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Die „Lenzei“ am Haagtorplatz hat eine wechselhafte Geschichte

Brauerei, Bordell und Bürgerküche

Tübingen. Wo heute das Programmkino „Atelier“ nebst Café ist, war einst eine der bedeutenden Tübinger Wirtschaften, die „Lenzei“. Das Wirtshaus am Haagtorplatz steht wohl mindestens seit den 1840er Jahren. Schon auf Bildern aus der Zeit vor dem Haagtor-Abbruch (1832) ist am „Lenzei“-Standort ein stattliches Gebäude zu sehen. Wegen seiner günstigen Lage direkt vor dem Stadttor könnte es als Gasthaus und Pferdestation betrieben worden sein.

27.04.2011
  • Matthias Stelzer

Die im Stadtarchiv erhaltenen Konzessionsakten der „Lenzei“ beginnen Ende der 1860er Jahre. Als Wirt des Gasthauses bei der Schweickhardt’schen Mühle, die durch den „Hunger-Sturm“ des Jahres 1847 zu Bekanntheit gelangte, ist 1867 Adolf Kommerell benannt.

Und vier Jahre später taucht in den Akten jener Name auf, der dem Wirtshaus womöglich seinen Namen verschaffte: Gottlieb Lenz, der Bierbrauer war, muss aber schon früher am Ammerkanal gearbeitet haben. Jedenfalls heißt es in der 1867 erschienenen Beschreibung des Oberamts Tübingen in einem Kapitel über Brauereien: „Die Bedeutendste ist Heinrich in Lustnau mit Dampfmaschinenbetrieb, welchen außerdem noch die von Lenz in Tübingen und Bachner in Derendingen haben.“

1863 gab es in Tübingen, das gut 8700 Einwohner hatte, 77 Schildwirtschaften (Gasthäuser) und 86 Wirtschaften (dazu zählten auch Besenwirtschaften). Ständige Pächterwechsel, wie sie auch in den Akten der „Lenzei“ verzeichnet sind, waren bei dieser Konkurrenzsituation eher die Regel als die Ausnahme.

Sehr konstante Besitzverhältnisse sind dagegen für die Brauerei unterhalb des Tübinger Schlosses verzeichnet. Bis Ende der 1890er Jahre braute die Familie Lenz am heutigen Haagtorplatz – auch das Gebäude 1/2, in dem heute das Gasthaus „Manufaktur“ residiert, und das Gebäude mit der Hausnummer 3 gehörten einst zur Firma.

Völlerei und Unsitte

Im Jahr 1897 baten die Brauereibesitzer Adolf Lenz und Wilhelm Henzeler (der Schwager von Lenz) bei der Stadt Tübingen um die Erlaubnis zur „Wasserentnahme an der Ammer zur Kühlung eines Kondensators“. Aber schon im Jahr 1900 hat die Stadt die Brauerei aus dem Gewerbesteuerkataster gestrichen. Lenz-Bier gab es nicht mehr.

Die Geschichte der „Lenzei“, die ihr Bier fortan von den „Vereinigten Brauereien Stuttgart-Tübingen“ im Waldhörnle bezog, reicht bis in die 1970er Jahre hinein – mit einer Unterbrechung. Dem Pächter Hans Claß wurde 1921 die Konzession entzogen, weil er ein illegales Bordell betrieben haben soll. Die Begründung liest sich in den Akten so: „Es liegen Tatsachen vor, die die Annahme rechtfertigen, daß die Claߒschen Eheleute ihr Gewerbe zur Förderung der Völlerei und Unsittlichkeit mißbrauchten.“

1922 erwarb dann der „Altherrenverband“ der katholischen Studentenverbindung „Cheruskia“ die „Lenzei“ – als Kneiplokal mit einem Chargenzimmer nebst Spiel- und Empfangzimmer im 1. Stock. Die Verbindungsära endete jedoch im Jahr 1936. Die Cheruskia löste sich auf, und mit Gustav Nufer, einem „gewesenen Zimmermann“, trat der prägende Kriegs- und Nachkriegswirt der „Lenzei“ auf den Plan.

Nufer, der seit 1919 im Gasthaus „Haagtor“ in der Haaggasse 34 (heute ist dort ein Friseur) gewirtet hatte, kaufte die „Lenzei“ und bekam die Konzession, weil er „urkundlich auf die Schankerlaubnis in der Haaggasse verzichtet“. Nufer führte die „Lenzei“ mit „Bürgerküche“ bis 1956 – mit einer kleinen Unterbrechung: Im September 1941 musste er zwei Wochen schließen, weil er zuvor „zehn bis zwölf HJ-Angehörige“ mit Alkohol und Zigarren versorgt hatte. Die „jugendlichen Hitlerjungen“ waren nach einer Feier im Gasthaus zum Schlachthof gegen Mitternacht in der „Lenzei“ aufgeschlagen.

Pizzeria und Programmkino

Von 1956 bis 1964 wurde die Gaststätte am Haagtorplatz dann von Gustav Nufers Tochter Ella Alix und ihrem Mann Jean geführt. Danach verpachtet die Familie die „Lenzei“: anfangs an Wirte wie Richard Lorenz oder Dieter Kehrer, die bürgerliche Küche anboten, später an Antonio Russo und andere italienische Gastronomen. Im Februar 1989 schließlich wurde die „Lenzei“ zu dem, was sie heute noch ist: Stefan Paul startet sein Programmkino „Atelier“ und die dem Kino angeschlossene Kinobar, die heute den Namen „Café Haag“ trägt.

Brauerei, Bordell und Bürgerküche
Das Gasthaus „Lenzei“ am heutigen Haagtorplatz vermutlich vor dem Jahr 1900. Damals wurde noch Bier gebraut.

Brauerei, Bordell und Bürgerküche
Ein Postkartenblick in Ammer- und Haaggasse. Am Wirtshaus ist noch der Schriftzug „Brauerei Lenzei“ zu erkennen.

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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