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Naturpark statt Großflugplatz

Bürgerprotest wendete eine „Wahnsinnsidee“ ins Gute

„Die Wahnsinnsidee“: Für zwei Milliarden Mark sollte im Schönbuch zwischen der Kälberstelle und Walddorf der Großflughafen Stuttgart II gebaut werden. Der Widerstand: „Enorm! Besonders die Dettenhäuser gingen auf die Barrikaden“, sagt Chronist Manfred Grohe. Der Erfolg: Der Schönbuch ist seit 40 Jahren der erste Naturpark des Landes.

10.03.2012
  • Martin Mayer

Dettenhausen/Tübingen. „Haben wir mit diesen zwei Milliarden nichts Gescheiteres zu tun, als diese Wahnsinnsidee zu verwirklichen?“ Oskar Klumpp, der damalige Landrat von Tübingen, musste am 3. März 1972, bei der Protestversammlung in der Dettenhäuser Festhalle keine großen Worte finden, um die fast 600 versammelten Bürger und Lokalpolitiker auf die Palme zu bringen.

Bürgerprotest wendete eine „Wahnsinnsidee“ ins Gute
Kein Flughafen im Schönbuch: Bei der Protestversammlung in der Dettenhäuser Festhalle am 3. März 1972 versprach der Vorsitzende des Schwäbischen Albvereins, Georg Fahrbach (am Rednerpult), dem Tübinger Landrat Oskar Klumpp, dem Dettenhäuser Bürgermeister Helmuth Bächle und dessen Kollegen aus Weil im Schönbuch und Waldenbuch (erste Reihe von links) die Unterstützung von 100000 Albvereinsmitgliedern: „Wenn Sie uns rufen, marschieren wir mit!“Archivbilder: Grohe

Klumpp und Helmuth Bächle, damals Bürgermeister von Dettenhausen, hatten die von den Stuttgarter Flughafen-Plänen aufgebrachten Freunde des Schönbuchs in der Dettenhäuser Festhalle zusammengetrommelt, um die Empörung zu kanalisieren: Aktionen, Demos, Kampfmaßnahmen waren vorzubereiten. „Das Ganze ist ein Murks“, wetterte Klumpp Richtung Stuttgart: „Wir lassen den Schönbuch nicht zerstören!“

In der Dettenhäuser Festhalle schlossen sich damals „die Bundesgenossen“ zusammen: Die Aktion zur Erhaltung des Schönbuchs wurde unterstützt von der Tübinger Uni-Leitung und von der Forstverwaltung, von den örtlichen Bundestags- und Landtagsabgeordneten – und in Dettenhausen kam nun auch noch der Schwäbische Albverein mit seinen 100 000 Mitgliedern als Verstärkung hinzu.

Überall im Land werde man gegen den Schönbuch-Flugplatz „einmütig kämpfen“, versicherte in der Festhalle Georg Fahrbach, der Albvereins-Vorsitzende: „Wenn Sie uns rufen, marschieren wir mit!“ Die „Wahnsinnsidee“ aus Stuttgart. die drei Jahre zuvor erstmals bekannt wurde, war ja auch Mobilisierung genug: Für etwas mehr als zwei Milliarden Mark sollten im Herzen des Schönbuchs zwischen Kälberstelle und Walddorf rund 1400 Hektar Wald gerodet und für den Großflughafen Stuttgart II eingeebnet werden. Zufahrten hätten die Wald-Reste zerschnitten, rings um den Airport hätten sich Service-Einrichtungen angesiedelt.

400 Flugbewegungen pro Tag standen zu fürchten: alle 2,4 Minuten sollte dort ein Flugzeug starten oder landen. In Tübingen sorgte sich die Universität für ihre Institute und Kliniken um deren Arbeitsfähigkeit. 22 Schönbuchgemeinden sahen die Lebensqualität an ihren Orten massiv gefährdet.

Bürgerprotest wendete eine „Wahnsinnsidee“ ins Gute
17. März 1972: das Protestplakat.

Zwei Milliarden Mark und ein unterirdisch anmutendes Verkehrsprojekt: Die Geldsumme mutet 40 Jahre danach eher klein an. Doch der Ansatz kommt einem bekannt vor. Nicht nur dem Chronisten Manfred Grohe fallen dazu im Rückblick die Wut- und Mutbürger von Stuttgart ein. Überall hat er dokumentierende Fotos gemacht. Und immer wieder hat ihn das Gefühl beschlichen: „Wir sind wohl viel zu brav gewesen.“

Alles miterlebt, doch nichts begriffen

Dass die Daimler AG nach dieser Geschichte des 1972 zum Naturpark erhobenen Waldgebiets Schönbuch 39 Jahre später mit der Idee daherkam, auf dem Einsiedel ein Motodrom mit Teststrecke zu bauen – darüber kann Grohe nur den Kopf schütteln: „Das zeigt, dass die nichts begriffen haben.“

Vor 40 Jahren jedenfalls brachten die Bürger und Lokalpolitiker um Oskar Klumpp und Helmuth Bächle der Landesregierung von Hans Karl Filbinger das Begreifen ziemlich rasch bei. Knapp drei Wochen nach der Dettenhäuser Protestversammlung wurde der Flughafen-Plan gekippt und der Schönbuch zum Naturpark erklärt.

Oskar Klumpp, der Organisator des Protests, starb im Februar 1973. Nach ihm wurde im Schönbuch eine Eiche und in Dettenhausen eine Straße benannt.

3. März 1972: Protestversammlung gegen den Schönbuch-Flughafen in der Dettenhäuser Festhalle mit fast 600 Bürgern und Kommunalpolitikern
15. März 1972: Der Stuttgarter Ministerrat rückt von dem Schönbuch-Projekt ab, da der Bund seine Zuschüsse auf wenige Großflughäfen beschränke und Stuttgart mit dem Bau des Großflughafens überfordert wäre.
17. März 1972:
Landrat Klumpp bleibt skeptisch, lädt die Schönbuch-Schützer ins Tübinger Landratsamt: Von „Lippenbekenntnissen“ will man sich nicht stoppen lassen. Einige hundert Vertreter aus den Kreisen Tübingen, Böblingen und Nürtingen planen Protestaktionen und verweisen auf den Wahltag im April.
22. März 1972: Ministerpräsident Filbinger teilt mit, dass die Landesregierung den Schönbuch per Grundsatzbeschluss zum ersten Naturpark des Landes erklärt hat.
27. März 1972: Der Schönbuch sei „endgültig aus der Diskussion“, versichert Ministerpräsident Hans Filbinger im Schloss Bebenhausen den lokalen Politikern und der „Aktion Schönbuch“. Die Ernennung des Schönbuchs zum ersten Naturpark im Land sei ein „wichtiger Schritt in der Umweltschutzpolitik des Landes“.
23. April 1972: Landtagswahlen
11. Mai 1972: Schönbuchtag an Himmelfahrt: Jetzt erst recht!

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10.03.2012, 12:00 Uhr

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