Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Spitzentanz im Gefängnis

Bundesjugendballett trat erstmals im Gefängnis auf

Zwei unterschiedliche Welten, Rap und modernes Ballett, trafen aufeinander in einem künstlerischen Experiment im Rottenburger Gefängnis.

25.05.2012
  • Ifigenia Stogios

Bundesjugendballett trat erstmals im Gefängnis auf
Das Bundesjugendballett tanzte in der Rottenburger Justizvollzugsanstalt.

Rottenburg. Der Kultursaal der Justizvollzugsanstalt Rottenburg wird häufiger für kreative Ereignisse genutzt. Am Mittwochabend erfuhr er eine Premiere: Filigrane Bewegungen junger, durchtrainierter Männer und Frauen waren zu sehen: Das Bundesjugendballett aus Hamburg war da und mischte in seiner Aufführung modernes Ballett mit Hip- Hop.

Nebel kam aus der abgedunkelten Bühne. Ein Mann trat heraus, offensichtlich kein Ballett-Jüngling, auch wenn er keine Häftlingskleidung trug. Er begann zu sprechen. Es war dieser typische Sprechgesang, der den Rap kennzeichnet. Das Ballett kam hinzu, schwarz-weiß gekleidet, die Mädels in den typischen Röckchen, die jungen Männer in kurzen Hosen. Die Compagnie tanzte zu dem Sprechgesang.

Danach stellten sich die sechs Gefangenen vor, die zehn Rap-Songs getextet, teilweise auch komponiert hatten. Die Inspiration für ihre Texte schöpften sie aus ihren Alltag im Vollzug und aus ihrer individuellen Vergangenheit. Auch das multikulturelle Ballett stellte sich vor: vier Frauen und drei Männer aus Kanada, Japan, Brasilien, Holland, der Schweiz und den Niederlanden. Hundert Leute saßen im Publikum, darunter siebzig Häftlinge.

Die Rapper sangen mit viel Gefühl von ihrem Alltag im Gefängnis und ihrer Vergangenheit. Sie rappten über Geliebte, die sie enttäuschten, über untreue Freunde, Kriminalität, Glauben und Vorurteile, die sie bei anderen Menschen ihnen gegenüber empfinden. Mit Titeln wie „Wir sind anders als die Anderen, das sind Fakten“ oder „Gott ist stolz auf uns“ traten sie selbstsicher auf.

Das Ballett tanzte nicht wie gewohnt klassisch, sondern modern mit lockeren Bewegungen, mit viel Gestik und Mimik. Der Gesichtsausdruck der Tänzer/innen entsprach dem Gefühl, das der jeweilige Text in ihnen auslöste.

Zu der ungewöhnlichen Aufführung kam es, weil der Organisationsleiter des Balletts, Lukas Onken, ein Gefängnis suchte, das Teil eines Musik- und Tanzprojekts werden konnte. Übers Internet wurde er auf die Justizvollzugsanstalt Rottenburg aufmerksam und auf dessen bisherige kulturellen Aktionen. „Wir sind offen dafür, an besonderen Orten aufzutreten“, sagte Onken; „im Gefängnis sind wir aber zum ersten Mal.“

Das Ballett beschränkt sich nicht auf bestimmte Musikarten, es tanzt auf Musik von Schubert, von Bernstein oder zu Hip-Hop, erzählte der künstlerische Leiter Kevin Haigen. Als Lukas Onken den fürs Freizeitprogramm im Gefängnis zuständigen Beamten Gerhard Brüssel anrief, gab dieser sofort sein Einverständnis. „Das Auftreten vor Publikum hat den Häftlingen deutlich geholfen, Selbstbewusstsein zu gewinnen“, sagte Brüssel. Einer in der Arbeitsgruppe sei am Anfang strikt dagegen gewesen, „aber letztendlich hat er es gut gemeistert, seine Lieder vorzutragen“. Schwierig sei es gewesen, so Brüssel, an legale Beats (Grundmelodien) zu kommen. Ebenso schwierig, ehrenamtliche Helfer für die Hip-Hop- Gruppe zu finden.

Der Plan war, dass die Gefangenen eigene Rap-Lieder komponieren und aufnehmen. Die CD, die auf diese Weise entstand, schickte Brüssel nach Hamburg zum Bundesjugendballett, damit es die Musik choreografisch umsetzen konnte. Drei Tage vor der Aufführung kam die Tanzgruppe nach Rottenburg und probte mit den Gefangenen.

Die Mühe hat sich gelohnt. Rap-Musik und Ballett-Tanz ergänzten sich harmonisch auf der Bühne. Nadir Cengiz, eines der Mitglieder der Hip-Hop-AG sagte: „Wir hatten endlich die Chance, uns nach außen laut zu machen und mitteilen zu dürfen, was wir fühlen und denken.“ Es habe allen Spaß gemacht zu texten und zu komponieren. Gern würden sie es nochmal machen.

Zum Ende der Vorstellung sangen die Häftlinge ihr beliebtestes Lied als kalkulierte Zugabe: „Ab in den Knast!“ Anschließend erhielten die Frauen und Männer des Jugendballetts Tassen mit dem Em blem der Justizvollzugsanstalt geschenkt. Für die Häftlinge gab es Schokolade, Kaffee und ein gemeinsames Foto.

Das Bundesjugendballett gibt es seit September 2011. Es gehört zum Ballettzentrum John Neumaier in Hamburg. Ballettmeister ist Yohan Stegli. Die acht jungen Frauen und Männer der Compagnie sind zwischen 18 und 23 Jahren alt. Sie haben bereits eine Tanzausbildung absolviert, die Mitgliedschaft im Bundesjugendballett ist auf zwei Jahre begrenzt.

Brückenbauer zwischen Ausbildung und Beruf soll das Ballett sein. Es will jene Fertigkeiten herausarbeiten, die nötig sind, um im Berufsleben bestehen zu können, und es will die künstlerische Persönlichkeit formen. Die Gruppe tritt deutschlandweit und im Ausland auf, Spielstätten sind Festivals, Schulen, Altenheime und jetzt auch Gefängnisse.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.05.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball