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Am Rand der RAF

Buchpreisgewinner Frank Witzel im Museum

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015, Frank Witzel, las am Sonntagvormittag im oberen Saal des Tübinger Museums aus seinem Werk und ging in einen Dialog mit TAGBLATT-Redakteur Peter Ertle.

23.11.2015

Tübingen. Der Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist satte 817 Seiten stark. 15 Jahre arbeitete Frank Witzel daran – oft nahe daran aufzugeben. In diesem Jahr erhielt er dafür den Deutschen Buchpreis. Sein Leben habe sich dadurch verändert, sagte Witzel im Gespräch mit TAGBLATT-Redakteur Peter Ertle im Museum: „Ich habe vorher zurückgezogen gelebt. Jetzt habe ich viele Anfragen.“

Der Roman lese sich wie eine Textsammlung zum Thema, eröffnete Peter Ertle nach der ersten Leserunde. Witzel hatte aus dem Anfangs-Kapitel gelesen, in dem der jugendliche Protagonist verwirrt darauf reagiert, dass die spätere Terror-Gruppe erstmals namentlich in den Nachrichten genannt worden war. Ihm wird bewusst, dass seine Freunde und er von der Öffentlichkeit eine Identität aufgedrückt bekommen, die nicht unbedingt der Selbstwahrnehmung entspricht. Diesen Teil, mit Figuren wie Claudia und Bernd, habe er als letztes geschrieben, sagte Witzel: „Ich brauchte etwas Handlungsstarkes, einen roten Faden. So dass es einen Bogen, einen Klangkörper ergab.“

Die Reihe des Lesens war nun an Ertle. Er wählte eine absurd anmutende Verhörszene („die hat eine andere Temperatur, einen anderen Klang, als die anderen Texte“), die vermutlich genau so stattgefunden hat: Wenn der Protagonist doch an derselben Schule wie die Terroristin Birgit Hogefeld unterrichtet worden sei, müsse es zwischen beiden zwangsläufig eine Verbindung gegeben haben.

Witzel nahm Ertles Vergleich zwischen der Ikonografie der RAF mit jener der katholischen Kirche auf und leitete zum Hauptthema des Buchs über: Was löst solch eine Ikonografie in den Phantasien Jugendlicher aus? „Eigentlich lehnt man den Terror ab. Andererseits wünscht man sich als 13-Jähriger, dass etwas auftaucht, das die Erwachsenenwelt durchschüttelt.“ Orts- und Straßennamen sowie Produktmarken, die er nannte, seien ein Teil der Teeniewelt und hätten nichts mit einer Nostalgie nach dem alten Westdeutschland zu tun.

Ertle lobte das Register als eigenes lesenswertes Kapitel. Auf die ständigen Referenzen im Buch auf Popmusik verweisend, zog er jene Schallplatte hervor, die eine große Rolle im Roman spielt: „Rubber Soul“ von den Beatles. „Eine italienische Pressung“, stellte Witzel sachkundig fest. Ein weiteres Kapitel, das Ertle besonders gefiel, war jenes mit kleinen Heiligengeschichten, mit denen der Autor die Biografien der RAF-Gründer um Andreas Baader ins Phantastisch-Irreale hob. Die Geschwister Thorwald und Astrid Proll wurden darin zu titanenhaften Zwillingen wie Castor und Pollux, die ihre Unsterblichkeit aufgeben mussten.

Nachfragen seitens des Publikums? Keine. Das sei er gewöhnt, sagte Witzel. Einmal, nach einer Lesung in Berlin, hätte sich ihm jedoch eine Frau mit folgenden Worten vorgestellt: „Ich bin Astrid Proll. Ich lebe noch.“ mac

Buchpreisgewinner Frank Witzel im Museum
Frank Witzel. Bild: Ertle

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23.11.2015, 12:00 Uhr

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