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Zahl X: 195 Stellen weniger

Bosch Rexroth baut massiv Arbeitsplätze ab / Wirtschaftsstandort Horb geschwächt

Monate des Zitterns, unzählige Gespräche, Unsicherheit in der Belegschaft – vorbei. Die Zahl „X“ ist raus: Bosch Rexroth baut am Standort Horb 195 Stellen ab – ein Fünftel der Belegschaft. Dafür lässt sich Horbs größter Arbeitgeber bis zum Ende des Jahres 2018 Zeit. Die Frage, ob es zu betriebsbedingten Kündigungen kommt, bleibt aber weiterhin offen.

04.11.2015
  • Benjamin Breitmaier

Horb. Der Wirtschaftsstandort Horb steht vor einem beträchtlichen Einschnitt. Schon im Juli wurde von Seiten des Mutterkonzerns der Bosch AG angekündigt an den sechs Bosch-Rexroth-Standorten insgesamt 450 Millionen Euro zu sparen – 46 Millionen allein am Standort Horb. Jetzt gab das Unternehmen bekannt, wie sich diese Zahl in wegfallenden Stellen ausdrückt: 195 Arbeitsplätze weniger bis Ende 2018 – das sind mehr als zwei Prozent aller Stellen in Horb, auf einen Schlag. Kostendruck, zurückgehender Markt. Die Wellen im Unternehmen haben sich aber mittlerweile etwas beruhigt. Betriebsrat und IG Metall ließen die Notwendigkeit der Sparmaßnahmen von einem unabhängigen Unternehmen, dem Ifo-Institut, prüfen. Die Beratungsfirma bestätigte die Kostenlücke.

Pressegespräch in einem der Gebäude des riesigen Komplexes in der Junghansstraße 14: Eingeladen hat der kaufmännische Werksleiter Hans Haap. Es ist drei Monate her, seitdem sich die gleichen Personen, im gleichen Raum, mit dem gleichen Thema befassten. Ähnliche Gespräche finden genau getaktet auch an den fünf anderen Standorten der Bosch Rexroth AG in Augsfeld, Elchingen, Homburg, Lohr und Schwieberdingen statt. Heute liegt die große Zahl auf dem Tisch, die so viel Unsicherheit in der Belegschaft hervorgerufen hat. Insgesamt werden im Unternehmen 1150 Stellen abgebaut. Den Schwesternstandort in Elchingen trifft es noch härter, hier werden 610 von 2450 Stellen wegfallen – ein ganzes Viertel der Belegschaft. Bei den geplanten Maßnahmen in Horb gibt es schon erste Erfolge zu verzeichnen. Bis zum Ende des laufenden Jahres, schafft es der Standort bereits 70 der 195 Mitarbeiter in anderen Standorten unterzubringen. Es bleibt weiterhin die Hoffnung, dass auch die restlichen 125 Stellen sozialverträglich, sprich ohne betriebsbedingte Kündigungen, abgebaut werden können.

Es bleiben noch zwei Stunden bis zur großen Betriebsversammlung in der Empfinger Tälesee-Halle. Hans Haap wirkt gelöster als beim letzten Gespräch. Die Kritik über intransparente Unternehmenskommunikation von Seiten der Medien und IG Metall ging nicht spurlos an ihm vorbei. Heute kann er mit offenen Karten spielen. Ein Plan liegt auf dem Tisch. Allerdings sind Betriebsrat und IG Metall davon wenig begeistert (siehe Infokasten). Doch Haap ist sich bei der Umsetzung der geplanten Maßnahmen sicher: „Horb wird seine Stellung als Leitwerk ausbauen.“ Es gelte jetzt die Zukunft der verbliebenen 850 Mitarbeiter zu sichern.

Gravierende Einschnitte für regionale Zulieferer

Die Tragik für den Wirtschaftsstandort geht allerdings über die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze hinaus. Neben dem Stellenabbau sollte eine weitere Zahl vor allem Produktionsbetriebe aus der Region aufhorchen lassen: Schon im Juli war davon die Rede, dass im Bereich Einkauf allein acht Millionen Euro eingespart werden sollen. Hauptsächlich durch Ausweichen auf billigere Teile aus Niedrigkostenländern. Im Pressegespräch bestätigt Haap dieses Vorhaben. So würden die Horber derzeit im Mitteldruckpumpensegment nur fünf Prozent Teile aus dem Ausland beziehen. Der Werksleiter erklärt, dass die Zahl bei direkten Konkurrenten teils um das Zehnfache höher liegt. Haap will nachziehen. Auf die Frage, was das konkret für regionale Zulieferer bedeutet, bestätigt er: „Ein Teil wird sicher zurückgehen.“ Haap merkt zwar an, dass das Unternehmen darauf achte, dass kein Zulieferer mit mehr als 30 Prozent seines Auftragsvolumens für Rexroth arbeitet. Die Realität ist eine andere. Gesprächen mit betroffenen Mittelständlern ist zu entnehmen, dass teilweise bis zu 80 Prozent für Rexroth gearbeitet wird. Fallen die Aufträge nun weg, sind Existenzen akut gefährdet. Das wiederum heißt, dass für Horb weitere Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

Oberbürgermeister Peter Rosenberger wurde von Hans Haap schon gestern Morgen über die Situation aufgeklärt. Das Stadtoberhaupt macht keinen Hehl aus seiner Betroffenheit: „Schade, dass sich die Gerüchte eins zu eins bestätigen. Es ist schlimm für die Stadt, ohne Zweifel. Wenn dem überhaupt etwas Gutes abzugewinnen ist, dann, dass die ersten Mitarbeiter an anderen Standorten untergebracht werden konnten“, erklärt Rosenberger.

Der Oberbürgermeister versucht, Mut zu machen. Die sonstige wirtschaftliche Lage sei gut: „Wir müssen jetzt nicht gleich den Notstand ausrufen in Sachen kommunaler Haushalt.“ Dennoch seien die Folgen für den Wirtschaftsstandort Horb, auch im Hinblick auf die Zulieferer von Bosch Rexroth, noch nicht abschätzbar.

Die Mitarbeiterversammlung in Empfingen ging gestern um 15.45 Uhr zu Ende. Teilnehmer berichten von einer gedrückten, aber konstruktiven Stimmung. „Die Mitarbeiter wollten wirklich wissen, warum, weshalb, wann“, heißt es von einem Teilnehmer. Werksleiter Haap machte aber in Empfingen auch deutlich, dass der Stellenabbau weitergehen könnte, sollten die geplanten Maßnahmen nicht hinreichend umsetzbar sein.

Bosch Rexroth baut massiv Arbeitsplätze ab / Wirtschaftsstandort Horb geschwächt
Bei Horbs größtem Arbeitgeber werden bis 2018 ein Fünftel der Arbeitsplätze wegfallen. Bild: bbm

In einer Mitteilung nehmen die IG Metall Freudenstadt und der Bosch-Rexroth-Betriebsrat Stellung zum geplanten Stellenabbau. Darin heißt es: „Die IG Metall Freudenstadt und die Betriebsräte sind angesichts des unbestrittenen Handlungsbedarfs grundsätzlich bereit, über Restrukturierungsmaßnahmen zu sprechen. Sie weisen jedoch nachdrücklich den Ansatz des Unternehmens zurück, steigendem Wettbewerbsdruck und rückläufiger Marktentwicklung pauschal mit massiven Einschnitten beim Personal zu begegnen. Der Gewerkschaftssekretär der IG Metall Freudenstadt, Nicolas Bauer, kritisiert derartige Pläne als kontraproduktiv: ,Bei Schwierigkeiten in einem Bereich reflexartig den Rotstift an den Personalkosten anzusetzen, greift deutlich zu kurz. Auf diese Weise bekämpft man kurzfristig Symptome, aber lässt den eigentlichen Kern der Probleme unangetastet.‘
Derweil arbeite die Arbeitnehmerseite weiterhin an Alternativvorschlägen und fordert von Bosch Rexroth, sämtliche in diesem Zusammenhang relevanten Informationen transparent darzustellen, erklärt Bauer: ,Die aktuellen Informationen über das Restrukturierungskonzept sind nicht umfassend genug, um zuverlässig Entscheidungen von enormer Tragweite für den Standort zu treffen.
Offen sei zudem nach wie vor, ob die von der Arbeitgeberseite angestrebten Produktivitätssteigerungen mit dem derzeit geplanten Vorgehen überhaupt erreicht werden können. Bauer fasst zusammen: ,Mit Tunnelblick auf akute Schwierigkeiten in hektischen Aktionismus zu verfallen, wird der Verantwortung gegenüber dem ganzen Unternehmen und seinen Beschäftigten nicht gerecht.‘ Die Beschäftigten sollten nicht die Zeche für Fehler beim Management zahlen, schließt Bauer.“

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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