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Berlin

Buchpreis-Roman kommt laut auf die Bühne

Im Herbst hat Frank Witzel den Deutschen Buchpreis gewonnen, und schon ist sein Gesellschaftspanorama auf der Bühne zu sehen.

11.04.2016
  • DPA

Berlin. Vor der Uraufführung an der Berliner Schaubühne gab es für das Publikum Ohrstöpsel und die Warnung vor "sehr lauter Musik". Auf dem Programm stand die Theateradaption von "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel (Jahrgang 1955). Nicht nur die laute Musik war oft heftig. Inszeniert hat der 1964 geborene Armin Petras in Ko-Produktion mit dem Schauspiel Stuttgart, dessen Intendant er ist. Er setzt generell aufs Laute.

Im Roman, für den Witzel im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis bekam, wird die Geschichte eines psychisch kranken Jugendlichen aus der hessischen Provinz im Jahr 1969 auf etwa 800 Seiten zum pointierten Panorama der west-deutschen Gesellschaft jener Zeit.

Petras und Dramaturgin Maja Zade versuchen diese Geschichte in einer rasanten Folge von Szenensplittern und Monologen zu bündeln. Zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler sowie die Band "Die Nerven" schlüpfen in verschiedene Rollen wie die des Erzählers, der namenlosen Hauptfigur, dessen Freunde und Eltern. Angesiedelt ist das Geschehen auf offener Bühne, die von zahllosen im Stil der 60er Jahre gekleideten Schaufensterpuppen bevölkert ist.

Man kann diese Puppen als Verkörperung der gesichtslosen Masse verstehen. Dazwischen gelingt es den Akteuren gelegentlich, Figuren Profil zu geben. Sie werden erkennbar als junge Leute, die mit pubertärer Anarchie gegen die Saturiertheit einer selbstgenügsamen Gesellschaft rebellieren.

Videoeinspielungen, etwa von Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen oder von populären Produkten der Konsumgesellschaft, illustrieren die Momentaufnahmen aus dem Gestern effektreich. Für kurze Augenblicke blitzt im raschen Wechsel von Slapstick und Agit-Prop kraftvolle Zeitkritik auf. Dabei wird unaufdringlich auch auf die Gegenwart verwiesen: Es stellt sich die Frage, wieso heute wieder viel rechtes Gedankengut wabert.

Wirkungsvoll ist das immer dann, wenn es konkret um die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Erbe und die Suche nach einer wirklichen Demokratie geht. Themen, die aktuell sind. Häufig aber dominiert grober Witz. Wenn da etwa das berühmte Nacktfoto der Kommune I nachgestellt wird oder ein Pfarrer so viele Würstchen in sich hineinstopft, bis er das Essen beim Reden ruckweise ausspeit, verpufft die Wirkung und reduziert den Abend auf ein Kaleidoskop von Rockmusik und Ulknummern.

Einige Zuschauer kehrten der oft bemüht anmutenden Bebilderung bundesrepublikanischer Befindlichkeiten vorzeitig den Rücken. Der Schlussbeifall der Mehrzahl der Theaterbesucher aber war freundlich. Er galt wohl vor allem dem insbesondere körperlich beeindruckenden Einsatz des von Jule Böwe und Peter René Lüdicke angeführten Ensembles.

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11.04.2016, 06:00 Uhr

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