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Zehn Jahre Tübinger Mediendozentur: „Guter Journalismus bewegt – das bleibt“

Buch versammelt die Reden und zeigt eine Branche im Strukturwandel

Selbstkritische Reflexionen und zukunftsorientierte Ideen für den Journalismus – die Branche von ihrer besten Seite zeigen die zehn Reden, die namhafte Medienprofis im Rahmen der Tübinger Mediendozentur gehalten haben und die nun im Buch „Die Idee des Mediums“ versammelt sind.

16.06.2015
  • Gernot Stegert

Tübingen. Zehn Jahre gibt es die Mediendozentur an der Uni Tübingen, 2004 gegründet von Medienprofessor Manfred Muckenhaupt, Uni-Rektorat und dem Studioleiter des Südwestrundfunks (SWR) Andreas Narr. Lauter hochkarätige und prominente Journalistinnen und Journalisten haben die Organisatoren gewonnen, um Studierenden ihre Erfahrungen zu vermitteln und in einem Vortrag Impulse zu setzen.

Wer jetzt die Reden im Buch nachliest, das Prof. Bernhard Pörksen und Andreas Narr herausgegebenen haben, stellt fest: Alle hatten – in den unterschiedlichsten Tonlagen – etwas zu sagen, nicht allein im Festsaal der Neuen Aula. Ihre Worte hallen auch nach in den öffentlichen Debatten über die doppelte Krise des Journalismus: den Strukturwandel der Öffentlichkeit durch das Internet und neue mobile Nutzungsformen sowie den Vertrauensverlust durch Fehler oder skandalisierende Berichterstattung.

Die beiden Grundkrisen lassen sich schon in den Überschriften erkennen. ARD-Hauptstadtstudioleiter Ulrich Deppendorf kritisiert am Beispiel des Falls Christian Wulff „Die gnadenlose Republik. Das Verhältnis von Journalismus und Politik“. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fragt: „Die fiese oder die vierte Gewalt? Die Macht der Medien in Deutschland“. Hans Leyendecker („Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“), Skandalaufdecker der Republik ohne Skandalisierungsfuror, sorgt sich um „Die Zukunft der Enthüllung. Wut, Macht, Medien – Wo bleibt die Aufklärung?“ „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer appelliert an Handwerk und Einstellung der Medienprofis: „Eine Frage der Haltung. Plädoyer für einen Journalismus aus Leidenschaft“.

Die meisten Titel zeigen schon, dass niemand jammert, sondern alle Mediendozenten analysieren und Lösungswege aufzeigen. Besonders deutlich wird diese konstruktive Grundhaltung bei den Reden über den Strukturwandel der Zeitungen. Der Springer-Vorstandsvorsitzende Matthias Döpfner ruft ausdrücklich zum „Abschied vom Pessimismus“ auf. Medienprofessorin und „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel schreibt über die „Zukunft eines totgesagten Berufs“ auch im Netzzeitalter. Der im Vorjahr überraschend gestorbene Frank Schirrmacher, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Anstoßgeber vieler gesellschaftlicher Debatten – dem das Buch auch gewidmet ist – aktualisiert „Die Idee der Zeitung“ fürs Internet. Der „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben will „Aus der Kritik an der Zeitung eine Zeitung machen“ und skizziert eine App als Ergebnis.

Nur Buchautor und Ex-Moderator Roger Willemsen fällt aus dem Rahmen: mit dem Thema Fernsehen und seiner wenig hoffnungsvollen Kritik. „Das blinde Medium. Rede zur Lage des Fernsehens“ lässt in Abgründe blicken. Aber: Noch in seiner Enttäuschung wird die Liebe zu dem deutlich, was Fernsehen sein könnte.

Das Buch regt zum Nach- und Weiterdenken an. Dazu gehören auch kritische Fragen. An den Springer-Chef Döpfner beispielsweise, wie zu seinen optimistischen Worten passt, dass der Konzern seine Regionalzeitungen verkauft hat und auf nichtjournalistische Onlineplattformen setzt. Oder an Alice Schwarzer, was ihr Plädoyer gegen vorgefasste Meinungen nach ihrer vorverurteilenden Berichterstattung im Fall Kachelmann noch wert ist. Oder grundsätzlich: Welche Bezahlmodelle im Netz funktionieren?

Die Herausgeber wundern sich in Vor- und Nachwort über das Schweigen der Sozial- und Geisteswissenschaftler (Pörksen) und vieler Journalisten (Narr) zur Strukturkrise der Medien. Beide fordern auf, sich einzumischen für die Qualitätsmedien als „Diskurszentren“ (Pörksen) und „ordnende Taktgeber“ (Narr). Beide Ausdrücke passen auch gut zur Mediendozentur und zum Buch „Die Idee des Mediums“. Sie sind selbst Diskurszentren und ordnende Taktgeber. Lesenswert nicht allein für gegenwärtige und angehende Medienprofis, sondern auch für die interessierten Zeitungsleser, Fernsehzuschauer, Internetnutzer.

Bernhard Pörksen/Andreas Narr (Hg.). Die Idee des Mediums. Reden zur Zukunft des Journalismus. Halem Verlag, 224 S., Hardcover, 19,80 Euro.

Buch versammelt die Reden und zeigt eine Branche im Strukturwandel
Andreas Narr

Buch versammelt die Reden und zeigt eine Branche im Strukturwandel

In einer Rede kommt es auf den letzten Satz an. Deshalb seien die Schlüsse hier zitiert: Ulrich Deppendorf beendet sein Nachdenken über den Fall Wulff entlarvend ehrlich: „Die Reflexionen kamen erst später.“ Matthias Döpfner kommt zum Ergebnis: „Guter Journalismus bewegt. Bei allem, was sich ändert – das bleibt.“ Beim unerbittlichen Enthüller Hans Leyendecker spiegelt sich die Höflichkeit des Menschen wider: „Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.“ Giovanni di Lorenzo möchte, dass Journalisten nicht skandalisieren, sondern Fakten aufdecken, nicht nur kritisieren, sondern auch Vorbilder beschreiben: „Aber auf diese erwachsene, vielleicht auch nur verständnisvolle, empathische Art auf Menschen zu blicken – das könnte für uns alle eine wichtige Aufgabe sein, eine Aufgabe mit Zukunft.“ Miriam Meckel zielt nach der Beschreibung von technischen und gesellschaftlichen Trends auf den Satz: „Die größte Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit ist der Mensch.“ Frank Schirrmacher schloss fast predigthaft: „Wenn man aber sagt, jetzt haben wir aber wirklich eine Chance, dann haben wir alle eine Chance.“ Ähnlich pathetisch sagt Cordt Schnibben über seine App-Vision: „Die wieder das werden soll, was die Lokalzeitung früher war: ein Marktplatz einer Stadt.“ Alice Schwarzer beschreibt preisgekrönten Journalismus und feiert den Schriftsteller Arno Schmidt als den Erfinder des großen Binnen-I: „Schon allein dafür hätte er den JournalistInnenpreis verdient.“ Roger Willemsen bedankt sich bei den Studierenden für etwas, mit dem Fernsehmacher bei den Zuschauern gar nicht mehr rechnen: „Ich danke Ihnen sehr für Ihre bis hierher dargebrachte Aufmerksamkeit.“

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16.06.2015, 12:00 Uhr

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