Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Brenners ewiger Spießer

„Boulanger“-Wirt Andreas Marx hat seine Prinzipien und die ändert er auch nicht, wenn ein EU-Kommissar in einer Gruppe anderer bierlauniger Herren vor der Tür steht. Die Herren trugen Bänder schräg über der Brust und Mützen auf dem Kopf, mit denen sie sich als Mitglieder der Landsmannschaft Ulmia auswiesen. Ohne diese Insignien der schlagenden Verbindung hätte Marx sie reingelassen, mit ihnen nicht. Das kann man gut oder schlecht finden, diskriminierend oder nicht.

16.07.2015

Marx hat jedenfalls laut juristischer Einschätzung das Recht dazu. Haben wir es hier also wieder einmal mit einem der typischen Konflikte zu tun, die so ritualisiert sind wie das einstige Maieinsingen? Hier der linke Wirt, dort die rechten Korporierten? So jedenfalls ist man versucht zu denken.

Doch die Konfliktlinie verläuft woanders. Unsere Nachfrage bei Günther Oettinger ging zwar ins Leere, aber es würde uns sehr wundern, wenn er gegen den „Boulanger“-Wirt klagen würde. Oettinger muss auch selber keinen Finger krumm machen, er hat einen mächtigen Fürsprecher, der für die Entrechteten und Gedemütigten eintritt: den ehemaligen Linken-Stadtrat Anton Brenner. Er steht wie eine Eins hinter den abgewiesenen Ulmia-Mannen. Er eilt ihnen mit Assoziationen zur Nazi-Zeit, einem Vergleich mit dem Judenverbot, dem „Blockwart im Boulanger“ zu Hilfe – er schwingt jede Keule, die er nur greifen kann.

Nun ist Brenner selber manchmal an den Biertischen im „Boulanger“ zu finden. Er kennt den Wirt, und der Wirt kennt ihn. Bislang bestand keine Feindschaft zwischen den beiden. Und wenn es weiterhin dabei bleibt und Brenner nach wie vor in der Kneipe trinken darf, dann ist es einzig und allein der Toleranz des „Boulanger“-Wirtes zu verdanken. Wäre dieser so intolerant, wie Brenner es ihm vorwirft, würde er den Gast hochkant hinauswerfen.

Warum nur holt Brenner in aller Öffentlichkeit so gegen einen Bekannten aus, mit dem er niemals einen politischen Streit führte? Weil Brenner bei jeder Gelegenheit gegen sein persönliches Phantom kämpft, das ihn wie ein braves Hündchen verfolgt: Es ist der ewige Spießer – von Haus aus „grün-alternativ“ und gerne „protestantisch“. Es ist ein Phantom, das sich immer in Gesellschaft der Gutmenschen aufhält. Das gute und schlechte Minderheiten kennt, ein Schwarzer ist die gute, ein Oettinger die schlechte. Es ist progressiv, solange es in der Opposition ist. Kaum an der Macht wird es zur intoleranten Mehrheit.

Dieses Feindbild trieb und treibt Brenner zu abenteuerlichen Koalitionen. Hauptsache, „es goht dagega“, gegen das Spießer-Feindbild. Er selber hat Diskriminierungen erlebt: Als Kommunist (DKP) wurde er aus der Partei ausgeschlossen, aber dennoch vom Berufsverbot ereilt. Sein „Kainsmal“, so sagt Brenner selber, sei jedoch die persönliche Diskriminierung und Demütigung, die er erlitt, als man ihm weder Wohnung noch Weinberg vermieten wollte. Solche Erfahrungen können den Blick auf Menschen trüben, müssen es aber nicht. Ulla Steuernagel

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball