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Zweifelhafte Online-Branchenbücher und Gewerberegister zocken ab

Bringen dem Betrieb nichts

Abo-Fallen im Internet lauern nicht nur auf jene, die ihre Software aktualisieren wollen. Die Plage überfällt zunehmend Gewerbetreibende und Dienstleister: Firmen sollen hunderte Euro für einen Eintrag in unbekannte und windige Online-Branchenbücher und Gewerberegister zahlen.

20.08.2010

Kreis Tübingen. Friedrich Kemmler kennt das: Seit einiger Zeit sammelt der Kusterdinger Geschäftsführer der Immobilienverwaltung Wohnplus sämtliche Schreiben ominöser Online-Branchenbücher, privater Handels- und Gewerberegister sowie Inkassounternehmen.

Knapp zwei Zentimeter dick ist der Stapel. Hätte er sich auf alle Offerten eingelassen, wäre sein Konto um über zehntausend Euro leerer. Doch gezahlt hat er nie, denn er hat sich nirgendwo eingetragen.

Nach dem Vorbild der Gelben Seiten, in denen laut Ingrid Meier vom Württemberger Telefonbuch Verlag der einfache Print- und Online-Eintrag kostenlos über die Telefongesellschaften erfolgt, haben sich in den vergangenen Jahren andere Online-Branchenbücher im Web breit gemacht. Per E-Mail, Fax oder Post schicken sie den Firmen einen „Eintragungsantrag“ zu.

Der Inhaber solle die bereits notierten Firmendaten (Name, Anschrift, Telefonnummer, Branche) überprüfen, eventuell korrigieren und vervollständigen. Nicht selten werden bewusst Daten falsch angegeben, damit der Chef reagiert. Tut er das, hat er einen Zweijahresvertrag unterschrieben, der ihn mehr als 2000 Euro kosten kann.

Der Firmensitz liegt häufig im Ausland, die Länder wechseln. Während sich einige dieser dubiosen Online-Branchenbuchanbieter visuell an das Vorbild der Gelben Seiten anlehnen, fahren andere die amtliche Gewerberegisterschiene, erwecken einen offiziellen Eindruck und kassieren für einen Eintrag in ein Handels-Register zwischen 700 und 1300 Euro pro Jahr.

Im Kreis Tübingen seien „relativ wenig drauf hereingefallen“, sagt Kreishandwerksmeister Gebhardt Höritzer. Er warne immer wieder davor.

Mehr zu tun hatte in den vergangenen Monaten Richard Schweizer vom Handwerkskammer-Bezirk Reutlingen. Das leidige Abzock-Problem sei gerade „ganz heftig“, sagt er. „Ganz schlimm“ sei es im Februar und März gewesen. Da habe fast täglich einer angerufen und sich über die fragwürdigen Online-Branchenbücher und sinnlosen Gewerberegister beschwert.

„Die bringen dem Betrieb gar nichts“, so Schweizer. Denn die Web-Adressen dieser Verzeichnisse seien bei Verbrauchern unbekannt. Außerdem seien die Preise stark überzogen. Derzeit bekommt der Rechtsberater wöchentlich zwei, drei Anrufe von genervten Mitgliedern, auch aus dem Kreis Tübingen.

So gebe sich etwa eine Gewerbeauskunftzentrale einen behördlichen Anstrich und mahne die Handwerker, ihre Adresse zu überprüfen und das Schreiben zurückzuschicken, so Schweizer. Die Kosten seien im Kleingedruckten versteckt. Folge: Zahlungsaufforderung und Mahnungen vom Inkasso-Büro.

Insbesondere ältere Mitglieder haben sich dadurch aus der Ruhe bringen lassen, sagt Schweizer. Sie hätten nicht mehr schlafen können und lieber gezahlt. „Cool bleiben“, rät hingegen der Rechtsberater.

Die Anbieter gingen „im Normalfall“ nicht bis vor Gericht. Schweizer empfiehlt: „Einmal reagieren, dann ignorieren“. Wer unterschrieben hat, soll den Vertrag per Einschreiben wegen arglistiger Täuschung anfechten. Sollte es wider Erwarten doch zu einer Klage oder zum gerichtlichen Mahnbescheid kommen, kann der Anwalt immer noch eingeschaltet werden. Die Regel sei das jedoch nicht.

Damit niemand mehr in die Abo-Falle tappt, warnt die Handwerkskammer auf ihrer Homepage (www.hwk-reutlingen.de) vor den Abzockern. Auch ein Musterschreiben hält sie bereit. Hilfe bekommen Firmen auch bei der Reutlinger Industrie- und Handelskammmer (IHK). Auch dort beschweren sich regelmäßig die Mitglieder, sagt Rechtsreferentin Nicole Engelhard. Allerdings ist sie eher skeptisch, was die Erfolgsaussichten der Vertragsanfechtung betrifft.

Klagen wegen arglistiger Täuschung seien oft nicht vom Erfolg gekrönt worden, weiß sie. Engelhard mahnt ihre Mitglieder, sich die zwielichtigen Online-Branchenbuch- und Register-Offerten genau durchzulesen. Der Mehrwert sei gleich Null, sie würden gar nicht genutzt. Also „ab in den Papierkorb“ – das sei der einfachste und schnellste Umgang mit solchen Angeboten.

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20.08.2010, 12:00 Uhr

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