.

Zufrieden waren sie nicht alle, weniger mit dem Konzert, als mit der Organisation. Deshalb, auch weil der Platz zum ersten Mal bespielt wurde, folgt hier etwas bilanzierende Manöverkritik:

Warteschlangen: Letztlich nicht ganz zu begreifen. Was dauerte da so lange? Der Zugang von der Konrad- Adenauerstraße sei zu schmal gewesen, sagt Veranstalter Marc Oßwald. Bereits am Freitag beim Konzert von Dieter Thomas Kuhn will man besser und breiter aufgestellt aufs Gelände lotsen.

Parkplätze: Die ausgewiesenen Parkplätze beim Festplatz und Freibad waren gar nicht voll belegt. Auswärtige, die mit dem Auto anreisten, guckten weniger auf die Ausschilderung und fuhren Navi-geleitet, bis zum Gelände, wo sie umkehren mussten. Am Freitag, so Ordnungsamtsleiter Rainer Kaltenmark, wird die Wilhelm-Keil-Straße gleich dicht gemacht.

Lautstärke: Die Musik war zu leise, vor allem für diesen kammermusikalisch vor sich hinwummernden Slowrock-Countryblues vom Feinsten. Aber: Die Tontechnik liegt in den Händen der Dylancrew.

Festivalgelände/Bühne: Die sichtdienlich leichte Neigung im Rund hinab zur Bühne genossen nur jene, die tatsächlich in diesem Rund standen. Für alle, die weiter hinten und oben standen, wurde aus dem Vorteil ein Nachteil, denn für sie lag die Bühne tiefer, aber die Menschen vor ihnen standen auf dem gleichen Niveau. Einige Größere vor einem plus ein paar Schirme – und das war’s mit dem Blick auf die Bühne.

Die Crux dabei: Eigentlich wäre unten noch Platz für etwa 800 Leute mit VIP-Bändel gewesen. Dank eines unseligen Massen-dynamischen Phänomens blieb der Platz zwischen den Hardcorefans dicht vor der Bühne und dem gesetzteren Publikum mit Bändel leer – viele wollten gar nicht so nah ans Geschehen. So staute es sich hinten. Bei Dieter Thomas Kuhn, ist das DTK-Management sicher, wird das anders, da kommt Festival-erfahrenes Publikum.

Trotzdem: Falls der Platz auch in den kommenden Jahren bespielt wird, müsste hier etwas überlegt werden. Entweder eine höher gelegte Bühne oder von vornherein weniger Leute oder irgendwelche Maßnahmen, die für eine bessere Verteilung der Zuschauer sorgen.

Eine Großbildleinwand, wie sie heute bei vielen Konzerten üblich ist, hätte natürlich Abhilfe geschafft. Geht aber nicht, da ein Musiker, der nicht fotografiert werden will, auch keine Großbildleinwand erlaubt.

Wetter: Eine riesige Sauerei. Nicht hinzunehmen. Nie wieder. Weg mit dem Wettergott!

Kulanz: Marc Oßwald ist es arg, dass einige Leute nicht genügend sahen und überlegt sich Kulanzmaßnahmen, etwa in Form einer Freikarte für ein zukünftiges Konzert für besonders Geschädigte (aber was, wenn nun plötzlich alle nicht genügend gesehen haben wollen?). Eine gewisse Kulanz wäre auch auf Seiten des Publikums nicht schlecht: Die Premiere war gleichzeitig das Pilotprojekt. Hinterher ist man immer klüger.

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22.06.2015, 12:00 Uhr

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