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Wenn Kinder schießen lernen

Bodelshäuser Schützenverein macht beim Mössinger Ferienprogramm mit

„Das Kleinkalibergewehr als Sportgerät“ und „Das Luftgewehr als Sportgerät“ sind seit Jahren Angebote im Kinderferienprogramm. „Was soll der Quatsch?“ hieß es im vergangenen Jahr in unserem TAGBLATT-Kommentar. Der Bodelshäuser Schützenverein hat uns daraufhin wiederholt eingeladen. Ein Besuch im Schützenhaus.

16.09.2010
  • Gabi Schweizer

Ihre Augen fixieren die Papierscheibe, die Finger krümmen sich am Abzug. Manche Kinder sind so klein, dass sie das Luftgewehr noch nicht freihändig halten können: Sie legen den Kolben auf den Holztresen, das hilft beim Zielen. Ab zwölf Jahren dürfen Kinder mit einem Luftgewehr schießen, mit einem Kleinkalibergewehr ab 14 Jahren, wenn die Eltern dies erlauben – mit Sondergenehmigungen geht beides zwei Jahre früher. Sie fänden das „interessant“, begründen zwei Zwölfjährige, warum sie am vergangenen Donnerstag ins Bodelshäuser Schützenhaus gekommen sind und beide Waffen ausprobiert haben.

Sechs Kurse bieten die Schützen nacheinander an, 25 Kinder und Jugendliche sind gekommen. Das Interesse ist anscheinend groß. In der Jugendabteilung sind über 50 Jungen und Mädchen unter 18 Jahren Mitglied – und das in einer Zeit, da viele Vereine über Nachwuchsmangel klagen. Klar, die jungen Leute kommen auch aus der näheren Umgebung, nicht nur aus Bodelshausen, und nur ein Drittel von ihnen sind im Verein aktiv. Dennoch: Mancher Chor würde sich über solche Mitgliedszahlen freuen.

Schütze Alexander Binder gibt den Kindern eine erste Anleitung: Das Gewehr erst ablegen, wenn der Spannhahn offen ist; beim Schießen breitbeinig stehen; auf die Sicherheit achten. Überhaupt betonen die Schützenvereinsmitglieder immer wieder, wie wichtig ihnen diese sei – der Rundgang führt demonstrativ auch an den dicken Tresorschränken vorbei. Die sichere Aufbewahrung ist den Schützen wichtig, das hat ihnen auch der Amoklauf von Winnenden gezeigt. Damit wollen sie auf gar keinen Fall in Verbindung gebracht werden, ja, Ehrenvorstand Eberhard Kurz ist richtig wütend auf Tim K.s Vater, der seine Waffe unabgeschlossen im Kleiderschrank aufbewahrte. „Das ist wie Autofahren im Vollsuff.“ Tim K. hat im vergangenen Jahr die Beretta seines Vaters, eines Sportschützen, genommen und damit 15 Menschen und sich selbst getötet – heute muss Jörg K. sich vor Gericht verantworten.

Eberhard Kurz hat selbst zwei Söhne: „Mir wäre das 100-prozentig nicht passiert“, sagt er. Und: „Bei mir im Verein garantiere ich dafür, dass jeder seine Waffe ordnungsgemäß aufbewahrt.“

Doch wie wollen die Bodelshäuser Schützen verhindern, dass bei ihnen jemand zum Verein stößt, der nicht nur sportliche Ambitionen hegt? Jugendliche dürften die ersten zwei, drei Male kommen, ohne dem Verein beizutreten, erklärt der Bodelshäuser Vorsitzende Michael Gehring: „Wir schauen konsequent an, wie er sich verhält.“ Zudem seien die jungen Leute nie ohne Aufsicht.

Es komme oft vor, dass Jugendliche vorbeischauen und „meinen, man kann in der Gegend rumschießen“, berichtet Kurz. „Viele gehen gleich wieder.“ Denn es gehöre äußerste Disziplin dazu. Einmal haben die Bodelshäuser einen Jugendlichen hinauskomplimentiert, weil er querschoss, im Wortsinn. Und vor etlichen Jahren wurde ein Mitglied von einer Kugel gestreift, ein Schütze hatte beim Entladen Fehler gemacht.

Trotzdem sagt Kurz: „Es passiert bei uns im gesamten Schießsport so gut wie nichts.“ Und das für ihn wichtigste Argument: Die allermeisten Verbrechen würden mit illegalen Waffen verübt. Insgesamt sieht Kurz überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einer Schützenausbildung und dem Amoklauf von Winnenden – dass Schützenvereine seitdem heftig kritisiert werden, ärgert ihn.

Kurz hat schon als kleiner Junge mit einer Pistole auf Scheiben gezielt. Als er im Berufsleben stand, kam er nach einem harten Arbeitstag öfter ins Schützenhaus – das Schießen hatte für ihn mit „psychischem Abschalten“ zu tun: „Vor allem das mentale Training gehört im Prinzip auch dazu.“ Deshalb macht er keinen Unterschied zwischen Yoga und Schießsport. Auch ein menschliches Grundbedürfnis sieht er in dieser Aktivität: „Warum gehen die Leute kegeln? Weil sie treffen wollen.“

Oben im Schützenhaus ist die Kleinkaliberbahn untergebracht. Hier wird auf 50 Meter geschossen. Jungen haben die viereinhalb Kilo schweren Gewehre in der Hand – sie haben sich auf Liegen ausgestreckt, damit sie die Waffen richtig halten können. Wer trifft, kriegt ein Hanuta. Eine Belohnung, die zum Alter passt.

Bodelshäuser Schützenverein macht  beim Mössinger Ferienprogramm mit
Mit dem Luftgewehr schossen Kinder beim Ferienprogramm – im Obergeschoss wiesen Schützen in den Umgang mit Kleinkalibergewehren ein, wer gut traf, bekam ein Hanuta. Bild: Rippmann

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16.09.2010, 12:00 Uhr

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