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Tafelfreuden mit Silber und Zinn

Brauereigaststätte „Hirsch“ beging 225-jähriges Jubiläum

Als Denkmal voller Sehens- und Schmeckenswürdigkeiten – vom kupfernen 4000-Liter-Braukessel bis hin zu „Oma Lisbeths Sahneschnitzel“ – ist der „Hirsch“ aus Rottenburg nicht wegzudenken. Vor kurzem konnte die Gaststätte ihr 225-jähriges Bestehen feiern.

30.12.2010
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg. „Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre der Hirsch weg“, sagt Udo Schneider. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das eingetragene Kulturdenkmal mit Sudhaus, Bierkeller und Brunnen gerettet wurde. Augenzwinkernd ergänzt der Hirschwirt: „Wir sind die Dorfwirtschaft von Rottenburg“ – hier sei der Gast mit Latzhose ebenso willkommen wie der im Nadelstreifenanzug.

Ein historisches Hirschbräu-Etikett, ein datiertes Bleiglasfenster und ein zwischen Holzbohlen aufgefundener Zettel dienten als Grundlage für das 225-jährige Hirsch-Jubiläumsjahr samt großem Straßenfest im vergangenen Herbst.

Eigentlich ist der Hirsch aber älter. Das bereits in den 1740er Jahren erwähnte erste Gasthaus dieses Namens am Marktplatz (jetzt Schäfer) befand sich im Besitz der Familie Gerbert: Hier war auch, am 18. August 1793, zum Dankfest „wegen der vom König von Preußen in Person befreiten Stadt und Festung Mainz, nach einem feierlichen Hochamt in Rottenburg mit dem Grafen von Schenk, Domherr zu Mainz, eine Tafel von 30 Gedecken à 45 Kreuzer“.

Florian Gerberts (gestorben 1819) Sohn Bernhard wurde Dreikönig-Wirt, Tochter Waldburga heiratete den „vormaligen Freiherrl. v. Ulmischen und Wagnerschen Amtmann“ Franz Engel, der im aufgehobenen Kapuzinerkloster eine Brauerei mit Wirtschaft zum „Klösterle“ einrichtete.

Um 1818 betrieb Fidel Bosch eine Brauerei am Oberen Tor, nach dessen Abriss das Haus 1831 umgebaut wurde zum heutigen „Hirsch“, zu dem auch „nach allseitiger Anerkenntniß“ der Keller unter der ehemaligen Stadtgraben-Brücke gehört.

Schon vor seinem Tod verteilte der Bierwirt unter seinen fünf Töchtern 40 000 Gulden. Bevor er zu Grabe getragen wurde, hielt man für ihn ein feierliches Choralrequiem mit Organist, sechs Bassisten und vier Choralisten. Die Armen, unter ihnen „das alte Ochsenmelkerle“, bekamen ein reichliches Almosen.

Boschs Nachlass bestand, gemäß dem rot gesiegelten und mit zitternder Hand unterschriebenen Testament, aus Liegenschaften, Gold und Schmuck, dazu Tafelsilber und Stapel von Zinntellern und -platten aus der Gaststube, seinem grünen Tuchrock, passenden Seidenstrümpfen, Weihwasserkessel und Korallen-Rosenkranz.

Fidel Boschs Nachfolger wurden Tochter Magdalena und Schwiegersohn Carl Buß, unter deren Regie das gastliche Haus weiteren Aufschwung nahm. Hinter den „gefärbten Vorhängen“ wurden feinste Manila-Cigarren geraucht und dazu gebechert was das Zeug hielt: aus 55 „Schoppenbouteillen“, 180 Schoppengläsern und 16 „Schnapsbudelen“.

Es gab eine Wirtsstube mit Uhr, Spiegeln und Portraits, Gartensaal, Kegelbahn, Tanzsaal, Altane mit Tischen und Bänken, eine Gartenschenke mit Säulen, schwarzen Leuchten und Käswaage, dazu ein „Postzimmer“ und eine – inzwischen verschollene – Weihnachtskrippe.

In den fünf Gewölbekellern lagerten, außer Malz und (vom Küfer „geschönten“) Wein, Unmengen von Zwetschgenwasser und Kirschengeist. Im Stall standen Pferde, Kühe und Schweine, die Scheuer war voll von Dinkel, Haber und Bohnen.

Nächster Hirsch-Eigentümer wurde 1862 der Küfer-Sohn Josef Bolz, der Wirtschaft, Brauerei und Brennerei sowie Hopfenbau betrieb. Auf ihn folgte 1875 Josef Holzherr und 1887 Kaufmann Carl Holzherr. Sie ließen einen Malzaufzug, eine Dickmaischpumpe und, hoch über dem alten Stadtgraben, einen Kühlschuppen auf Freipfosten errichten.

Carl Holzherrs Töchter Maria, Josefa und Kreszentia blieben unverheiratet und führten seit den 1920er Jahren das Gasthaus, während Tochter Anna nachts übers Dach des „Hirsch“ aus dem Elternhaus floh und, gegen Vaters Willen, in der Klosterkirche Beuron dem Mann ihres Herzens das Ja-Wort gab.

Im Hirsch-Sudhaus wurde bis in die 1950er Jahre noch Bier gebraut, danach blieb nur die Gaststätte. Nach dem Tod der letzten Wirtin Kreszentia Holzherr im Jahr 1979 erbte der langjährige „Knecht“, Bierbrauer Heinrich Schiek, das gesamte Anwesen. Noch immer trafen sich im „Hirsch“ alte Stammgäste wie etwa Otto Jockers und der legendäre Rottenburger Standesbeamte Wilhelm Graze.

Nachdem Schiek ebenfalls gestorben war, erwarb 1988 der junge Rottenburger Gastronom Udo Schneider (er hatte seine Koch-Ausbildung in der renommierten „Kleber-Post“ absolviert), zusammen mit seinem damaligen Partner Willi Hechler, das traditionsreiche Gasthaus. „Heiners letzter Wunsch war“, so Udo Schneider, „dass der Hirsch eine Wirtschaft bleibt“.

Erhalten blieb der Bierlaster Opel Blitz aus den 1950er Jahren; das Interieur hatten die Erben größtenteils verkauf – bis aufs Büffet, etliche Stühle und wunderbar stabile Tische, die bis heute im Restaurant stehen. Und überm alten grünen Kachelofen hängt im Goldrahmen ein Bild von Kreszentia Holzherr, das ihre inzwischen verstorbene Nichte für die Gaststube stiftete – mit der Inschrift „Liebe Tante, Du darfst in Deinen geliebten Hirsch“.

Brauereigaststätte „Hirsch“ beging 225-jähriges Jubiläum
Die heutigen Hirsch-Wirte Udo und Maria Schneider.

Brauereigaststätte „Hirsch“ beging 225-jähriges Jubiläum
So sah die Hirschkreuzung um 1830 aus: Links der „Hirsch“ mit Gattertor (statt des abgerissenen Oberen Stadttors), in der Mitte die Wirtschaft zur „Unnot“ (ungefähr an dieser Stelle steht heute das Bahn-Stellwerk). Im Hintergrund ist die Klause zu sehen, dahinter die Nordhänge des Rammert.

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30.12.2010, 12:00 Uhr

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