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Ältestes Dokument datiert aus dem Jahre 1573

Briefe von Uhland und Bloch

Briefesammler Heinz Häfner besitzt Schriftstücke bekannter Tübinger Persönlichkeiten. Um sie inhaltlich einzuordnen, beschäftigt er sich intensiv mit historischen Zusammenhängen.

29.01.2013
  • Filipp Münst

Tübingen. „Die Kultur des Briefeschreibens hört auf, deshalb ist sie für uns sammlungswürdig“, sagt Briefesammler Heinz Häfner. Zusammen mit seinem Sohn sammelt er Briefe mit Tübinger Geschichte. So kommt er auch in den Besitz einiger seltener Schriftstücke bekannter Persönlichkeiten.

Dazu gehören etwa auch Briefe verschiedener Gmelins aus dem 18. Jahrhundert. Aus Häfners Briefen von Ludwig Uhland erfährt man von den zahlreichen Pflegschaften, die Uhland unterhielt. Auch Briefe von Ernst Bloch und Walter Jens hat Häfner in seiner Sammlung. Er besitzt außerdem mehrere Briefe von Eberhard Ludwig aus dem frühen 18. Jahrhundert, teils mit Papiersiegel oder sogar mit Originalunterschrift des Herzogs. In einem davon bittet er den Pfarrer von Leonberg um Rat, wie die Kriminalität im Lande verringert werden könnte.

Heinz Häfner hat als Kind Briefmarken gesammelt, aber irgendwann aufgehört. „Bis zu einem bestimmten Alter war das okay“, sagt er. Zusammen mit seinem Sohn hat er wieder damit angefangen, aber ihm erging es ähnlich. Vor gut zehn Jahren haben die beiden daher beschlossen, Briefe anstatt Briefmarken zu sammeln.

„Briefmarkensammler haben sich früher weniger mit Geschichte befasst. Es ging eher darum, einzelne Marken zu sammeln und eine Ländersammlung zu komplettieren. Heute ist das natürlich anders“, erklärt Häfner.

Häfners Sammlung umfasst rund 10 000 Briefe (der älteste Brief ist aus dem Jahr 1573), rund 1000 Ansichtskarten und viele weitere Schriftstücke. Er beschafft sie meistens über Auktionshäuser, Tauschbörsen oder über das Internet. Beim Sammeln geht es ihm auch darum, die Briefe in ihren historischen Kontext einzuordnen. Dazu hat er Sütterlin- und Frakturschrift gelernt und sich über die Jahre ein breites Wissen angeeignet.

So findet sich auch eine Sammlung reproduzierter Briefsiegel der Universität in Häfners Fundus. Hinzu kommen Tabellen mit verschiedenen Maßeinheiten, zum Beispiel dem Gewichtsmaß Loth, das lange für Briefe maßgeblich war, oder dem Württembergischen Fuß, der 0,28649 Meter misst. Diese Details sind oft wichtig, um die Briefe zu verstehen. Ein für Häfner wichtiges Datum ist das Jahr 1851 – da führte das Königreich Württemberg die Briefmarke ein und machte damit den Brief zum Massenprodukt. „Mich interessieren vor allem Briefe, die davor verschickt wurden“, sagt Häfner.

Die Universitätsbibliothek erhielt 1881 vom Königreich spezielle Frage-Antwort-Postkarten, die bereits frankiert und adressiert waren, damit der Empfänger sie gleich mit einer Antwort wieder zurückschicken konnte. Auch Johann Gottlieb Bohnenberger erhielt für seine Flurnamenforschung solche Postkarten. Heute sind sie teuer und gesucht, Heinz Häfner besitzt ein paar davon.

Ebenso besitzt er weitere Postkarten der Universität, zum Beispiel jene, die es zur Eröffnung der naturwissenschaftlichen Institute, der Neuen Aula oder des Bonatzbaus gab. Hinzu kommen frühe Postkarten der Kunsthalle, alte Werbepost von Tübinger Firmen wie Erbe oder der Frottierweberei in Lustnau, Briefe der französischen Besatzungsmächte und der provisorischen Landesregierung.

Da Briefe für Heinz Häfner immer etwas über die jeweilige Gesellschaft aussagen, sammelt er auch weniger erfreuliche Schriftstücke. Etwa eine Einladung zu einer öffentlichen Hinrichtung aus dem Jahre 1922 oder Kriegsgefangenenpost. Beeindruckend findet er eine Ansichtskarte von Schwärzloch von 1934, auf deren Rückseite der Absender durch die Blume Kritik an der Gleichschaltung übte. Amüsant findet er, wie verklemmt mancher Soldat zur Zeit des Ersten Weltkriegs an seine Frau geschrieben hat.

Über die Jahrhunderte hinweg beobachtet Häfner verschiedene Moden, etwa Schnörkel aus dem 18. Jahrhundert, die offenbar aus Frankreich kamen. Danach erkennt er eine Rationalisierung, als Schnörkel und Empfänger nur noch aufgedruckt wurden. Als das Bürgertum aufkam, gab es immer mehr Liebesbriefe mit verzierten Rändern, später schmückten handgemalte Aquarelle und Skizzen die Briefköpfe. Die Schreibmaschine kam dann verstärkt in der Weimarer Republik auf.

Von manchen Briefen hat Häfner nur den Umschlag. Die kompletten Briefe hebt er sich für den Ruhestand auf: „Erst einmal steht das Sammeln im Vordergrund, lesen kann ich das alles später noch.“

Briefe von Uhland und Bloch
Heinz Häfner mit einigen seiner Briefe, in der Hand hält er einen Reiseschein für eine Postkutsche. Bilder: Münst

Briefe von Uhland und Bloch
Schreibkultur vor dem E-Mail-Zeitalter.

Bis das Königreich Württemberg 1851 die Briefmarke einführte, war das Briefeschreiben teuer und nur reichen Leuten vorbehalten. Königliche Boten überbrachten die Briefe persönlich und kassierten vom Empfänger das Porto. Es wurde unterschieden zwischen landesherrlichen Boten und den Amtsboten, die feste Postrouten befuhren, und den privaten Gelegenheitsboten. Zu letzteren gehörten auch die „Metzgerposten“, eine Württembergische Besonderheit. Bei ihren Reisen zu Viehmärkten nahmen sie auch gleich die Post mit. Die erste Poststelle samt Stall für Postkutschen stand in der Schmiedtorstraße, 1812 bekamen die Tübinger ihre Stadtpost im früheren Marstallgebäude am Eck Neue Straße / Hafengasse.

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29.01.2013, 12:00 Uhr

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