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Wasserwerfer und Pfefferspray

Boris Palmer: CDU hat Gewalt einkalkuliert

Die Polizisten kamen mit Wasserwerfern, Tränengas und Pfefferspray in den Stuttgarter Schlossgarten. Ihr hartes Vorgehen entsetzte Demonstranten und hiesige Politiker.

01.10.2010
  • Kathrin Schoch & Benjamin Hechler

Stuttgart. Tübingens OB Boris Palmer erklärte gestern auf TAGBLATT-Nachfrage am Telefon: „Ich glaube, dass die Gewalt der Polizei einkalkuliert wurde.“ Die CDU wolle eine „Legende von gewaltbereiten Protestierern“ aufbauen, um sich dann als Ordnungspartei ins Spiel bringen zu können. „Ich halte diese Taktik für verwerflich“, sagte Palmer.

Er befürchtet aber, sie könnte aufgehen. Die Projektgegner sollten sich nicht provozieren lassen und sich auf ihre Argumente konzentrieren. Palmer weiß aber auch: „Die Agenda wird jetzt von Polizeipferden und Schlagstöcken gesetzt.“

Heike Hänsel, die Tübinger Bundestagsabgeordnete der Linke, bekam gleich nach der Beerdigung von Walter Schwenninger gestern die Alarm-Kurzmitteilung der Parkschützer und eilte zum Schlossgarten. Dort wurde sie vom Strahl eines Wasserwerfers erwischt. Ihr Kommentar wenig später: „Die Situation eskaliert voll.“ Sie kritisierte, dass „die Polizei nicht einmal versucht hat, mäßigend vorzugehen“.

Volker Lösch, der vor wenigen Jahren als Regisseur am LTT in Tübingen gearbeitet hatte, beobachtete in Stuttgart, wie Polizisten einer älteren Frau mit einem Knüppel auf den Kopf schlugen. „Da fällt einem nichts mehr ein“, sagte er mit grimmigem Blick. So treibe man die Leute noch mehr in den Widerstand.

Die Auseinandersetzungen hatten am späten Vormittag begonnen, als hunderte Polizisten aus Baden-Württemberg und anderen Bundesländern im Schlossgarten Stellung bezogen. Mit Sperrgittern riegelten sie den Parkbereich ab, in dem die ersten Bäume gefällt werden sollen.

Den ganzen Tag über strömten immer mehr Demonstranten in den Park. Unter ihnen zahlreiche Jugendliche, die am Morgen an einer angemeldeten Demonstration teilgenommen hatten. Sie versuchten, den Weg der Lastwagen und Wasserwerfer zu blockieren.

Gegen 13 Uhr verschärfte sich die Situation. Mehrere Schüler/innen kletterten auf ein Polizeifahrzeug und wurden herunter geholt. Trotz Sitzblockaden schoben sich die Polizeifahrzeuge immer weiter voran, begleitet vom Pfeifkonzert der Demonstranten und Parolen wie „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ und „Aufhören!“.

Mit rotem Gesicht, zugeschwollenen Augen und am ganzen Körper zitternd, stolperte ein junger Mann über die Wiese. Eine Ladung Pfefferspray hatte den 16-Jährigen im Gesicht getroffen. Seine Klassenkameraden, mit denen er gegen Stuttgart 21 demonstrierte, suchten geschockt Hilfe.

Was dann folgte, schildern viele Teilnehmer als unglaublich: Immer wieder zielten die Polizisten mit ihren Wasserwerfern in die Menschenmenge. Parallel rückten von den Seiten Beamte in Dreierreihen an und drängten die Leute zurück – auch mit Pfefferspray. Manfred Grohe, der für das TAGBLATT fotografierte, sprach von einem „ganz brutalen Einsatz“.

Am Donnerstagabend rechneten Polizei und Gegner damit, dass die ganze Nacht im Schlosspark weiter demonstriert wird. Laut Polizei wurden neun Menschen ins Krankenhaus gebracht und 90 ambulant behandelt.

Boris Palmer: CDU hat Gewalt einkalkuliert
Die Polizei griff bei einer Demo gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 gestern hart durch – auch Jugendliche einer Schülerdemo wurden verletzt. Bild: Grohe

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01.10.2010, 12:00 Uhr

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